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Mehr Welt Medien Warum das Fernsehen lieber Twitter erklärt als es zu nutzen
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08:12 04.12.2012
Thomas Gottschalk versuchte, für seine Sendung „Gottschalk Live“ mit seinen Zuschauern via Facebook zu kommunizieren – und gab schnell entnervt auf. Quelle: dpa
Mainz

Olli Kahns erstes Mal war auf Usedom. Am ZDF-Fernsehstrand, während der Fußball-EM. Gerade hatte Internetexpertin Jeannine Michaelsen mit ihm und Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein einen Twitter-Account für Kahn angelegt. „Und was schreiben wir da jetzt rein?“, fragte Müller-Hohenstein mit übertrieben kindlicher Begeisterung. „Na ganz klar: Wir werden Europameister“, knödelte Kahn. „Neiiiiin“, entfuhr es Michaelsen, doch Kahn war unerbittlich. „Mit drei Ausrufezeichen“, verlangte er.

Michaelsen fügte sich, hielt dann auch noch den Twitter-Account von Harald Schmidt für echt, obwohl seit Monaten bekannt war, dass Schmidt dort gar nicht selbst twitterte, sondern Videokolumnist Rob Vegas. Das Desaster war perfekt, der Shitstorm, die Häme der Twitternutzer, ließ nicht lange auf sich warten. Immerhin: Die Social-Media-Offensive des ZDF hatte funktioniert – aber wohl nicht so, wie man sich das in Mainz vorgestellt hatte.

Crossmediales Fernsehen als Ziel

Seit der Begriff des „Web 2.0“ geprägt wurde, haben Fernsehmacher ein neues Ziel vor Augen: Auch die Glotze soll crossmedial werden, Schlagworte wie „Social TV“ und „Second Screen“ machen die Runde als Ausdruck für das neue Nutzerverhalten der Fernsehzuschauer. Allerdings ist es inzwischen schon mehr als acht Jahre her, dass der Begriff „Web 2.0“ entstand. Wo ist sie denn nun, die digitale und soziale Revolution des Fernsehens?

Auch der 6. November, der Tag der US-Wahl, war nicht der Durchbruch. Im ZDF-Wahlstudio stand ein riesiger Flachbildschirm, darauf zu sehen eine Karte der USA. Plötzlich begannen auf der Karte rote und blaue Punkte aufzuploppen. „Wir sehen jetzt hier die gesamten Vereinigten Staaten, und jeder Punkt steht für einen Tweet, der entweder über Obama oder über Romney ist“, erklärte Internetexpertin Sonja Schünemann. Es ploppten so viele rote und blaue Punkte auf, dass einem schwarz vor Augen wurde. Der Informationsgehalt? Gleich null.

Durchbruch von Social TV lässt auf sich warten

Solche Szenen sind es wohl, die den Internet-Branchendienst „Meedia“ Anfang November dazu veranlassten, der Zunft von Jeannine Michaelsen und Sonja Schünemann die wenig schmeichelhafte Berufsbeschreibung „Twitter-Tussi“ zu verpassen. Ideal für alle „jungen Frauen, die halbwegs gescheit ausschauen und was mit Medien machen wollen“. Die Debatte um den Social-Media-Krampf im Fernsehen mit einem sexistischen Begriff befeuern zu wollen, ist zwar plump und wenig hilfreich. Doch die Versuche des Fernsehjahrs 2012 zeigen: Der Durchbruch des Social TV lässt noch auf sich warten. Vieles verläuft nach dem Schema trial and error, ausprobieren und scheitern.

Zu häufig bleibt die Frage: Was bringt das jetzt? Was bringt es, dass auf einem riesigen Bildschirm rote und blaue Punkte als Tweet-Visualisierungen aufploppen? Eben, nichts. Bei MSNBC und CNN twittern sie. Im ZDF erklärt Bettina Schausten, dass dieses Twitter ja „immer wichtiger geworden ist in letzter Zeit“. Anstatt Twitter zu nutzen, wird lieber versucht, Twitter zu erklären.

Thomas Gottschalk war überfordert

Doch selbst wenn sich Internetauskenner wie die Blogger und Journalisten Richard Gutjahr und Daniel Fiene an die Vernetzung des Fernsehens wagen, verspricht das nicht zwingend Erfolg. Mit der „Rundshow“ im BR scheiterten sie letztlich an ihren hohen Ambitionen. Zwar zeigten die spontane Themenänderung von Kinderbetreuung zu Vorratsdatenspeicherung als Reaktion auf Zuschauerfeedback und die Einbindung von Google-Hangouts und Skype-Konferenzen, was alles möglich ist. Doch letztendlich blieb die Sendung vor allem durch ihre Hektik, Überfrachtung und mangelnde Tiefe in Erinnerung. Bei „Gottschalk Live“ dagegen, der im Frühjahr grandios gefloppten Vorabend-Lifestyle-Talk-Sendung der ARD, wurden die Zuschauer zwar vorab fleißig zur Teilhabe über Twitter und Facebook aufgefordert, doch Moderator Thomas Gottschalk war damit vor allem überfordert. Schnell gaben er und sein Redaktionsteam wieder auf, die Zuschauermeinungen versandeten fortan im digitalen Nichts.

Auch PRO7 hat seiner Castingsendung „The Voice of Germany“ ein Social-Media-Rahmenprogramm verpasst. Die Aktivitäten bieten teilweise einen echten Mehrwert. Die Kandidaten sind sehr aktiv auf ihren Twitter- und Facebook-Accounts und tauschen sich dort mit ihren Fans aus. Sänger Gil Ofarim etwa, der im Halbfinale ausschied, twitterte Bilder von sich und den anderen Kandidaten und antwortete brav auf jede noch so profane Frage.

Fremdschämfaktor steigt

Doch wenn der Sender seine Social-Media-Aktivitäten während „The Voice“ bewirbt, steigt der Fremdschämfaktor. Da wurden die Kandidaten direkt nach ihrem Auftritt bei den sogenannten Blind Auditions von Ko-Moderatorin Doris Golpashin vor eine rote, mit Sponsorenlogos gespickte Wand gezerrt. Freiwillig, betont PRO7. Die Kamera filmte mit, wie über ein Smartphone auf der Facebook-Seite von Laura, Evi oder Gil gepostet wurde, dass sie in der nächste Runde seien und sich wahnsinnig freuen. Stimmt, denkt man sich, das habe ich ja vor 30 Sekunden gesehen.

Für TV-Zuschauer galt in diesem Jahr das Mantra: durchhalten, ertragen, auf Besserung hoffen. Leider deutet für 2013 wenig darauf hin, dass es besser werden könnte. Doch immerhin scheinen die Sender-Verantwortlichen über einen langen Atem zu verfügen. Das gilt offenbar nicht für Fußballexperten: Olli Kahn brachte es bis heute auf ganze elf Tweets. Seinen vorerst letzten hat er am 28. Juni geschrieben. Da war die Fußball-EM noch nicht mal zu Ende.

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