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Medien Warum „Deutschland sucht den Superstar“ so erfolgreich ist
Mehr Welt Medien Warum „Deutschland sucht den Superstar“ so erfolgreich ist
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10:24 17.04.2010
Von Dirk Schmaler
Posen für die „letzte Chance im Leben“: Mehrzad Marashi (links) und Menowin Fröhlich treten im „DSDS“-Finale gegeneinander an.
Posen für die „letzte Chance im Leben“: Mehrzad Marashi (links) und Menowin Fröhlich treten im „DSDS“-Finale gegeneinander an. Quelle: dpa
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Eigentlich ist die Sache ja klar: „Deutschland sucht den Superstar“ geht gar nicht. Musiker sehen in der RTL-Castingshow den Untergang des „ehrlichen“ Musikbusiness, Medienwächter beklagen, Dieter Bohlens plumpe Kandidatenschelte sei menschenverachtend und entwürdigend. Und ein echter Superstar, der auch nach dem Ende der RTL-„Bild“-Dauerpräsenz Erfolg hat, ist auch nach sieben Staffeln noch nicht dabei herausgekommen. Alles richtig. Dennoch ist ausgerechnet dieses Format eines der erfolgreichsten im deutschen Fernsehen. Durchschnittlich 6,37 Millionen Zuschauer sahen die „DSDS“-Sendungen in diesem Jahr, der Marktanteil bei den Jüngeren lag bei 32,1 Prozent – die siebte Staffel ist damit die erfolgreichste nach der ersten Auflage 2002, die Alexander Klaws gewann und die Daniel Küblböck als Trash-Kandidaten hervorbrachte. Das Geheimnis: „DSDS“ sucht in Wahrheit keine Gesangstalente, sondern eine dramaturgisch perfekt inszenierte Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte. Ein Erfolgs-Erklärungsversuch.

Die Jury

Die drei Jurymitglieder sind der strittigste Teil der Sendung – und der wichtigste. Sprücheklopfer Bohlen („Du singst wie ein Frosch!“) wurde in den vergangenen Jahren von RTL zum einzigen Starmacher aufgebaut. In den ersten beiden Staffeln hatte der Musikproduzent mit dem ehemaligen BMG-Manager Thomas Stein, Radiomoderator Thomas Bug und der Musikjournalistin Shona Fraser noch Mitjuroren mit eigenem Kopf. Von Staffel zu Staffel jedoch wurde die Dominanz von Bohlen immer stärker – und gleichzeitig die Wandlung vom Musiktalentwettbewerb zur interaktiven Casting-
Soap forciert. Mit der in musikalischen Dingen erkennbar ahnungslosen Nina Eichinger und dem grundlos zur Überheblichkeit neigenden Volker Neumüller hat Bohlen nun zwei brave Kollegen an seiner Seite, die ganz nach seiner Pfeife tanzen. Bohlens Wort ist für die Zuschauer erkennbar das Einzige von Gewicht – sei es noch so dämlich, anzüglich oder verachtend. Auch das ist Teil des Erfolgs. Seine oft unverschämten, manchmal nur brutal ehrlichen, meistens aber einfach nur völlig willkürlich aus der Luft gegriffenen Urteile nach den Auftritten der armen Kandidaten haben eine zentrale Aufgabe: Sie schüren Emotionen im Drei-Minuten-Popsongtakt. Dabei ist es für den Erfolg der Show egal, ob die Zuschauer Bohlens Votum zustimmen oder dies gerade nicht tun. Wichtig ist nur, dass sie überhaupt etwas empfinden.

Die Emotionen

Die Gefühlspalette einer durchschnittlichen „DSDS“-Sendung reicht von Mitleid und Fremdscham über Freude und Genugtuung bis hin zu Häme und echter Missgunst. Alles an einem Abend. Man kann sich kaum dagegen wehren. Dafür sorgt schon die dröhnende Inszenierung: immerzu laut, bunt, kreischig, grell, klebrig und in mehrfacher Hinsicht grenzwertig. Eine „DSDS“-Show ist eine Sirene ohne Abschaltknopf: Sie produziert den permanenten Ausnahmezustand.

Die Kandidaten

Kein Kandidat ohne Herzschmerz-Geschichte: Die Ansammlung von gescheiterten Existenzen in der aktuellen Staffel war wirklich beeindruckend. Der eine singt für die behinderte Cousine, der andere für das Leben seiner Tochter und seinen tödlich verunglückte Bruder (Finalkandidat Mehrzad), der nächste will mit dem Singen aus dem Hartz-IV-Leben ausbrechen. Deutlich wird der Trend hin zum schweren Schicksal an Finalkandidat Menowin Fröhlich. Der ehemalige Gefängnisinsasse bezeichnet die „DSDS“-Show als „die letzte Chance im Leben“. Die Verzweiflung ist dem jungen Mann mit dem auf dem Kopf einrasierten Notenschlüssel bei seinen Auftritten anzusehen. Er schwitzt und reißt die Augen auf, als sei es Hochleistungssport, einen Popsong nachzusingen. Der Leistungsdruck macht „DSDS“ nicht nur „Bild“-kompatibel, er schafft eine gefühlsmäßige Bindung. Zudem nutzen die TV-Produzenten die stundenlangen Sendezeiten zur Imagebildung mit dem Holzhammer. Mit grobem Keil und plumpen Einspielern werden aus den Kandidaten Stereotypen geschnitzt. Übrig bleiben: die Blondine mit den großen Brüsten, der Partylöwe, der mit der schweren Kindheit, die Tussy, die sich jeden Tag zwei Stunden schminkt („Kim Gloss“), der Rocker, der Durchgeknallte, der Schmusetyp, der Knacki und – ganz wichtig – die Zicke.

Der Eventcharakter

Das Image der Kandidaten gibt RTL jeden Sonnabend in der Show vor – der Boulevard von „Bild“ und „RTL explosiv“ ergänzen das Bild wochentags um kleine Skandälchen wie Nacktbilder, Partyexzesse, Familiengeschichten. Pünktlich zum Finale kursierte gestern das Gerücht, gegen Finalist Menowin werde wegen Drogenhandels ermittelt – eine Boulevard-Schlagzeile zum Sendetermin ist also wohl auch an diesem Wochenende gesichert. Bewusst werden so zudem RTL-Banalität und Realität vermengt. Die ständige Berichterstattung auf allen RTL-Kanälen ruft das Gefühl hervor, das Casting gehe auch außerhalb der Show weiter. Die Soap wird zu einer 24-Stunden-sieben-Tage-die Woche-Sendung – und zum potenziellen Suchtfaktor. Ähnlich wie bei Online-Computerspielen hat der Zuschauer, einmal infiziert, immerzu das Gefühl, etwas zu verpassen.

Die Zuschauer

Dem Zuschauer wird also einiges abverlangt. Nicht nur, dass er sich jeden Sonnabend bis in die Nacht freihalten muss und in der Woche den neusten Eskapaden („Kokain-Video aufgetaucht!“, „Kinder mit der eigenen Cousine!“) folgen muss, er soll auch noch dafür sorgen, dass sein Lieblingskandidat bis zum Finale in der Sendung bleibt. Penetrant wird ihm von Moderator Marco Schreyl („Alle Leitungen sind belegt. Belegt ist auch, wenn Papa auf dem Klo hockt.“) eingeimpft, durch seinen (kostenpflichtigen!) Anruf könnte er „seinen“ Kandidaten in der Show halten. Das ist nicht nur außerordentlich geschäftstüchtig. Es schafft Identifikation. „DSDS“ hat das geschafft, was Fernsehen nur selten glückt: Die Sendung ist tatsächlich interaktiv. Wer richtig angerufen hat, hat gewissermaßen Teil am Erfolg.

Der Kater

Erst in der Nacht zum Sonntag, wenn der Sieger feststeht, wird die Illusion plötzlich sichtbar werden, die als emotionaler Motor der Show funktioniert: das Versprechen, der Sieg bedeute auch außerhalb des Studios den Status des Superstars. Wenn sich die Menowin- und Mehrzad-Fans längst die Finger für „ihren“ Kandidaten wundgewählt haben, das Konfetti von der Studiodecke gerieselt kommt und der Abspann eingeblendet wird, folgt die Katerstimmung. Der Gewinner und auch der ein oder andere Anrufer wird plötzlich ahnen, dass dies nicht der Beginn einer Superstarkarriere ist, sondern das spröde Ende einer etwas lang geratenen Seifenoper-Spielshow. Die Quote steht dann längst fest.

RTL sendet das „DSDS“-Finale am Sonnabend live ab 20.15 Uhr.

Imre Grimm 15.04.2010
15.04.2010