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Welt Ohne Rückfahrkarte: Neues Album “Handgepäck I“ von Clueso
Mehr Welt Ohne Rückfahrkarte: Neues Album “Handgepäck I“ von Clueso
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12:03 19.08.2018
Ein Album voller Songs, die auf Reisen entstanden sind: Clueso meldet sich mit “Handgepäck I“ zurück – minimal instrumentiert, melancholisch und mit neuen Perspektiven. Quelle: sonntag clueso
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Rüspel

Clueso macht neuerdings Werbung. Für Ost-Cola. Weil sie wie er aus Ostdeutschland stammt. Weil sie für ihn eine Kindheitserinnerung darstellt. Neun Jahre vor der Wende kam er in Erfurt auf die Welt. Dort, in der Nähe seiner Eltern, lebt er noch immer, dort ist er tief verwurzelt. Capri Sonne würde auch gut zu ihm passen. Denn der 38-Jährige wirkt so jugendlich, als würde er sofort nach dem Interview auf ein Skateboard hopsen und davonzischen.

Wir sind im “Kliemannsland“ in Rüspel, einem Dorf in der Nordheide. Die Produzenten der Sendung “Bongo Boulevard“ haben sich den Hof des Youtubers Fynn Kliemann als Kulisse für die Clueso-Folge ausgesucht. “Man rauscht so durch Momente“, sagt Clueso alias Thomas Hübner, “übersieht die besten oder nimmt sie einfach so mit. Man kann sie ja nicht fotografieren.“ Wir trinken Kaffee, keine Cola. Er mit Milch und Zucker.

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2005 ließ er erstmals aufhorchen, als er eine Prostituierte besang, die sich nach “Chicago“ träumte, weg von der Straße, weg vom Heroin, raus aus der Nacht, raus aus der harten Realität. Sie wollte irgendwohin, “wo niemand ihren Namen kennt“.

Noch introvertierter als sonst

Der Song steht beispielhaft für seinen Sound und seine Haltung. Seine Lieder sind eher leise, eher nachdenklich, eher besorgt. Man ahnte gleich, dass er ein autobiografischer Texter ist, dass er die Chicago-Frau persönlich kannte. Ob sie es nach Chicago geschafft hat? Nein, antwortet er. “Es geht ihr nicht gut. Es ist kein Heroin mehr, aber etwas anderes.“ Mehr möchte er dazu nicht erzählen.

“Schmissige Nummern“, wie er sie nennt, kann er auch. Doch Songs wie “Zusammen“, seine Kooperation mit den Fantastischen Vier, oder “Achterbahn“ gibt es auf seinem neuen Album “Handgepäck I“ nicht. Clueso klingt noch introvertierter als sonst. Die Lieder sind minimal instrumentiert. Mal ein Banjo, mal ein Cello, mal ein Akkordeon.

Er hat die Stücke in den vergangenen Jahren unterwegs geschrieben und aufgenommen, auf Tournee oder privaten Reisen. Mehr als eine Gitarre, einen Laptop und ein Mikrofon braucht man dazu nicht. “Wie versprochen“ etwa entstand in Neuseeland und Nordamerika. “Keine neue Nachricht von dir seit Dezember“, singt er da. Manchmal hält man Alleinsein gut aus und manchmal nicht.

“Ich reise, um mich zu erinnern“

In “Stein“ schleppt er etwas Schwerwiegendes mit sich herum, vielleicht ein Schuldgefühl, denn er singt: “Dein Blick ein Stein auf meinem Weg.“ In “Paris“ sinniert er über längst vergangenes Glück. Der Plot, ein Paris-Trip mit seiner ersten großen Liebe im Jahr 2005, ist wahr. Ja, denkt man: Zeit verrinnt, so manche Liebe verwelkt, eine Rückfahrkarte hat man nicht, das Leben ist ganz automatisch eine Vorwärtsbewegung, egal, was man daraus macht.

Clueso ist ein talentierter Tröster. Wie findet er selbst Trost? Reist er, um zu vergessen? “Ich reise, um mich zu erinnern“, sagt er. Nach zuletzt zwei Nummer-eins-Alben in Folge gebe es in seinem Alltag als gefragter Musiker kaum Leerlauf oder Langeweile. Wenn man dagegen unterwegs ist, seien solche Pausen unvermeidlich. Er nutze sie zur Selbstreflexion.

Reisen scheint für ihn kein Urlaub zu sein, weniger Sightseeing, mehr Selbstfindung. “Die melancholischen Stunden in meinem Leben waren immer sehr förderlich, weil sie zur Musik geführt haben“, sagt er auch.

Clueso alias Thomas Huebner - der deutsche Sänger, Rapper, Songwriter und Produzent bei einem Konzert in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg. Quelle: jazzarchiv

Clueso trennte sich 2015 von vielem, was ihn ausmachte. Er löste sich von langjährigen Weggefährten: von seinem Manager und seiner Band. “Je größer der Erfolg wurde, desto mehr fühlte ich mich erdrückt von guten Ratschlägen und Erwartungen“, sagte er damals der “Zeit“. Dies mündete in dem Album “Neuanfang“. Im Titelsong zitierte er den griechischen Philosophen Aristoteles: “Ich kann den Wind nicht ändern, nur die Segel drehen.“

Anscheinend geht seine Befreiungsaktion nun weiter. Clueso hat seinen Sound justiert, ihn verdüstert, als wolle er sich von den vielen Lenor-Pop-Sängern im Radio, ihrem fiesen Pathos, diesem Selbsthilfegruppen-Feeling distanzieren. Ist das so? Will er sich abkoppeln von all den Epigonen, die offenbar versuchen, ihn, das Original des deutschsprachigen Trost-Pop, zu kopieren? “Die, die getarnten Schlager machen, finde ich gar nicht geil“, antwortet er, “die, die zugeben, dass sie Schlager machen, finde ich gar nicht so schlimm.“

Mitdenken statt Mitklatschen

Er sieht sich als klassischen Singer-Songwriter. Seine Musik will er als “Pop mit Kante“ verstanden wissen, “Pop, der auch mal in die Kurve geht“. So wie das Lied “Einfache Fahrt“, in dem er die Gemütsverfassung seines Protagonisten mit der Formulierung “mit einem heißen Becher Gift in meiner Faust“ beschreibt. Was er damit meint? Das ist Interpretationssache. Er fordert sein Publikum nicht zum Mitklatschen auf, sondern zum Mitdenken.

So wie Udo Lindenberg, mit dem er “Cello“ sang, was beiden jede Menge Aufmerksamkeit brachte. Oder wie Wolfgang Niedecken, mit dem er “All die Augenblicke“ für dessen Afrika-Hilfe aufnahm. Suchten diese Musiker, die seine Väter sein könnten, seine Nähe oder war es umgekehrt?

“Ich hatte da schon hingedacht. Wenn der andere dann nicht blockiert ...“, sagt Clueso, als sei es ein gegenseitiges Finden gewesen. “Ich suche keine Musiker, sondern eher so Kanalratten“, zitiert er Udo mit Udos Stimme. Clueso bewundert Lindenberg, dessen Mitgefühl und Aufrichtigkeit. Falsches Pathos findet man bei beiden nicht.

“Mein Vater war anti, weil er Angst um mich hatte“

Seit “Cello“ gehört er mit zur Panik-Familie. Hat er bei Lindenberg die Anerkennung gesucht, die er von seinem Vater anfangs nicht bekam? Rolf Hübner sorgte sich in den Nachwendejahren sehr um seinen Sohn, der seine Friseurlehre nach nicht bestandener theoretischer Prüfung abbrach, um voll auf Musik zu setzen.

Viele im Osten verloren damals ihre Jobs. Sein Vater habe selbst Mitarbeiter entlassen müssen, erzählt Clueso. Dass sein Sohn in dieser unsicheren Zeit lieber rappen wollte, als die Ausbildung zu beenden, missfiel ihm. “Mein Vater war anti, weil er Angst um mich hatte.“

Clueso schottete sein Musikerleben zunächst vor seinen Eltern ab. Erst später, als er vor ein paar Hundert Leuten auftrat, lud er sie zu seinen Konzerten ein, kündigte sie sogar an: “Hört mal auf zu kiffen, meine Eltern sind da!“ Heute hilft ihm sein Vater, inzwischen Rentner, im Studio.

“Handgepäck I“ von Clueso ­erscheint am 24. August. Quelle: Label

Man kann sich kaum vorstellen, dass Clueso einmal laut wird. In der aktuellen Flüchtlingsdebatte meldete er sich jedoch weithin hörbar zu Wort. “Wir können die Menschen nicht ersaufen lassen“, empörte er sich. Er unterstützt die durch Spenden finanzierte Seenotrettungsorganisation SOS Mediterranée. Er wirkt besorgt.

Den Verlust von Menschlichkeit, den aggressiven, aufhetzenden Tonfall mancher Politiker beklagt er, indem er Alexander von Humboldt zitiert: “Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt gar nicht angeschaut haben“, soll der Forscher einst gesagt haben.

Clueso war in Asien unterwegs. Afrika-Neulingen empfiehlt er Äthiopien als sanften Einstieg in den Kontinent. Hat er denn kein bisschen Angst vor der Fremde, dem Unbekannten, dem Ungewissen? Auch er kenne dieses unsichere Gefühl, sagt er. Doch wer sich auf den Weg mache, die Mühen des Reisens auf sich nehme, werde unglaublich belohnt. Die neue Umgebung bringt ihn auf andere Gedanken. Seltsam, singt er, “seltsam, wie dieser Ausblick die Sicht auf alles verändert.“

Von Mathias Begalke

Der Artikel "Ohne Rückfahrkarte: Neues Album “Handgepäck I“ von Clueso " stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.