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Medien #aufschrei: Wie Twitter die Debattenkultur verändert
Mehr Welt Medien #aufschrei: Wie Twitter die Debattenkultur verändert
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21:29 04.02.2013
Von Imre Grimm
Netzaktivistin Anne Wizorek (31) hat den Hashtag #aufschrei erfunden – und saß zwei Tage später bei Günther Jauch. Quelle: dpa
Berlin

Sie ist zornig. Sie liest im Blog kleinerdrei.org einen Text über Alltagssexismus. Zwei Tage später ist sie Deutschlands bekannteste Twitter-Aktivistin. Und das Gesicht einer Debatte, die die deutsche Gesellschaft sicher nicht aus den Angeln heben wird, aber exemplarisch zeigt, wie sich das Land und seine Debattenkultur verändert haben. Und wie stark Twitter die Mainstream-Medien beeinflusst.

Anne Wizorek, die als Kommunikationsberaterin für die Schweizer Bundesbahn oder die Deutsche Welle arbeitete, hat „#aufschrei“ erfunden – den Hashtag, den nach den albernen, rieslingbefeuerten Säfteleien eines FDP-Seniors Tausende Frauen zu Zeugenaussagen in eigener Sache nutzten. In wenigen Stunden kamen 60.000 Tweets zusammen, und als Wizorek (Twittername: @marthadear) am nächsten Morgen aufwachte und die Früchte ihres Zorns sah, musste sie weinen. „Ich heule gerade“, twitterte sie, „aber hört bloß nicht auf.“ Dann rief die Jauch-Redaktion an.

Wann je hat eine Debatte derart schnell den Weg aus dem Netz in die etablierten Medien gefunden? Wann je hat sich Twitter erfolgreicher als mediale Zündkerze erwiesen, bis sogar öffentlich-rechtliche Talkmaster ihre Programme über den Haufen warfen? Man muss sich kurz das Gesicht von ARD-Talkshowkoordinator Thomas Baumann vorstellen, als er den Themenplan für die vergangene Woche auf den Tisch bekam: „Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“ (Jauch), „Sexismus-Aufschrei – hysterisch oder notwendig?“ (Anne Will), dazu im ZDF mehrmals „Markus Lanz“, „Maybrit Illner“ – es gab kein Entkommen. Die Medienwelt stürzte sich auf #aufschrei wie die Wespen auf den Apfelkuchen. Und zeigte damit in neuer Klarheit, welch große Rolle Twitter inzwischen als Seismograf gesellschaftlicher Unwuchten spielt. Und dass es dabei nicht mehr nur um Nerdkram geht.

„Ich halte es für möglich, dass es sich bei #aufschrei um einen der bisher weitreichendsten gesellschaftlichen Weckrufe in Deutschland handelt, der durch den Einsatz sozialer Medien zustande kam“, schreibt netzwertig.de. Und Thomas Oppermann, Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, meint: „Twitter sorgt für mehr demokratische Elastizität.“

Seit knapp zwei Wochen nun läuft die  Sexismusdebatte. Sie verrät freilich weniger über den Kern ihres eigentlichen Themas – die Spielregeln des Lebens – als über die verkürzten Erregungszyklen in der modernen Mediendemokratie und das Versagen der traditionellen journalistischen Methoden angesichts eines Themas, dessen Komplexität die diskursiven Möglichkeiten von Fernsehtalkshows übersteigt. Die Debatte ist notwendig. Aber nicht so, wie sie geführt wird.

Abend für Abend diskutieren TV-Runden theoretische Anstandsgrenzen und den Unterschied zwischen „galant“ und „geifrig“. Ab und an liest jemand Tweets vor. Und auf allen Kanälen geht es ums Anfassen – als ob die zentrale Frage lautet, auf wie viel Zentimeter genau man sich der Kollegin zwischen Bürostuhl und Benjamini nähern darf, ohne Haue zu kriegen. Der Grund für derlei Oberflächlichkeit ist schnell gefunden: Das Thema eignet sich nicht für Simplifizierung. Jauch, Illner & Co. aber besetzen ihre Runden nach vertrautem „Typ-Casting“-Schema mit den erwartbaren Antagonisten – dem angeblichen „Frauenversteher“ (Thomas Osterkorn/Heiner Geißler), dem „Konservativen“ (Jan Fleischhauer/Wolfgang Kubicki), der „Feministin alter Schule“ (Alice Schwarzer/Jutta Dithfurt), der „Feministin 2.0“ (Anne Wizorek/Anke Domscheit-Berg), der „antifeministischen Krawalltante“ (Wibke Bruhns/Sophia Thomalla) und dem lustigen Witzeerzähler (Hellmuth Karasek). Sexismus aber ist eine hoch individuelle Angelegenheit, untauglich für rechthaberische Wortgefechte und aggressiven Moralismus. Das Thema hat es nicht verdient, von Empörungsroutiniers zerredet und medial versenkt zu werden wie die Benzinpreise oder das Dschungelcamp.

Seien wir so ehrlich: Im Grunde funktionieren TV-Talkshows auch nicht anders als Twitter. Ihr Zweck ist der unfallfreie Transport extrem komprimierter und reduzierter Kernthesen – hier auf 140 Zeichen, dort in 20-sekündigen Einwürfen, gern mit dramaturgisch geschickt gesetztem Stichwort für den üblichen Gesinnungsapplaus im Studio. Doch während sich im Netz Perlen voll kluger Gedanken zum Thema finden lassen, hetzen Jauch und Kollegen einfach Berufsmachos und Feministinnen aufeinander.

So macht die eigentlich überfällige Debatte, die aus einer sexistischen Bagatelle resultierte, in ihrer Überdrehtheit mehr kaputt, als sie heilt. Und ist damit prototypisch für eine Medienkultur, die zunehmend versucht, sich mit reflexhaftem Krawall Gehör im allgemeinen Gebrumm zu verschaffen, statt genau das Gegenteil zu tun: Klarheit zu schaffen, Ruhe und fundierte Sachlichkeit. Stattdessen liefern eben nicht die medialen Stammtische von ARD und ZDF die erkenntnisreichsten Beiträge zum Thema – und schon gar nicht der „stern“, der sich an die Spitze der Anti-Sexismus-Bewegung zu setzen versucht und so tut, als habe es seine spektakulär dämlichen Nackedei-Titelfotos nie gegeben. Sondern diejenigen, die in Blogs ihre Geschichte erzählen, subjektiv auch sie, aber eben: konkret.

Hier genau verläuft eher die Front in der Sexismusdebatte: nicht zwischen Mann und Frau, sondern zwischen Jung und Alt, oder verknappt: zwischen Blogs und „Beckmann“, zwischen Twitterern und ZDF-Zuschauern. Verkehrte Welt: Ausgerechnet das als schrill verschriene Netz zeigt den „alten Medien“, wie eine mit berührender Ernsthaftigkeit geführte Auseinandersetzung aussehen kann. Und dass nicht automatisch derjenige gewinnt, der am lautesten schreit. Neben Wizorek ist übrigens Maike Hank für den Hashtag #aufschrei verantwortlich. Ihr Twitter-Name: @ruhepuls.

Die Verbraucherzentralen haben im Vorfeld des „Safer Internet Day“ am Dienstag auf die Gefahr massenhafter Datenverarbeitung hingewiesen. Sie berge „ein erhebliches Risiko für den Persönlichkeitsschutz der Nutzer“, erklärte der Bundesverband der Verbraucherzentralen am Montag. „Nutzer dürfen den Prozessen des Big Data nicht schutzlos ausgesetzt werden.“

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