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Medien „Machst du Webcam-Shows?“
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08:45 08.11.2013
Von Nicola Zellmer
Am Computer wurden die Bewegungen einer echten Person und ein künstlich erschaffenes philippinisches Mädchen zu der virtuellen Person Sweetie zusammengefügt. Jede ihrer Bewegungen kann am Bildschirm kontrolliert werden. Quelle: dpa
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Hannover

Sweetie ist zehn Jahre alt. Ein süßes Mädchen mit offenem, etwas traurigem Blick und strubbeligen, schwarzen Haaren, die zu einem kurzen Zopf zusammengebunden sind. Ein Mädchen, dem man eine schöne Kindheit wünschen möchte. Doch davon ist Sweetie weit entfernt: Das Computermodell eines philippinischen Mädchens soll dem internationalen Kinderhilfswerk Terre des hommes helfen, unzählige andere Minderjährige vor Kinderprostitution mit der Web-Kamera zu schützen.

Laut einer Untersuchung von Terre des hommes in den Niederlanden sind allein auf den Philippinen mehrere Zehntausend Mädchen und Jungen vom „Webcam Kinder-Sextourismus“ betroffen, wie die Organisation das Phänomen nennt. Zahlen von Vereinten Nationen und FBI zeigen, dass in jeder einzelnen Sekunde rund 750 000 Täter online sind.

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Für die kindlichen Opfer sei diese Form der Prostitution ebenso verheerend wie körperlicher Missbrauch, heißt es im Bericht der Kinderschützer. Die Kinder fühlten sich schuldig, seien depressiv, sexuell traumatisiert und sozial stigmatisiert. Oft zeigten sie ein selbstzerstörerisches Verhalten, griffen zu Alkohol oder Drogen. Die erwachsenen „Kunden“ dagegen holen sich ihren Sexkick in der schützenden Anonymität des Internets.

In einer verdeckten Aktion chatteten Terre-des-hommes-Mitarbeiter jetzt für den aktuellen Bericht am Computer mit Sexinteressierten – unterstützt durch das virtuelle Mädchen Sweetie, deren Bild rund 20 000 Männer aus 71 Ländern anlockte und diese in vielen Fällen veranlasste, ihre Daten preiszugeben.

„Wir wollten zeigen, was im Internet geschieht“, erklärt Hans Guijt von der Organisation in Den Haag. In der Vergangenheit sind laut Terre des hommes nur sechs Täter für Missbrauch vor der Webcam belangt worden – obwohl nationale und internationale Gesetze die Kinderprostitution längst verbieten.

Mit der Chat-Aktion enttarnten die Kinderschützer in einem Zeitraum von zweieinhalb Monaten mehr als 1000 erwachsene Täter, die Sweetie Geld für Pornografie geboten hatten, darunter neben 250 US-Bürgern auch 44 Deutsche. Ihre Identität wurde an die Behörden und Interpol übermittelt, zusammen mit den aufgezeichneten Bildern und Gesprächen. Zudem brachte Terre des hommes eine Onlinepetition zur Kontrolle von Chatrooms auf den Weg, die bereits jetzt etwa 100 000 Menschen aus aller Welt unterzeichnet haben.

Doch trotz der Fülle von Belastungsmaterial ist es schwierig, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Juristen zweifeln, dass die Beweise ausreichen. Auch die Rechtslage ist in verschiedenen Ländern unterschiedlich. In den Niederlanden etwa ist virtueller Kinderporno seit 2010 strafbar. Doch die Beweise von Terre des hommes wurden nicht rechtmäßig gesammelt. Das erschwert einen Prozess. Allerdings dürfe die Polizei die Angaben für weitere Ermittlungen nutzen, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Die Frage ist, ob solche Lockmittel überhaupt verwendet werden dürfen. Schließlich bringt man damit jemanden dazu, eine Straftat zu begehen, die er sonst vielleicht nicht begangen hätte. Virtuelle sexuelle Kontakte seien zudem nur dann strafbar, wenn das Opfer auch wirklich minderjährig ist, erklärte die holländische Staatsanwaltschaft. Bisher ist der Einsatz von minderjährigen Lockpersonen nicht erlaubt. Doch das soll sich schnell ändern. Das Justizministerium will eine Gesetzesänderung durchs Parlament bringen, nach der die Polizei auch Lockteenager einsetzen könnte.

Das Bundeskriminalamt (BKA) machte zunächst keine Angaben zu dem Fall und zur Rechtslage. „Wir stehen mit Interpol in Kontakt in dieser Sache“, sagte eine Sprecherin in Wiesbaden.

Auch in Deutschland versuchen Fahnder, Pädophile im Internet aufzuspüren. Ermittler des hessischen Landeskriminalamts haben sich im Netz als Kinder oder Jugendliche ausgegeben und auf unsittliche Angebote gewartet. Im Februar waren so bundesweit 39 Straftäter aufgeflogen. Das Innenministerium hatte damals mitgeteilt: Ein Täter mache sich auch dann strafbar, wenn er im Internet vor einem vermeintlichen Kind, tatsächlich aber vor einem Ermittler der Polizei, sexuelle Handlungen vornehme oder es dazu auffordere.

Doch an die meisten Täter komme man nicht heran, meint die europäische Polizeibehörde Europol. Die völlige Anonymität des Internets macht es fast unmöglich. „Es ist ein Verbrechen ohne Risiko“, sagte Troels Oerting, Chef der Abteilung Cyberverbrechen bei Europol.

Sex-Chat im Netz

12.31 Uhr: Older4Young: „Hallo, wie alt bist du?“
12.31 Uhr: 10 f philippines: „Hi, ich bin 10, weiblich, von den Philippinen“
12.32 Uhr: Older4Young: „Mmmm ... das mag ich. Meine Tochter ist so alt wie du. Bist du Jungfrau? Magst du ältere Männer?“
12.33 Uhr: 10 f philippines: „Ja, manchmal sind sie nett“
12.33 Uhr: Older4Young: „Machst du Web-Cam-Shows? Ich kann bezahlen.“

Der Mann, der in diesem von Terre des hommes Holland publizierten Chat vom 26. April 2013 nach einer Online-Sex-Performance fragt, stellte sich als 35 Jahre alter Vater von zwei Kindern aus Atlanta im US-Staat Georgia heraus.

 vm

(mit: dpa)

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