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Medien Zum Finale der „Bachelorette”: Männer, so sind wir nicht
Mehr Welt Medien Zum Finale der „Bachelorette”: Männer, so sind wir nicht
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15:12 04.09.2019
Will die letzte Rose - oder doch nicht? "Bachelorette"-Kandidat Keno.

Was wünscht sich ein Mann von einer Frau? Fragen wir mal Clint Eastwood: „Ich glaube, ein Mann will von einer Frau das Gleiche wie eine Frau von einem Mann: Respekt.“ Eastwood muss es wissen. Nur wenige Männer sind so sehr Kerl wie er. Aus dem um sich ballernden Krawallpolizisten Dirty Harry ist ein altersmilder Spätromantiker mit Herz geworden: cool, klug, rau, zart. Unter keinen Umständen, nicht mal für eine Sekunde, würde Clint Eastwood Männlein wie Alexander, Keno, Sebastian, David, Sercan, Lucas, Mudi oder Tim als seinesgleichen anerkennen. Das sollen Kerle sein? Diese rasierten Hühnerbrüste? Diese in sich selbst verknallten Ich-AGs in Blümchenbadehosen?

Staffel sechs der RTL-Kuppelsause „Bachelorette“ endet. Und selten offenbarte eine TV-Produktion deutlicher das verheerende Männerbild, das in deutschen Privatsendern vorherrscht. So blöd kann keiner sein, dass er zu blöd wäre, um im Reality-TV 2019 eine exponierte Stellung einzunehmen. Zehn Männlein steh'n im Walde, ganz laut und dumm. Für die Emanzipation des deutschen Mannes von Machotum, Bollerigkeit und Primatengeheul war die Show ein echter Rückschritt. Männer, so sind wir nicht.

Wie Welpen, die Wölfe sein wollen

Wochenlang standen die „Bachelorette“-Herrschaften in dröhnigen Schnöselgrüppchen herum – das ganze Elend der deutschen Männerwelt auf einen Blick: fliederfarbene Spielzeugmachos mit identischen Frisuren und Gebissen, die bei der göttlichen Vergabe von Hirn und Muskeln einseitig bedacht wurden. Bei einem Fotoshooting sollten sie griechische Götter darstellen. Aber sie sahen aus wie Welpen, die Wölfe sein wollten. Dann wieder lagen sie in Reihe am Pool, die brathähnchenfarbenen Ärsche gen Himmel gereckt, und Bachelorette Gerda (26) schritt die Gluteus-maximus-Parade ab wie Kleopatra auf der Suche nach dem heutigen Bettsklaven. Wer je zweifeln sollte, dass die Männlichkeit in der westlichen Welt in einer Krise steckt, muss nur zehn Minuten lang die „Bachelorette“ sehen. Es sind Typen, die „Drohnenpilot“ und „Content Creator“ als Beruf angeben, umweht von Nebelwolken aus Testosteron.

Brust raus, Bauch rein, Hirn aus: Influencerin Gerda Lewis war die „Bachelorette“ 2019.

Gerda muss sich nun also entscheiden: Nimmt sie Keno (27), den Projektmanager aus Düren? Oder nimmt sie Keno nicht? Erstmals steht nur ein einziger Kerl im Finale. Es gab Staffeln, in denen die Intelligenz der Protagonistin die gesammelte Geistesleistung der sie umwerbenden Hascherl locker aufwog. Diesmal nicht. Die sturzöde Influencerinschrägstrichfitnesstrainerin war eine Fehlbesetzung. Not buhlte um Elend. Gerda hangelte sich mit einem Wortschatz von etwa 120 Vokabeln durch die Staffel (“Ich liebe Kartoffelpüree“ – „Ja?“). Vier Männer warfen vorzeitig hin. Rekord. „Ohne reden kann eine Beziehung nicht wachsen“, findet Fischbrötchenfan Keno. Und benennt präzise das Kernproblem dieser Staffel. „Ich bleibe im Herzen eine Blondine“, schrieb Gerda bei Instagram. Ja. Im Herzen auch.

Doofheit schützt nicht vor Ruhm

Fast rührend hatte sich Gerdas Vorgängerin Nadine Klein noch als mit Abstand klügste Mitarbeiterin der Sendung um die verwirrten Möchtegernbeschäler gekümmert. Diesmal: Leere. Die selbst ernannte „Barbie“ (Gerda) ließ sich bereitwillig anhengsten. Aber Esprit? „Marco hat den Größten!“, kichert sie. Sie meinte sein Pferd. Witzig. Aber so ist es halt: 350 Milliliter Bonusgewebe in jeder Brust heben zwar das Dekolleté, aber eben nicht das Niveau.

Natürlich ist RTL auch diesmal nicht der Untergang des Abendlandes gelungen. Und man muss doch für diese enthirnten Histrioniker, die sich für ein bisschen „fame“ zum Affen machen, nicht übertrieben viel Mitleid aufbringen. Was soll man sich erregen, wenn Millionen einen Lustgewinn verspüren angesichts der Erkenntnis, dass Doofheit nicht vor Ruhm schützt? Nach sechs Staffeln „Bachelorette“, neun Staffeln „Bachelor“, zwölf Staffeln „Das Supertalent“ und 14 Staffeln „Germany’s Next Topmodel“ dürfte den Trash-Spezis des Landes klar sein, dass hier kein Shakespeare-Sonett zu erwarten ist. Jeder ist seines Unglückes Schmied. Aber diese strauchelnde Hilflosigkeit der Galane („Du bist 26? Schönes Alter!“) war selbst für RTL-Verhältnisse zu koffeinarm. Und es sage niemand, die „Bachelorette“ sei doch nur ein harmloses Spielchen mit Stereotypen, ein bisschen Lästern, denn Klatsch ist der Kitt der Gesellschaft. Selbst Trash-Fernsehen hat eine definierende Wirkung. Anders gesagt: Wenn RTL sagt, dass Männer, die auf Frauen anziehend wirken wollen, auswendig gelerntes Balzvokabular aufsagen und ansonsten maximal unauthentisch sein müssen, dann gibt es Millionen Pubertanten da draußen, die das glauben.

Was würde Clint Eastwood tun?

Erfolgreiches Fernsehen ist ein präziser Spiegel seiner Zeit. Sonst wäre es nicht erfolgreich. Die „Bachelorette“ ist Symptom einer hämeorientierten Gesellschaft, in der nicht mehr miteinander, sondern übereinander gesprochen wird. Sie funktioniert, weil sie Ausdruck der gnadenlos konformierten Gegenwart ist, die jeden aussortiert, der nicht in die medial vorgefertigten Erzählschablonen passt. „Bachelor“ und „Bachelorette“ sind eben nicht nur ein spaßiger Jahrmarktbums voller Vorstadt-Beautys. Für manchen Teenager ist die keimfreie Kuppelei der Erstkontakt zu Fragen der Geschlechtertektonik überhaupt.

Sie sehen eine eiskalte Heldin, die von ihren Prinzen die Aufgabe ihrer Würde verlangt. Sie sehen Kerle, die Selbstbewusstsein ausstrahlen wollen, aber Selbsterniedrigung betreiben. Die Balz als Basar von Mutproben. Es ist altmodisch, sich zu empören. Aber es kann nie schaden, sich als Mann zu fragen: Was würde Clint Eastwood tun?

Von Imre Grimm/RND

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