Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Wikileaks-Chef Assange chattet am Freitag live beim „Guardian“
Mehr Welt Medien Wikileaks-Chef Assange chattet am Freitag live beim „Guardian“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:20 03.12.2010
Wikileaks-Chef Julian Assange wird am Freitag beim Guardian im Live-Chat Fragen beantworten. Quelle: ap
Anzeige

Seit Tagen hält Julian Assange die Welt der Diplomatie mit seinen Enthüllungen in Atem - jetzt geht der mit Haftbefehl Gesuchte in die Offensive. Assange stellte in der Online-Ausgabe der britischen Tageszeitung „Guardian“ den Lesern. Allerdings ging der Server der Zeitung schon nach kurzer Zeit in die Knie. Der Ansturm der Interessenten war zu stark.

Der Wikileaks-Gründer versteckt sich nach Presseberichten in Großbritannien. Die schwedische Justiz rechnet damit, dass er in Kürze gefasst wird. Der Vorwurf gegen den 39-jährigen Australier bezieht sich allerdings nicht auf dessen Weitergabe hochsensibler US- Diplomatendepeschen - die schwedische Justiz verfolgt ihn vielmehr wegen des Verdachts der Vergewaltigung.

Anzeige

Unterdessen gehen die Enthüllungen weiter. Am Freitag ging es um die Korruption in Afghanistan. Das Ausmaß von Bestechung, Erpressung und Veruntreuung sei selbst für Diplomaten in Kabul schockierend. Nur ein Minister stehe nicht unter Korruptionsverdacht, übermittelte die US- Botschaft im Januar. Das geht aus Dokumenten hervor, die die Internetplattform Wikileaks laut „New York Times“ veröffentlichte. Schwere Bedenken wurden erneut gegen den afghanischen Staatspräsidenten Hamid Karsai laut. Auch Großbritannien muss nach jüngsten Berichten harsche Kritik wegen seines Einsatzes in Afghanistan einstecken.

In Deutschland geht indes die „Maulwurf“-Diskussion weiter. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberger (FDP) nahm den bisherigen Büroleiter von Parteichef Guido Westerwelle gegen den Vorwurf der Spionage in Schutz. „Herr Metzner hatte die Aufgabe, Kontakt mit ausländischen Botschaften zu halten, in seiner Funktion“, sagte sie vor einem Treffen mit ihren EU-Kollegen am Freitag in Brüssel. Sie schätze Helmut Metzner. Der 41-Jährige hatte im Zuge der Wikileaks-Enthüllungen zugegeben, im Herbst 2009 Informationen zum Verlauf der Koalitionsgespräche weitergegeben zu haben - an US- Botschafter Philip Murphy. Er wurde daraufhin von seinem Posten entbunden.

Die Bundesregierung werde aber weder die Abberufung Murphys fordern noch auf eine Entschuldigung dringen, machte Regierungssprecher Steffen Seibert deutlich - nach entsprechenden Forderungen aus der FDP.

In Kabul erklärte ein Regierungsvertreter einem staunenden Diplomaten das „Vier-Stufen-Modell“ der Korruption. Demnach werde bei US-Entwicklungsprojekten gleich mehrfach abkassiert: zunächst bei der Ausschreibung eines Bauvorhabens, dann bei Auftragsvergabe, während des Baus und ein weiteres Mal, wenn das Projekt eingeweiht wird, heißt es in der „New York Times“. Einzig der bis heute amtierende Landwirtschaftsminister Asif Rahimi habe eine weiße Weste.

Anders als Präsident Karsai, der laut einer US-Depesche von Mitte 2009 fünf Grenzpolizisten begnadigt haben soll, die mit über 120 Kilogramm Heroin erwischt worden seien. Hintergrund: Der Sohn eines einflussreichen Karsai-Unterstützers soll in den Fall verwickelt gewesen sein. Laut einer vertraulichen Diplomatendepesche aus dem Jahr 2009 klagte ein amtierender Gouverneur in der südöstlichen Provinz Chost, dass er seinen Job nicht behalten könne, da ihm 200.000 bis 300.000 Dollar Bestechungsgeld fehlten.

Erst traf es die USA, dann Russland, nun sind die Briten dran - und zwar wegen des Einsatzes in Afghanistan. Karsai soll in einem Gespräch mit US- Militärs gesagt haben, Großbritannien sei „der Aufgabe nicht gewachsen“ und solle die Sicherung der Provinz Helmand besser den Amerikanern überlassen, wie der „Guardian“ aus geheimen Botschaftsdokumenten zitierte. Die Briten sind seit 2001 in Afghanistan und haben dort derzeit rund 10.000 Soldaten stationiert. Sie stellen nach den USA das zweitstärkste Kontingent am Hindukusch.

Wikileaks ist seit Freitagmorgen über die Schweizer Internetadresse wikileaks.ch erreichbar. Registriert hat die Adresse die Schweizer Piratenpartei, wie die Schweizer Domainverwalterin Switch mitteilte. „wikileaks.ch“ wurde vom Vorsitzenden der Schweizer Piratenpartei, Denis Simonet, reserviert. Nach Angaben auf der Homepage des Parteichefs hat Simonet im November Wikileaks-Chef Assange getroffen. Wikileaks teilte über Twitter mit, man sei in die Schweiz “übergesiedelt“ und habe eine neue Domain (Internetadresse). Die Internetadresse wikileaks.org war seit dem späten Donnerstagabend nicht mehr direkt zugänglich, sondern nur noch über die IP- Adresse, also die Zahlenfolge, die jeden Computer im Internet eindeutig identifiziert.

Die Domain wikileaks.org sei von der US-Firma everydns.net „gekillt“ worden, teilte das von Assange gegründete Projekt im Kurzmitteilungsdienst Twitter mit. Dieser Internet-Dienstleister sorgte dafür, dass die IP-Adresse des Rechners mit der Internet- Adresse (Domain) wikileaks.org verbunden wird. Zuvor hatte bereits der US-Konzern Amazon Wikileaks von seinen Servern genommen.

Fragen der Online-Leser und Antworten des WikiLeaks-Chef Assange gibt es auf http://dpaq.de/YHNpS.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

dpa

Mehr zum Thema

Erst hat Amazon die umstrittene Enthüllungsplattform Wikileaks ausgesperrt, jetzt hat die US-Firma EveryDNS.net die Internet-Adresse wikileaks.org gelöscht. Die IP-Adresse der Enthüllungsplattform ist nun mit einer Schweizer Domain verknüpft - die allerdings auch auf den Nameservern der besagten US-Firma liegt.

03.12.2010

Gegen den Gründer der umstrittenen Internetplattform WikiLeaks, Julian Assange, ist ein internationaler Haftbefehl erlassen worden. Er wird wegen der gegen ihn in Schweden erhobenen Vergewaltigungsvorwürfe gesucht.

01.12.2010

Nach der Veröffentlichung vertraulicher US-Diplomaten-Berichte steht die nächste Enthüllung an: Im Frühjahr sollen Daten aus einer US-Großbank veröffentlicht werden - und Einsicht vermitteln, wie sich Banken auf Managementebene verhalten.

30.11.2010