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Medien „Verehrter Harald Schmidt ...“
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00:15 15.03.2014
Harald Schmidt.
Harald Schmidt. Quelle: dpa
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Sie werden es kaum bemerkt haben, Herr Schmidt, aber uns verbindet eine jahrelange Beziehung – freundschaftlich, wenn auch etwas einseitig. Spätestens, seit sie vor Jahren im „Studio 449 in Köln“ eine tiefgefrorene Pute auf Skiern eine Sprungschanze hinunterschubsten. Eine Pute. Einfach, weil’s geht. Ich habe es geliebt.

Sie haben unsere Freundschaft dann schrittweise aufgekündigt. Erst diese „Kreativpause“, um „vom Fernsehen zu entgiften“, dann die Rauschebart-Rückkehr zur ARD, für fast 5000 Euro Gage pro Sendeminute. Dann die Zwangsverjüngung mit Oliver Pocher. Das war natürlich unsäglich: Intellektueller Welterklärer mit katholisch-kabarettistischem Migrationshintergrund trifft kleingeistigen Ehrgeizling mit Après-Ski-Humor. Dann spielten Sie bei „Unser Charly“ mit und beim „Traumschiff“, und da, spätestens da, war unsere Entfremdung perfekt. Sie wirkten zuletzt im Fernsehen wie ein Selbstmörder, der sich von jeder Brücke schmeißt, um hinterher festzustellen, dass er noch lebt. „Harald hat Sat.1 überlebt und Waldemar Hartmann, Nescafé und Hexal“, schrieb Ihre Freundin Elke Heidenreich mal. Aber Sie sind nicht unkaputtbar. „Unser Charly“ haben Sie nicht überlebt.

Und dann sind Sie ins Bezahlfernsehen geflüchtet, um noch mal richtig abzusahnen, bevor Sie sich endgültig dem gehobenen Weltekel hingeben. Plötzlich waren Sie weg. Und ich saß allein da mit Ingo Appelt und Mario Barth und Matze Knop (Matze Knop!). Ich fühlte mich – bildungsbürgerlich gesprochen – gekränkt zurückgelassen wie Charlotte von Stein in Weimar, als Goethe nachts um drei heimlich nach Italien abhaute. Gut, Goethe hatte seine besten Jahre da noch vor sich und Sie die Ihren schon ein Weilchen hinter sich. Aber Sie fehlten, immer noch. Oder besser: Es fehlte jemand, der den Wahnsinn da draußen so scharf sezierte, so erbarmungslos verkasperte und im Geiste einer medialen Katharsis so gründlich auflöste, wie Sie es hätten tun können, wenn Sie noch Lust gehabt hätten.

Donnerstagabend läuft bei Sky Ihre letzte Sendung. Nach zwei Jahrzehnten „Late Night“. Nach drei Jahren gepflegtem Ennui. Danach ist Schluss mit Fernsehen.

Mensch, Schmidt, was war das schön: Bimmel und Bommel. Frau Asenbaum. Bettina Böttinger und der Eierlikör. Die dicken Kinder von Landau. Ich sage Ja zu deutschem Wasser. Die Gags („Bill Clintons Biografie? Ich les’ doch nicht fuffzehnhundert Seiten, um zu wissen, wie die Dicke bläst“). Das Nazo-Meter. Geschenke mit Helmut Zerlett, der Grinsebacke, und Manuel Andrack, dem freundlichen Klugscheißer, und Madame Nathalie und Suzana (überhaupt Suzana). Und immer wieder: Playmobil. Weltgeschichte aus Plastik, das war irgendwie Ihre Botschaft: dass Leben, Kultur und Geschichte auch bloß Spielecken voller Sonderlinge sind.

Die Dechiffrierung der schmidtschen Doppelbödigkeit war Volkssport, damals. Es gab Zeiten, da brauchten Sie als Chefzyniker und Oberironisator nur „Herzlich willkommen!“ zu sagen, und alle dachten: „Jaha, der Schmidt, der meint das nicht so, der alte Fuchs, das ist doch wieder so ein brillant verschachtelter, doppelt gebrochener Geniestreich!“ Harpo Marx trifft Adorno. Als Sie 2003 nach 1365 Late-Night-Shows Sat.1 verlassen mussten und sich zum Abschied mit dem Satz zitieren ließen: „Ich habe Sat.1 viel zu verdanken und bleibe dem Sender verbunden“, da las jeder Schmidt-Fan mühelos die Übersetzung heraus: „Diese Penner von Sat.1 können mich kreuzweise.“

Man hat das ja längst vergessen, dass Sie in einer Zeit, als im Fernsehen vor allem Blondinen in Milchglasstudios herumstanden, zum Gott der kleinen Dinge wurden, zum Zeitgeist-Entschlüssler, der der Nation beigebracht hat, dass es in einem Nazi-Witz nicht um Nazis geht, sondern um die Reflexe der Mediengesellschaft auf Nazi-Witze. Dass Polenwitze sich nicht über Polen lustig machen, sondern über Leute, die sich mit Polenwitzen über Polen lustig machen. „Gott ist tot“, schrieb die „FAZ.“, als Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Liebesaffäre mit dem Feuilleton vorläufig abtraten. „Und jetzt?“, schrieb ich selbst damals, nach knapp 100 Harald-Schmidt-Artikeln in sechs Jahren, „sollen wir jetzt Sabine Christiansen gucken?“

Einmal, ein einziges Mal, habe ich Sie als der erlebt, der Sie vermutlich wirklich sind, man wusste das ja nie. Sie saßen irgendwann in den Nullerjahren in einer 3sat-Show am Flügel und spielten Bach. Barbara Schöneberger und Götz Alsmann saßen daneben auf einem Sofa und schwiegen. Schafft auch nicht jeder. Und Sie, der gelernte Kirchenmusiker, sahen aus, als kramten Sie tief im Innern nach dieser Musik, als genössen Sie es, mal nicht „Dirty Harry“ zu sein, sondern der konservative Familienmensch aus der schwäbisch-katholischen Provinz, der Sie in Wahrheit sein sollen.

Schmidt, es hat Sie doch seit Jahren schon so unsäglich gelangweilt, dieses blöde Fernsehgeschäft mit den ewig gleichen Unterlingen auf den ewig gleichen Branchenpartys, diese Aperol Spritz trinkenden Manager, die „Tschüssikowski“ sagen und sich geil finden, diese blassen Senderschnösel, die wegen eines Daimler-Witzes Angst um ihre Werbekundschaft hatten.

TV-Hinweis

Sky überträgt die Abschiedsshow von Harald Schmidt kostenlos für alle morgen um 22.15 Uhr auch auf dem YouTube-Kanal
 www.youtube.com/Skyde.

Ob Sie nicht das Bedürfnis nach „etwas Neuem, etwas Künstlerischem“ verspürten, hat Ihr alter Kompagnon Herbert Feuerstein Sie mal gefragt, auf einem Rheinschiff. „Du hast deine Bach-Wurzeln, deine Orgel-Wurzeln.“ „Was soll das sein, etwas Neues?“, fragten Sie zurück. „Soll ich Bach-Orgelkonzerte geben? Oder malen? Es endet ja alles in Dilettantismus.“ Was Sie denn antreibe, fragte Feuerstein. Ihre Antwort war ein bisschen traurig: „Die Langeweile.“ Sich dauernd neu erfinden? Obwohl man doch sowieso schon schneller, witziger und gescheiter ist als alle anderen? Das wollten Sie nicht.

Auf die Bühne wollen Sie jetzt zurück. Ihr Studio 449 wollen Sie zu einem Theatersaal umbauen. „Ich habe dann mein eigenes Theater, bei dem ich nach Lust und Laune die Scheinwerfer anmache.“ Es sei Ihnen „egal, ob Sie für drei oder zehn oder 350 Zuseher auftreten“. Klar. Sonst wären Sie wohl auch kaum zu Sky gegangen.

Theater, Ihre alte Liebe, Godot, Peymann, Kunst, Schminke. Da schließt sich ein Kreis. Kleinkunst statt Großkotzigkeit. Herr Schmidt, Sie sind vielleicht noch nicht tot, aber doch schon im Fernsehhimmel. (Selbst-)Dekonstruktion gehört zur Kunst, insofern haben Sie Ihr Werk vollendet. Danke für alles. Wir sehen uns im Theater.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Imre Grimm

Medien Ines Pohl und Andreas Rüttenauer - taz bekommt Doppelspitze
11.03.2014
Imre Grimm 11.03.2014