Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Mafioso im Schnee
Mehr Welt Medien Mafioso im Schnee
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:14 30.10.2014
Von Imre Grimm
„Erinnern Sie sich an die Olympischen Spiele 1994?“: Steven Van Zandt als Mafioso, der sich in Lillehammer vor einem Killerkommando versteckt. Quelle: GoZmit
Anzeige

Es gibt so Tage, die sind nicht nervig oder anstrengend oder blöd gelaufen. Es gibt Tage, die sind scheiße. Der Tag zum Beispiel, als der New Yorker Mafioso Frank „The Fixer“ Tagliano beim FBI als Kronzeuge gegen seinen Oberboss auspackt. Da steht also der Starrkopf Tagliano - mit eisernem Blick gespielt von E-Street-Band-Gitarrist und „Sopranos“-Star Steven Van Zandt - im Kaschmirmantel in einer Tiefgarage und will als Lohn für seinen Verrat ein neues Leben.

TV-Tipp

„Lilyhammer“| arte
Serie mit Steven Van Zandt
Ab heute immer donnerstags, 21 Uhr
★★★★★

„Bahamas?“, fragt der FBI-Agent. Nee, sagt Tagliano. Hautkrebs und so, besser nicht. „Lieber Lilyhammer.“ Lily- what?, fragt das Gesicht des Beamten. „Erinnern Sie sich an die Olympischen Spiele 1994?“, sagt der grobschrötige Killer. „Das war doch wunderschön. Klare Luft, frischer weißer Schnee, die schönsten Frauen.“ Also Lillehammer.

Anzeige

Ein Mafioso aus Brooklyn unter falschem Namen in einem eiskalten Kaff am Ende der Welt. Es ist ein großartiger transatlantischer Culture Clash: die Blutspur der Cosa Nostra im unschuldig weißen Schnee von Südnorwegen. „Fish out of water“ nennen Fernsehmacher solche Formate, bei denen die Protagonisten ihr natürliches Habitat verlassen - und aus der Kollision mit der ungewohnten Umgebung Komik entsteht. Aber so trocken und konsequent, so lakonisch brillant wie in „Lilyhammer“ hat das Prinzip lange niemand umgesetzt.

Und keiner hätte den Dickschädel Tagliano mit seiner unterschwelligen Unberechenbarkeit besser spielen können als Van Zandt. Der wirkt ständig, als kämpfte er das Gute in sich nieder, als müsste er sich aufraffen, um ein schlechter Mensch zu sein. Die Norweger betrachtet er spöttisch-sezierend mit dem gebremsten Schaum eines Insektenforschers, der eine neue Spezies entdeckt zu haben glaubt, sich aber noch nicht sicher ist.

Van Zandt, genannt „Little Steven“ - den die „Sopranos“-Macher damals mit Bruce Springsteen auf der Bühne sahen und engagierten -, ist Koproduzent und Kodrehbuchautor. Da hockt er nun also in einer ollen Bude kurz unterm Polarkreis und friert. Und stellt fest, dass die Dinge hier anders laufen als in New York. Dass ein abgeschnittener Schafskopf vor seiner Haustür nicht bedeutet, dass seine Verfolger ihn gefunden haben. Sondern nur, dass jemand sein Mittagessen verloren hat. Oder dass der anstrengend gönnerhafte Sozialarbeiter mit dem Humor eines Schneemobils leider keine Bestechungsgelder annimmt. Oder dass eine Kneipenlizenz in Norwegen keine Sache von einem Handschlag und einem Bündel Geldscheinen unter Brüdern ist, sondern endloser Formularkram.

Aber Zeugenschutz hin oder her - wer sagt eigentlich, dass man sein Mafiahandwerk nicht auch in der norwegischen Provinz gebrauchen kann? Wölfe erschießt Tagliano locker mit der Pistole und wirft sie - mit Beton an den Pfoten - in den See. Junge Rüpel im Zug mischt er mit Todesverachtung und wenigen Handgriffen auf. Und nebenbei lernt er mit dicken Kopfhörern Norwegisch und bricht sich beinahe das Gehirn, als er der Lehrerin Sigrid seinen Tarnnamen „Giovanni Henriksen“ verraten soll.

Virtuos changiert „Lilyhammer“ zwischen „Fargo“ von den Coen-Brüdern und den „Sopranos“, zwischen Comedy und Drama. Eine Großstadtpflanze ohne Gewissen in einem harmlosen Fleckchen, hinter dessen kuscheliger Fassade dann aber doch wieder das Unschöne lauert. Subtil hinterfragt die Serie nebenbei nordeuropäische Sozialromantik, wenn der passiv-aggressive Leiter des Einwandererkurses beleidigt seine Handpuppenpädagogik abbricht, weil die Migranten an ihren Schultischchen der Darbietung leider nicht so recht folgen mögen.

Leider ist die deutsche Synchronisation etwas bieder geraten, was die soghafte Wirkung der Serie aber kaum schmälert. In 130 Länder exportierte der Streamingdienst Netflix seinen Hit, koproduziert mit dem norwegischen Fernsehen NRK. 980 000 Norweger sahen die erste Folge, das ist ein Fünftel aller Einwohner - TV-Rekord. In Norwegen läuft heute auf dem Sender NRK3 die dritte Staffel an. Wichtige Telefonate nach Oslo heute also lieber vor 22.20 Uhr erledigen.

29.10.2014
Medien Keine Urheberrechtsverletzung - Einbetten von Internet-Videos ist erlaubt
29.10.2014
Medien Passwörter im Internet - Besser sicher, als bequem
29.10.2014