Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Welt Musik liegt in der Luft (VII)
Mehr Welt Musik liegt in der Luft (VII)
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:32 19.08.2018
Ellbogen gegen Tischkante, gegen Türklinke, gegen Kühlschranktür – das ist der kleine, persönliche Weltuntergang. Quelle: iStockphoto
Anzeige
Hannover

In Österreich heißt er unter anderem “damisches Aderle“. Das ist viel besser. Denn das Aderle nervt. Es gibt auch anderes, was sich Musik nennt und nervt. Aber der Musikknochen macht keine Musik. Sondern nur aua. Andererseits: Wenn er nicht da wäre, wären wir auch nicht zufrieden.

Der Nerv, der dieses Aua verursacht, sorgt dafür, dass wir einige Finger bewegen können. Nicht die Topfinger, aber an der Hand zählt jedes Glied. Deshalb ist der Nervus ulnaris schwer entbehrlich.

Anzeige

Trotzdem: Ellbogen gegen Tischkante, gegen Türklinke, gegen Kühlschranktür – das ist der kleine, persönliche Weltuntergang, für einen Bruchteil einer Sekunde meint man gestorben zu sein, aber dann wird man vom eigenen Schmerzgeräusch zurückgeholt. Auch das ist keine Musik.

Mindestens einwöchige Krankschreibung

Der Schmerzlaut beim Musikknochenunfall kann ganz unterschiedlich sein. Wer sich bemitleiden lassen will, schreit den Schmerz schon beim Aufprall ungefiltert raus. Das Geräusch liegt zwischen einem spitzen “Aiiiii“, einem wertenden, rausgepressten “Boooaaaah“ und einem urschreiartigen, tiefen “Uuoooaaar“ und löst bei Umstehenden sofortigen Aktionsdrang zwischen Erster Hilfe und Notruf aus.

Bei Männern geht mit diesem offenen Schmerz nicht selten der Gedanke an die mindestens einwöchige Krankschreibung einher.

Wer sich nichts anmerken lassen will, wartet erstmal, bis der Schmerz im Hirn seine endgültige Parkposition erreicht hat und artikuliert ihn dann fast tonlos durch die geschlossenen Zähne, etwa “ßßßßßßßß“ oder kurz und stoßweise, also “ff! ff! ff!“.

Fast latenzfreies Feedback

Auch das ist noch keine Musik, obwohl die rhythmische Variante durchaus Groove entwickeln kann. Anders als beim Schienbein, wo der Schmerz erst deutlich nach dem Aufprall einsetzt, meistens aber noch am gleichen Tag, gibt der Musikknochen ein relativ zeitnahes, fast latenzfreies Feedback.

Daraus könnte man ein gewolltes Klangbild erzeugen. Fünf Männer, die dauernd mit dem Ellbogen auf die Tischkante hauen und mehrstimmig leiden. Die Ulnarius Harmonists. Einarmig. Beidarmig. Eine echte internationale Marktlücke. Aber es scheitert an der Lust zum Üben. Oder an Krankschreibungen.

Von Uwe Janssen

Der Artikel "Musik liegt in der Luft (VII)" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Welt Kolumne - Schwere Last
19.08.2018
Welt Online-Auswertung - Wie digital ist Niedersachsen?
19.08.2018
19.08.2018