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Panorama 30 Jahre nach Hillsborough-Katastrophe: Fans dürfen wieder stehend jubeln
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21:54 07.10.2021
Jubelnde Fans in einem Stadion in London.
Jubelnde Fans in einem Stadion in London. Quelle: Tim Goode/PA Wire/dpa
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London

Es ist ein milder Herbstabend im Zentrum Londons. Fans strömen, in Trikots bekleidet, zu Hunderten die Straße entlang. Sie sind unterwegs zu einem Fußballspiel im Emirates Stadion. Auf die Frage, was sie davon halten, dass man nun bald wieder in manchen Stadien im Land werde stehen können, reagiert eine Gruppe junger Fans überrascht: „Das ist doch eigentlich seit den Neunzigerjahren verboten“, kommentiert ein Mann, „seit dem Hillsborough Disaster“.

Was für Fußballbegeisterte in Deutschland normal ist, ist in Großbritannien tatsächlich seit über 25 Jahren nicht erlaubt. Bei einem tragischen Unglück Ende der Achtzigerjahre in Sheffield, nicht weit von Manchester, starben in Folge einer Massenpanik 97 Menschen. Danach wurde das Stehen im Stadion untersagt. Bis jetzt. Denn ab dem kommenden Jahr soll es in ausgewählten Stadien der Premier League und von Clubs der zweitklassigen Championship wieder Stehplätze geben – als Teil eines Pilotprojektes.

„Nun ist der richtige Zeitpunkt gekommen“

Seit Jahren hatten sich Aktivisten dafür eingesetzt, dass Fans ihren Clubs wieder stehend zujubeln dürfen. Onlinepetitionen wurden verfasst, es gab Debatten im Parlament. Nun willigte die zuständige englische Behörde „Sports Ground Safety Authority“ (SGSA) einer Versuchsphase ein.

Nigel Huddleston, Minister für Sport und Tourismus, kommentierte: „Wir haben immer unterstrichen, dass wir Fans und Clubs dabei unterstützen werden, Stehplätze einzuführen“. Und: „Nun ist der richtige Zeitpunkt dafür gekommen“ – auch weil Studien gezeigt hätten, welche Bedingungen die Clubs in ihren Stadien erfüllen müssen, um mehr Sicherheit zu gewährleisten.

Um zu erkennen, welche Voraussetzungen dies sind, schaute man von der Insel aus auch nach Deutschland. Ein Report der SGSA untersuchte unter anderem das Verhalten der Fans im Dortmunder Westfalenstadion. Das Ergebnis: Kontrolliertes Stehen hat einen „positiven Effekt auf die Sicherheit der Zuschauer“.

Diese Erkenntnisse flossen in die Vorgaben der britischen Behörde, und diese sind streng. So müssen die Reihen durch Barrieren geteilt sein, sowohl in der Heim- als im Auswärtsbereich. Außerdem müssen die Fans in der Lage sein, sowohl zu stehen als auch zu sitzen. Der Blick auf das Spielfeld soll nicht behindert werden und jeder soll seinen eigenen Platz haben.

Erfüllen die Stadionbetreiber diese Kriterien, wird eine Stehplatzlizenz erteilt wird. Diese gilt dann für einen klar festgelegten Bereich und zunächst nur bis zum Saisonende. Die Deadline für die Bewerbung zur Teilnahme an der Pilotphase endete diese Woche.

Warum wollen die Fans eigentlich stehen?

Bislang gehören unter anderem die Clubs Tottenham Hotspur, Manchester City, Manchester United, Liverpool und Chelsea zu denjenigen, die diese Vorgaben am schnellsten und einfachsten erfüllen können, berichten britische Medien. Andere Clubs mussten noch größere Veränderungen vornehmen, um den Kriterien der SGSA gerecht zu werden.

Insbesondere Chelsea, einer der erfolgreichsten Vereine im Vereinigten Königreich, machte sich diesem Sommer keine Freunde mit seinen Bemühungen, zeitnah Stehplätze einzurichten. Hunderte Fans des Clubs wurde wegen verzögerten Umbaumaßnahmen der Zugang zum Stadion und damit auch die lang ersehnte Liveatmosphäre verwehrt.

Das Foto zeigt die Entwicklung zur Katastrophe vor dem englischen FA-Cup-Halbfinalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest im Hillsborough-Stadion von Sheffield. Quelle: -/dpa/epa/dpa

Doch wieso wollen die Fans eigentlich stehen? Die meisten begründen dies mit der besseren Stimmung. Dem Umstand also, dass man sich bei einem lang andauernden Spiel nur schwer auf einem Sitz halten kann. Historisch betrachtet waren Tribünen mit Sitzplätzen aber ein Fortschritt. Ermöglichten sie es doch mehr Fans, das Spiel sehen zu können – und das, ohne 90 Minuten am Stück stehen zu müssen.

Das Problem war aber, dass Arbeiter sich solche Sitzplätze nur schwerlich leisten konnten. Im Lauf des 19. und 20. Jahrhunderts wurden deshalb zunehmend aus Schutt aufgehäufte Hügel und schließlich Terrassen beziehungsweise Tribünen populär. Denn diese boten mehr Menschen eine gute Aussicht auf den immer beliebter werdenden Massensport.

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Dabei kam es jedoch immer wieder zu Unfällen. So starben bei einem Einsturz einer hölzernen Tribüne im Ibrox Stadion in Glasgow im Jahr 1902 insgesamt 25 Menschen.

Das Unglück, das sich in das kollektive Gedächtnis der Briten eingegraben hat, ist jedoch das „Hillsborough Disaster“. Es ereignete sich am 15. April 1989 während des Halbfinalspiels um den FA Cup zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest. Damals starben fast 100 Menschen, 766 wurden verletzt. Spätere Untersuchen ergaben, dass das Öffnen eines Tores durch die Polizei zu einer Massenpanik geführt hatte.

Von Susanne Ebner/RND

Der Artikel "30 Jahre nach Hillsborough-Katastrophe: Fans dürfen wieder stehend jubeln" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.