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Medien Warum EM-Bilder verzögert ankommen
Mehr Welt Medien Warum EM-Bilder verzögert ankommen
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16:30 13.06.2012
Von Imre Grimm
Foto: Analoggucker können früher jubeln als Fernsehzuschauer mit digitalem Empfang.
Analoggucker können früher jubeln als Fernsehzuschauer mit digitalem Empfang. Quelle: dpa
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Hannover

Ein schneller Pass aus dem Mittelfeld auf Bastian Schweinsteiger! Der gibt nach rechts ab auf Samy Khedira, Khedira dreht sich kurz um die eigene Achse, nimmt Maß, dann der lange Ball in den Strafraum, wo ...“ – „TOOOR!“, jubeln die Nachbarn im Garten gegenüber. Tor? Wie, wo, was? „TOOOR!“, jubeln auch wir. Mario Gomez hat den Ball per Kopf im portugiesischen Tor versenkt. 76. Minute. 1:0 für Deutschland. Fünf Sekunden später.

Es ist – neben Oliver Kahns Stoßseufzern und allem, was Steffen Simon so sagt – das wohl nervigste akustische Phänomen dieser Fußball-EM: Wer mit HD-Fernseher oder Internet-TV technisch aufgerüstet hat und sich nun an der Spitze der Entwicklung wähnt, hat das Nachsehen – im wahrsten Sinne des Wortes: Er jubelt fünf bis sieben Sekunden später als der Nachbar, der auf seiner alten Röhre noch analog guckt.

In manchen Gegenden kommt es geradezu zu Jubelechos. Beispiel: Lindener Markt in Hannover am Sonntag. Spanien spielt gegen Italien. Das spanische Restaurant „El Mercado“ zeigt die Partie auf einem Fernseher. Auch gegenüber, vor dem „GIG“, steht ein großer Bildschirm, vor dem benachbarten „Centrum“ eine Leinwand. 64. Minute. Cesc Fàbregas gleicht für Spanien zum 1:1 aus – zuerst jubeln die „El Mercado“-Gäste, dann die Spanien-Fans im „GIG“, zuletzt die im „Centrum“.

Wie kommt es überhaupt zu der lästigen Zeitverzögerung?
Seit es Satelliten-TV gibt, ist Live-Fernsehen praktisch nie live. Das Bildsignal schießt 36.000 Kilometer in den Orbit – und wieder zurück. Das dauerte im Analogzeitalter nur ein Sekundenbruchteil – und war damit kaum wahrnehmbar. Anders beim Digital-TV, ob „normal“ oder in HD: Für die EM-Bilder von Özil, Schweinsteiger & Co. heute Abend gegen die Niederlande muss das Signal des sogenannten „Basic International Feed“, das bis zu 32 Kameras der UEFA im Stadion in Charkiw einfangen, in einem Rechenvorgang speziell „codiert“ werden. Erst dann kann es global verbreitet werden – per Kabel (DVB-C), „terrestrisch“ per digitaler Antenne (DVB-T), per Satellit (DVB-S oder DVB-S2) oder per Internetfernsehen (IP-TV). Zu Hause müssen diese Bilder dann wieder vom privaten Empfangsgerät „decodiert“ werden. Und das dauert, je nach Technik, fünf bis sieben Sekunden. Digitale HD-Bilder sind also zwar schick und scharf, kosten aber Zeit. Erstjubler gucken analog, Spätjubler digital.

Kann man das nicht technisch angleichen, damit es spannend bleibt und alle zur gleichen Zeit jubeln?
Dafür müssten die Fernsehsender das analoge Signal gegenüber dem digitalen künstlich verzögern. Das ist technisch jedoch nicht machbar, weil der sogenannte „digital gap“ („digitaler Spalt“) je nach Übertragungsweg, Empfangsgerät, TV-Kabel oder HD-Receiver überall unterschiedlich ausfällt – sogar bei baugleichen Geräten und identischer Bildquelle. Selbst wenn alle Welt auf digitalen HD-Empfang umgestellt hätte, würde es Verzögerungen geben. Der Grund: Die Bilder müssen unterschiedlich viele „Stationen“ passieren (Receiver, Festplattenrecorder, TV-Gerät) – mit diversen potenziellen „Bremsen“ (Kabelqualität, TV-Rechenleistung etc.).

Und wer jubelt nun als Erster?
Über den Daumen gilt folgende Tempohierarchie: Am schnellsten sind die EM-Bilder per analogem Kabelnetz, gefolgt vom digitalen Satellitenempfang nach dem neuen Standard DVB-S2 (ob SD oder HD spielt hier keine große Rolle). Danach jubeln die Zuschauer mit digitalem Kabelempfang (DVB-C) – erst die mit herkömmlicher SD-Qualität, dann die HD-Kundschaft. Auf den letzten Plätzen folgen: das digitale Antennen-Fernsehen (DVB-T) und der digitale Satellit nach dem alten Standard DVB-S.

Und was ist mit Internetfernsehen, iPhone- oder Android-Apps und anderen Handy-TV-Angeboten?
Hier kann die Bildverzögerung sogar 15 oder mehr Sekunden betragen, weil die Anbieter das Bild „puffern“ – das heißt: zwischenspeichern und sammeln –, um es dann ohne Ruckeln weiterleiten zu können.

Massenphänomen: Jubellücke

Die Jubellücke ist etwa seit der WM 2010 ein nervtötendes Massenphänomen. Dabei gelten folgende Gesetzmäßigkeiten für Vorabinformationen aus dem Nachbargarten: Quieken („Iiiih“) und Stöhnen („Uuuuh“) bedeuten, dass es knapp gewesen sein wird. Wenn die Umgebung jedoch schweigt, während Sie sehen, wie Özil sich den Ball zur Ecke bereitlegt, heißt das in aller Regel: Das wird nichts. Beim Elfmeter ist die Sache noch vertrackter: Jubeln die nebenan jetzt, weil der Ball gleich drin sein wird? Oder weil der Torwart halten wird? Mancher argwöhnt gar, das ZDF habe absichtlich eine Fünf-Sekunden-Verzögerung eingebaut – um schnell reagieren zu können, falls der gelegentlich überforderten Katrin Müller-Hohenstein wieder ein „innerer Reichsparteitag“ über die Lippen rutscht. Das ist jedoch nicht der Fall. Im Übrigen gilt die alte Regel: Besser spät jubeln als nie. Und: Alles ist besser als Vuvuzelas.

12.06.2012