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00:15 05.11.2013
Von Dirk Schmaler
„Die Technik ist längst für Normalos erschwinglich“: Mahmod Abu Shanab kennt sich aus mit Späh- und Lauschwerkzeugen – in seinem „Spy Shop“ bietet er Abhöranlagen und Geheimkameras an. Quelle: HAZ
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Hamburg

Es ist ein unscheinbarer kleiner Laden. In den Auslagen im Schaufenster liegen kleine Kameras, Frequenzdetektoren, die Alarmanlagen ausschalten, und Hochleistungsmikrofone samt Sender, die in Streichholzschachteln versteckt sind. „Spy Shop“ steht auf dem Schild darüber an der Hoheluftchaussee in Hamburg. Darin arbeitet Mahmod Abu Shanab. Der Hamburger erfindet und verkauft Spionagetechnik – Spezialanfertigungen für internationale Geheimdienste, aber auch Lauschwerkzeug für den Otto-Normal-Ausspäher. Wer etwas über die Möglichkeiten lernen will, in einer technisierten Welt alles und jeden auszuspionieren, der ist bei Shanab genau richtig.

„Technisch ist vieles möglich“, sagt er. „Sehr viel.“ Er muss es wissen. Abu Shanab gehört nach Meinung mancher Experten zu Deutschlands innovativsten Sicherheitsbastlern. Als Teil eines internationalen Netzwerks tüftelt er in seiner Werkstatt immerzu daran, neueste Sicherheitstechnik auszutricksen – oder sie zu verbessern: Alarmanlagen, Schlösser, Spionagesoftware. Privatleute gehören genauso zu seinen Kunden wie Firmen, die ihre Mitarbeiter unter die Lupe nehmen wollen. Er arbeitete auch schon mit der Polizei zusammen. Und nach eigenen Angaben auch mit Geheimdiensten auf der ganzen Welt.

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Er ist so etwas wie die Hamburger Ausgabe des britischen James-Bond-Ausstatters „Q“ – nur dass er eben nicht exklusiv in den Diensten Ihrer Majestät steht, sondern für alle da ist. Abu Shanab liefert die Technik für eine Gesellschaft, die es offenbar nicht mehr akzeptieren will, dass es Geheimnisse gibt. Weder im Privaten, noch im Staatlichen oder in der Arbeitswelt. Was Menschen wie er möglich machen, wird irgendwann eingesetzt. Das haben die Abhörskandale der vergangenen Jahre gezeigt.

Spionagetechnik ist für jeden erschwinglich

In diesen Tagen ist sein Geschäft eher besser besucht als sonst. „Durch die Enthüllungen von Edward Snowden wird plötzlich vielen klar, was alles technisch geht“, sagt er. „Dabei ist gute Spionagetechnik längst für Normalos erschwinglich.“

In der Tat gibt es kaum etwas, was es nicht gibt. Nicht nur für Agenten. Der Markt für Überwachungstechnik soll sich bis 2020 verfünffachen. Allein mehr als eine Million Wanzen funken illegal aus deutschen Wohnungen, Büroräumen und Konferenzsälen, schätzen Experten. Hinzu kommen die Schnüffelsoftware für Handys und Computer sowie Millionen von Kameras, die teils sichtbar, teils im Geheimen auf Straßen, in Geschäften, aber auch am Arbeitsplatz für gute Bilder sorgen sollen.

Überwachungsskandale bei der Telekom und der Deutschen Bahn, aber auch die Bespitzelung bei Supermarktdiscountern haben gezeigt, dass der Arbeitsplatz längst kein geschützter Raum mehr ist. Im Gegenteil: Es werden E-Mails mitgelesen, Telefonverbindungen ausgewertet, Mitarbeiter geortet und – so befürchten Gewerkschaften – in einigen Fällen wird längst lückenlos komplettüberwacht. Zahlen gibt es nicht, die geheime Bespitzelung kommt auch im Nachhinein nur selten ans Licht. „Wenn man aber die Erfahrungen der vergangenen Jahre anschaut, muss man davon ausgehen, dass es viele Arbeitgeber gibt, die unter Überwachungswahn leiden“, sagt die Arbeitsrechtlerin beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Martina Perreng. „Ich bin mir sicher, dass es viele Arbeitgeber gibt, die alles machen, was technisch machbar ist.“ Und das ist eine ganze Menge.

Detekteien bieten „Arbeitnehmerüberwachung“ heute als Teil ihres Standardrepertoires an. Ein privater Ermittler, der namentlich nicht genannt werden will, erklärt, es gebe viele misstrauische Chefs, die Mitarbeiter verdächtigen, sie zu betrügen. „Das ist denen oft selbst peinlich, aber ihr Misstrauen zerstört das Betriebsklima, und ich helfe ihnen, das wieder in Ordnung zu bringen.“ So positiv kann das Selbstbild eines Detektivs sein.

Der Teufel steckt im Detail

In der schönen neuen Schnüffel-Welt spielen unscheinbare kleine Geräte eine große Rolle. Im Internet gibt es Streichholzschachteln zu kaufen, die eigentlich Wanzen sind und Rauchmelder oder Duftspender mit eingebauten Kameras. Abu Shanab vertreibt auch Wecker mit versteckten Linsen und Mikrofonen.

Längst hat eine Art Generalverdacht  auch ihn selbst vorsichtig werden lassen: „Wenn ich in einem Hotelzimmer übernachte, schaue ich mich schon genauer um als andere.“

Bei Privatleuten, so erzählt Abu Shanab, sei vor allem Spionagesoftware für das Handy gefragt. Eifersüchtige Ehemänner etwa schenkten der Frau ein neues Handy – samt Schnüffelsoftware. „Wenn das Programm installiert ist, sieht der Mann, mit wem sie telefoniert. Er weiß, wo sie ist, kann ihre SMS lesen und ihre Gespräche mithören.“ 599 Euro kostet die „Secret Handy-Software“ bei ihm. Ähnliche Angebote findet man im Internet zu Hauf. Die Installation dauert nur Sekunden, man sieht dem Smartphone keine Veränderung an. Auch bei Firmenhandys ist das möglich – wenn auch illegal.

Der Spionagemarkt ist eine rechtliche Grauzone. Jeder darf Wanzen, Kameras und Spionagesoftware verkaufen und besitzen. Nur einsetzen darf man sie außerhalb der eigenen vier Wände im Normalfall nicht. Im Zuge des NSA-Skandals fordern Bürgerrechtler, Abhörwerk­zeuge zu verbieten. Es ist aber schwierig, etwas zu verbieten, das erst durch die böse Absicht zum Problem wird. So wird niemand etwas dagegen haben, wenn ­besorgte Mütter ihre Töchter orten wollen, wenn sie sie vermissen. Wenn allerdings der Chef wissen will, ob sein Untergebener abends noch um die Häuser zieht, statt sich für den Termin am nächsten Tag auszuruhen, dann ist das kriminell.

Vieles dazwischen bleibt umstritten. Vor allem in Betrieben gibt es nach Angaben der DGB-Arbeitsrechtlerin Perreng viele ungeregelten Fragen. So nutzt etwa das Speditionsgewerbe schon heute oft die Handyortung, um jederzeit zu wissen, wo Mitarbeiter unterwegs sind. Der Arbeitgeber hat so einen guten Überblick über seine Flotte – und kann im besten Fall schnell neue Aufträge koordinieren. Er kann aber auch leicht nachvollziehen, wie oft der Fahrer zur Toilette geht und ob er Burger King oder McDonald’s bevorzugt. „Das ist mit dem Datenschutz nicht vereinbar“, sagt Perreng. Der Rechtssprechung zufolge dürften Angestellte nicht unter „Überwachungsdruck“ stehen. Arbeitgeber dürften nicht die Einzelnachweise des Telefons überprüfen und auch sonst keine geheimen Methoden zum Ausspähen anwenden. Doch es gibt Ausnahmen – bei konkreten Verdachtsfällen. Diese Lücke nutzen viele Arbeitgeber aus. „Deshalb brauchen wir endlich ein Arbeitnehmerdatenschutzgesetz, das technische Überwachung ausdrücklich ausschließt“, fordert Perreng.

Überwachung für ein besseres Betriebsklima?

Abu Shanab kann die Bedenken verstehen. Trotzdem hält er Überwachung nicht grundsätzlich für ein Übel. „Man kann sie sich zu Nutze machen – im guten wie im schlechten Sinne.“ Von Gastro­nomen etwa werde er manchmal mit Showmagier David Copperfield ver­glichen. „Ich bring die Kameras im Lokal an – und schon bleibt mehr Geld in der Kasse.“ Das zeige, dass die Überwachung die Angestellten zu mehr Ehrlichkeit zwinge. Aber zu welchem Preis?

Abu Shanab will diese Frage gar nicht beantworten. Ihn reizt vor allem die Technik selbst. Er ist Bastler. „Ich konstruiere Prototypen“, sagt er. „Vieles stelle ich nur auf speziellen Wunsch in kleiner Serie her.“ Was, will er nicht genauer sagen. Nur so viel: Wenn eine neue Sicherheitstechnik auf den Markt komme, sorge er für den Schlüssel, um sie zu umgehen. Er tüftele Geräte aus, die die neueste Spionageabwehr überlisten. „Es ist ein Katz- und Mausspiel.“ 

Gerade baut er an einem Auto, „so eine Bond-mäßige Kiste, ein Van, vollgestopft mit Elektronik“. Dort soll etwa eine neuartige Kamera eingebaut werden, die aus 600 Meter Entfernung gestochen scharfe Bilder macht – und zwar nachts. Außerdem sind Peilsysteme, Richtmikrofone und Kamerarundumtechnik eingebaut. Wer damit vor einem Haus stehe, wisse ziemlich genau, was darin vor sich geht. Abu Shanab kommt bei all den technischen Spielereien ins Schwärmen. „Da ist alles drin, was man braucht, um glücklich zu sein.“ Das Auto soll im Februar fertig sein. Er will es auch an Interessierte vermieten. Wer immer das ist.

Wenn das Handy zur Wanze wird: So spionieren Laien

■  Können nur erfahrene Hacker ein Handy ausspionieren?
Nein. Schon durch das simple Installieren einer App lässt sich der Handystandort später vom heimischen PC aus bestimmen. Allerdings haben versierte Hacker einen Vorteil gegenüber laienhaft agierenden Ehemännern oder Arbeitgebern: Sie können über infizierte E-Mail-Anhänge oder SMS auch aus der Ferne in ein Handy eindringen. Für das Installieren einer App hingegen muss man zumindest für einige Minuten das entsperrte Gerät in der Hand halten.

 Welche Möglichkeiten der Handyspionage gibt es für Laien?
Der einfachste Weg ist der Missbrauch einer Ortungs-App. Diese Programme sind dazu gedacht, gestohlene oder verlorene Mobiltelefone wiederzufinden oder den Aufenthaltsort der eigenen Kinder festzustellen. Angebote wie „GPS Tracker“ oder „Cerberus Anti-Diebstahl“ sind legal für wenige Euro in App-Stores erhältlich. Kostenlose Varianten zeigen im Webbrowser nur eine Karte mit dem ungefähren Handy­standort an. Der Funktionsumfang von kostenpflichtigen Programmen ist deutlich größer: Per sogenannter Remote-SMS lässt sich das Handy fast unbegrenzt fernsteuern: An- und ausschalten, Speicherkarte löschen, Aufnehmen von Gesprächen oder heimliches Versenden einer Liste der jüngsten Anrufe. Zum Ausführen der Befehle genügt eine SMS mit einem Code – für den Handynutzer bleibt der Empfang unsichtbar.

 Ist das legal?
Das kommt auf die Anwendung an. Der Zweck der Diebstahlsicherung ist lauter, heimliche Bespitzelung verboten. Seit Beginn des Smartphonebooms hat die Bundesregierung das Telekommunikationsgesetz mehrfach erweitert. Seit 2009 müssen Handybesitzer einer Ortung ihres Geräts zuvor schriftlich zustimmen. Zudem müssen sie bei jeder fünften Ortung per SMS informiert werden. So soll eindeutig geklärt sein, dass nur der tatsächliche Handybesitzer von dem Dienst Gebrauch macht. Aushebeln lässt sich die Regel bei geschenkten Handys oder Diensttelefonen, die zuvor präpariert werden können. Zudem hinkt die Gesetzgebung der Praxis hinterher: In Internetforen bieten Handytüftler ständig neue Eigenentwicklungen an. Manche Apps lassen sich gar als versteckte Systemprogramme installieren, die nur Experten finden und löschen können.

■  Wie schütze ich mein Handy?
Zum Schutz gegen Hackerangriffe gilt dasselbe wie für den heimischen PC: Keine unbekannten E-Mail-Anhänge öffnen und Programme nur von vertrauenswürdigen Portalen herunterladen. Gegen Spionage-Apps hilft nur, das Handy nicht aus der Hand zu geben und in jedem Fall per PIN zu sperren. Die sicherste Variante sind Kryptohandys, die vor allem für Unternehmen gedacht sind. Die Geräte verwenden als Basis normale Mobiltelefone, etwa von Blackberry oder Samsung. Sicherheitsspezialisten bauen dann einen Chip ein, der die Kommunikation verschlüsselt. Wer die Kosten für ein mehr als Tausend Euro teures Kryptohandy scheut, kann sein normales Mobiltelefon per App aufrüsten. Für den privaten Gebrauch ist das kaum geeignet: Beide Gesprächspartner müssen diese Technik nutzen, damit niemand mithören kann.

Michael Soboll

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