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19:15 17.10.2010
Fernsehfilm „Kongo“: Haben deutsche Soldaten womöglich aus Rache einen Zivilisten hingerichtet?
Fernsehfilm „Kongo“: Haben deutsche Soldaten womöglich aus Rache einen Zivilisten hingerichtet? Quelle: ZDF
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Ein Militärhubschrauber über sattem Dschungelgrün, dazwischen braun-brackige Flussläufe, die Rotoren der Maschine dröhnen. Im Helikopter sitzen zwei Soldaten, einer davon eine Frau, unterwegs ins Einsatzgebiet: Solche Szenen kennen wir bislang nur aus Hollywoodfilmen, die in Vietnam, Somalia, Afghanistan oder in irgendeinem anderen Kampfgebiet spielen. So beginnt nun auch der ZDF-Film „Kongo“ (Montag, 20.15 Uhr), in dem deutsche Bundeswehrsoldaten im tropisch-feuchten Klima schwitzen – und manche auch die Nerven verlieren.

Produzent Christian Granderath von der Firma Teamworx spricht wie selbstverständlich von einem „Kriegsfilm“. Das Fernsehen vollzieht die politisch-militärischen Veränderungen der vergangenen zwanzig Jahre nach – so wie schon in dem Spielfilm „Willkommen zu Hause“, in dem ein von einem Trauma gequälter Bundeswehrsoldat aus Afghanistan zurückkehrt und nicht wieder ins Zivilleben zurückfindet. Deutsche Soldaten in Krisengebieten: Vieles ist plötzlich möglich. Auch im TV.

In „Kongo“ geht Regisseur Peter Keglevic (Drehbuch: Alexander Adolph, „So glücklich war ich noch nie“) noch weiter: Hier stehen deutsche Soldaten bald schon unter Verdacht, in ein Kriegsverbrechen verwickelt zu sein. Afghanistan, so sagt Produzent Granderath ganz ohne Arg, habe man in diesem Fall bewusst nicht als Schauplatz gewählt: Man habe befürchtet, von der Realität des Krieges dort überholt zu werden. Auch der zentralafrikanische Staat ist ein plausibler Schauplatz: 2006 begleiteten dort deutsche Soldaten die Wahlen. Gedreht wurde allerdings in Südafrika.

Die Frau im Hubschrauber ist die Feldjägerin Nicole Ziegler (Maria Simon). Sie soll eine Tragödie aufklären. Im Dschungelquartier der Bundeswehrsoldaten, die eine UN-Blauhelmmission unterstützen, hat sich ein junger Soldat eine Kugel in den Kopf geschossen. So scheint es jedenfalls. Depressionen, verursacht durch Malariamittel und familiäre Probleme, befindet Hauptmann Kosak (Jörg Schüttauf) kurz und knapp, der die Besucher eher unwillig empfängt.

Kosak will nur eines: Ziegler und ihr Mitarbeiter Werner Malinckrodt (Maximilian Brückner) sollen das Protokoll unterschreiben und wieder verschwinden. Doch dann stößt die hartnäckige Ermittlerin auf ein dubioses Handyvideo des Toten, und plötzlich stellt sich die Situation ganz anders dar: Haben deutsche Soldaten womöglich aus Rache einen Zivilisten hingerichtet?

Die Handlung selbst ist nicht immer plausibel. Warum zum Beispiel hat keiner der verdächtigen Soldaten nach dem Handy gesucht, das die Verdachtsspirale erst in Gang setzt? Alle wussten von der Existenz des Videos. Beeindruckend aber die klaustrophobische Dschungelatmosphäre. Außerhalb des Zauns wartet nicht nur eine von endlosem Bürgerkrieg in dem rohstoffreichen Land zermürbte Bevölkerung auf deutsche Aufbauhilfe, sondern auch eine geisterhafte Armee von Kindersoldaten: Die „Alligator Boys“ unter dem Kommando von „Captain Crocodile“ morden und plündern.

Die Bundeswehrsoldaten sollen in diesem feindlichen Umfeld helfen – und sind doch Fremde, denen nach jedem Kontakt mit den Einheimischen geraten wird, zum Desinfektionsspray zu greifen. Und wenn die Soldaten eine Schule einrichten, dann ist diese womöglich schon am nächsten Tag wieder verwüstet und die Lehrerin ermordet.

Einige Themen werden zwar eher stichwortartig und nur pflichtschuldig abgearbeitet: die Gier der Industrieländer nach Coltan-Erz für Handys, die mangelhafte Ausrüstung der deutschen Soldaten, die fehlende moralische Unterstützung in Deutschland. Und doch legt Regisseur Keglevic („Der Tanz mit dem Teufel – Die Entführung des Richard Oetker“) ein sehenswertes kriminalistisches Kammerspiel im Dschungelcamp vor, wie es das deutsche Fernsehen bislang noch nicht zustande gebracht hat.

Konsequent auch das Ende: Die alte Erkenntnis, wonach das erste Opfer im Krieg die Wahrheit ist, scheint immer noch zu gelten. Oder schon wieder.

Stefan Stosch

17.10.2010
15.10.2010