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Medien ZDF startet neuen Spartenkanal "Neo"
Mehr Welt Medien ZDF startet neuen Spartenkanal "Neo"
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19:03 30.10.2009
Von Marina Kormbaki
Engagiert zum Lustigsein: Komiker Knacki Deuser (l.) und „Süper Tiger“.
Engagiert zum Lustigsein: Komiker Knacki Deuser (l.) und „Süper Tiger“. Quelle: ZDF
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Es ist ja nicht so, dass das ZDF in seinem Drang nach Verjüngung nicht schon einiges versucht hätte. Klamaukige Comedyshows wie Oliver Welkes „Heute Show“ wurden dick aufgetragen wie Anti-Aging-Pasten, und auch bei der Einstellung der juvenilen Komoderatorin für das in die Jahre gekommene Showschlachtschiff „Wetten, dass…?“, Michelle Hunziker, muss es bei manchem „Augen zu und durch“ geheißen haben, wie beim Schlucken bitterer Pillen.

Hilft aber alles nichts, Zuschauer unter 50 bleiben einfach weg. So werden die Älteren wohl auch Sonnabend bei heimeliger Abendunterhaltung Wohlfühlsendungen wie „Unser Charlie“ und Carmen Nebels muntere Gesangsrunde mit Stars, Musik und Überraschungen ganz für sich allein haben. Die Programmmacher in Mainz haben daraus den Schluss gezogen, dass man Fernsehen für alle und jeden nicht in einem Sender bündeln kann, also müssen Spartenlösungen her.

ZDF Neo heißt die digitale Alternative für die auserkorene Zielgruppe, die 25- bis 49-Jährigen – die Mitte der Gesellschaft ist aus Sicht der Mainzer nun mal eine Randzielgruppe. Am Sonntag, 1. November, geht der neue, Pilcher- und Lindström-bereinigte Kanal auf Sendung und ersetzt den ZDF-Dokukanal im digital empfangbaren Programmangebot. „Für beruflich stark Eingebundene, junge Eltern oder sehr aktive Menschen“ – so beschreibt der Sender seine Wunschzuschauer. Und weil die, wenn überhaupt, den Fernseher erst spät abends anschalten, beginnt die 
Primetime am Wochenende um 20.15 Uhr und unter der Woche erst um 21 Uhr, wenn alle Meetings abgehalten sind, die Kinder schon schlafen und auch die „sehr aktiven Menschen“ mal kurz stillhalten.

Der gebührenfinanzierte Sender mit einem Etat von 30 Millionen Euro setzt auf sogenannte „Factual Entertainment“-Formate. Also Dokusoaps, die nah an der rauen Wirklichkeit sein sollen. Entsprechende neue, eigenproduzierte Formate heißen etwa „Hochzeitsfieber!“: Fünf Bräute treten im Wettkampf um das schönste Hochzeitsfest an. Oder „Mamas Traumjob“: Hausfrauen und Mütter kehren in ihren Beruf zurück und entscheiden sich dann erneut für Job und/oder Karriere.

Daneben gibt es vielversprechende Comedy. Der Comedian Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser ist ab Mitte November im „Comedy Lab“ zu sehen, wo er das Wochengeschehen kommentieren soll. Seine Qualitäten als geistreicher Alleinunterhalter hatte Deuser schon im innovativen Comedyformat „Nightwash“ unter Beweis gestellt, wo er in einem Kölner Waschsalon Stand-up-Comedians anmoderierte. Außerdem bekommt der bislang nur im Internet vertretene, auf deutschtürkisch daherquasselnde „Süper Tiger“ bei ZDF Neo eine eigene Show – als Kontrast zu Mario Barth dient er da, auf diese Feststellung legt man bei ZDF Neo wert. Mit der wöchentlichen Musikshow „neoMusic“ stößt der Digitalsender auch in die mittlerweile verwaiste Nische des Musikfernsehens vor. Marta Jandová, Sängerin der Rockpopband Die Happy, stellt in einem Berliner Plattenladen Hits und Neuerscheinungen vor.

Für öffentlich-rechtliche Verhältnisse ist das alles neu und einfallsreich, den Privatsendern kommt das Programm von ZDF Neo aber vertraut vor – RTL, PRO7 und Co. fühlen sich an ihr eigenes Angebot erinnert. Von einem „Frontalangriff auf die Kernkompetenzen kommerzieller Anbieter“ ist die Rede. Der Verband der Privatsender warf dem ZDF vor, dass entgegen dem ursprünglich vorgelegten und von den Ländern genehmigten Konzept bei ZDF Neo nicht von einer „Weiterentwicklung“ des ZDF Dokukanals die Rede sein könne und „fast Dreiviertel der gesamten Sendezeit aus rein unterhaltenden Programmbestandteilen“ bestünden.

Immerhin geht der ZDF Dokukanal zur Hälfte in ZDF Neo auf, und gebührenfinanzierte Unterhaltung ist auch mal ganz schön – erst recht dann, wenn sie gut gemacht ist. Dafür hat der Sender einige bemerkenswert gute Serien eingekauft, allen voran die mehrfach prämierte US-Sitcom „30 Rock“ mit Alec Baldwin und Tina Fey. Die gewitzte NBC-Comedy
show ist im Prinzip eine Comedyshow über eine NBC-Comedyshow, der US-Sender beweist reichlich Selbstironie. Die brillante Komikerin und Sarah-Palin-Parodistin Fey spielt in der New-York-Serie, zu der sie auch das Drehbuch schreibt, die verquere Chefin eines chaotischen Autorenteams, Liz Lemon. Liz ist eine alleinstehende, mit neurotischen Zügen behaftete Frau Mitte 30, die immer wieder mit ihrem selbstherrlichen Vorgesetzten Jack Donaghy (Baldwin) aneinandergerät, weil der nur allzu gern Einfluss aufs Programm nimmt. Weitere Serienhighlights von ZDF Neo sind die US-Sitcom „Seinfeld“ mit dem Stand-up-Comedian Jerry Seinfeld – hier können die Zuschauer wählen, ob sie die schrägen Abenteuer von Seinfeld in Manhattan auf Deutsch oder im englischen Original sehen wollen.

Viel zu lachen verspricht auch die selbstironische BBC-Comedy-Serie „Taking the Flak – Reporter auf Kriegsfuß“, eine bissige Abrechnung von Auslandsreportern der BBC mit ihrem Arbeitsplatz, der großen, weiten turbulenten Welt. Es ist ein buntes, abwechslungsreiches Programm, das ZDF Neo ausstrahlen möchte. Aber trotz Qualität ist eine niedrige Quote nicht ausgeschlossen, zumal in Deutschland gerade einmal 40 Prozent der Haushalte digitales Fernsehen empfangen, etwa über DVBT oder digitale Kabelanschlüsse. In Mainz hofft man deswegen auf die schnelle vollständige Digitalisierung des Fernsehempfangs.

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