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Medien Operation misslungen, Patient tot
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00:15 08.04.2014
Von Imre Grimm
Foto: Am Ende der Show aus Offenbach verkündete Lanz das Aus von „Wetten, dass...!?“.
 Am Ende der Show aus Offenbach verkündete Lanz das Aus von „Wetten, dass...!?“. Quelle: Sebastian Kahnert
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Berlin

Das ZDF beendet nach 33 Jahren seinen Showklassiker. Am 13. Dezember ist Schluss. Was ist passiert? Ist Twitter schuld?

Die Show in Offenburg war schon vorüber, Sekunden bis zum Abspann. Die Damen hatten längst ihre Blumen, es regnete Glitzerkonfetti, da war es, als fiele Markus Lanz noch etwas Wichtiges ein. „Wir gehen jetzt in die Sommerpause und sehen uns wieder am 4. Oktober in Erfurt“, sagte er, soweit alles wie immer. Aber dann: „... zu den letzten drei Ausgaben von ,Wetten, dass...?'“. Musik. Abspann. Ende. Aus. Keine weitere Erläuterung. Keine Gefahr von schönen oder unschönen Reaktionen des Saalpublikums. Kein Johlen, kein Buhen. Feierabend.

Acht Wörter. Beiläufiger kann man 33 Jahre Fernsehgeschichte kaum beenden. Es ist vorbei. Und man weiß nicht genau, wer darüber jetzt am meisten erleichtert ist: Markus Lanz selbst, der mit eisernem, schmerzhaften Lächeln einen unvergleichlichen Medienspießrutenlauf auszuhalten hatte. Das ZDF, das endlich damit aufhören darf, auf Krampf gewaltigen Erfolgen aus der Steinzeit des Fernsehens nachzujagen. Oder weite Teile des Publikums, das zuletzt mehrheitlich den Eindruck gewonnen hatte, dass in diesem Ofen dann doch kein Feuer mehr ist.

Die „Sehgewohnheiten hätten sich verändert“, sagte ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler kurz nach der Livesendung etwas technokratisch. Kann man so ausdrücken, wenn die Quote auf knapp über Samstagskrimi-Niveau abfällt, wenn zweistellige Millionenwerte nur noch ferne Erinnerungen sind und die Zielmarke von acht Millionen wie eine Utopie wirkt.

Natürlich ist das ein ebenso durchsichtiger wie verständlicher Versuch von Norbert Himmler, seinen Mann nicht zu beschädigen, ihn also mit einem Rest von Würde gehen zu lassen, statt in allein zum Totengräber der einst größten TV-Show Europas zu erklären. Der Sender gönnt ihm im Herbst gar eine üppige Ehrenrunde: Dreimal darf er den Klassiker noch moderieren, bevor dieses TV-Kapitel mit der finalen Ausgabe am 13. Dezember endgültig geschlossen wird. Auch Gottschalk durfte sich mit drei Shows vom Publikum verabschieden.

Schluss mit „Wetten, dass...?“ also. Es ist nicht so, dass die Welt damit eine bessere würde. Es ist nicht so, dass das beharrliche Lanzbashing in irgendeinem Verhältnis zur Bedeutung seines Wirkens oder seiner Funktion stand. Aber man muss ehrlich sein: Man kann diese Show nicht auf Mittelklasseniveau machen. Auswendig gelernte Scherzlein ersetzen keinen Mutterwitz. Es war – im ganz Kleinen – mit der Personalie Lanz ein bisschen wie beim Bundespräsidenten Christian Wulff: Wider besseren Wissens und mangels Alternativen wurde eine höchstens halbschlaue Entscheidung durchgedrückt, bei der es an Mahnern und Warnern im Vorfeld nicht mangelte.

Es darf keinem Sender gleichgültig sein, wenn gestandene Fachkräfte der Branche von Hape Kerkeling bis Barbara Schöneberger über Monate dankend abwinken, weil sie keine Chance sehen, in den riesigen Fußstapfen von Thomas Gottschalk irgendeinen Stich zu machen. Lanz war nicht erste Wahl, er war vierte bis fünfte Wahl, höchstens. Er wusste das, und das wiederum konnte man spüren.

Dafür kann er nichts. Es selbst rechnete es sich hoch an, trotzdem zugesagt zu haben. Niemand anderes habe den Mut gehabt, merkte er gelegentlich an. Und es stimmt ja: Es lag nicht an Lanz allein. „Wetten, dass...?“ war wie ein siebzehn mal renovierter Dampfer aus alter Zeit, der aussehen wollte wie diese modernen, schnittigen Kreuzfahrtschiffe für viertausend Passagiere mit Spa und Wellenreiten, tief im Inneren aber noch mit Kohle läuft. Es passte nichts mehr zusammen.

Wie der Trainer einer abstiegsbedrohten Bundesligamannschaft schoss Lanz mit Motivationsworthülsen um sich („eine sensationelle Wette“, „sehr sehr toll“), als hätten Zuschauer nicht selbst Augen im Kopf zu sehen. Als erkenne nicht jeder selbst, dass – um bei der Show in Offenburg zu bleiben - Anastacia aus den Neunzigern kommt, Veronica Ferres auch keinen Abend rettet und zwei selbstbewusste Gernegroße, die Popsongs an blinkenden Rücklichtern erkennen, auch niemanden an den Schirm ketten.

„Sie machen das toll“, sagte Sängerin Anastacia zwischendurch zu Lanz. „Wie ein Arzt.“ Man wusste nicht genau, ob sie ihn verkaspern wollte oder einfach nett sein. Lanz wusste es auch nicht, er versuchte sich an einem neutralen Gesichtsausdruck und an einem schalen Kalauer: „Ein Arzt? So wie Dr. Stefan Frank, der Arzt, den die Frauen verhauen?“ Stille im Saal. Ein Arzt also. Wenn die Show krank war und Lanz der Arzt, dann heißt es jetzt: Operation misslungen, Patient tot.

Ist Twitter schuld? Haben Neidhammel und Shitstormexperten einen fähigen Mann erst waidwund geschossen und ihn dann sauber erlegt? Mit Sicherheit nicht. Natürlich hatte das Lanz-Bashing der letzten Monate eine jagdsportliche Komponente, natürlich hat der Mann keine Doktorarbeit gefälscht, keinen Hitlervergleich angestellt und keine Autopreisstatistik gefälscht. Aber am Fall Lanz kristallisierte eine latente Unzufriedenheit mit dem TV-Entertainment insgesamt, mit der Plüschigkeit des öffentlich-rechtlichen Spaßbegriffes, mit der Halbherzigkeit, Ideenlosigkeit und Hasenfüßigkeit der meisten Unterhaltungsexperten von ARD und ZDF. Man lässt Joko und Klaas ziehen, man versteckt Jan Böhmermann in der Nische und wundert sich dann, dass Markus Lanz den Karren gegen die Wand fährt?

Man wird jetzt wieder vielerorts das Requiem auf die traditionelle Familienunterhaltung lesen. Auf das Ende der großen Samstagabendshow. Aber mit „Wetten, dass...?“ stirbt nicht die Samstagabendshow, sondern bloß eine zuletzt einfach nicht mehr interessante Samstagabendshow. Die Zeiten sind einfach vorbei, in denen das Publikum Hollywoodstars anstaunt, für seine drei deutschen Wörter beklatscht und am Ende begeistert ist, weil Tom Hanks in Katzenmütze sackhüpft.

Mancher wird sich jetzt wieder sehnsuchtsvoll an diese Abende im Frotteebademantel in den Achtzigern erinnern, frisch gebadet, Fischstäbchen im Bauch, die Familie auf dem Sofa versammelt unter der Kuscheldecke, und dann: „Wetten, dass...?“. Mit Baggerwette, selbstverständlich. Die internationale Baggerindustrie hat Frank Elstner viel zu verdanken. Die achtziger Jahre aber sind vorbei. Und mit ihm das Fernsehen der Achtziger.

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