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Medien Twitter schafft in Deutschland den Durchbruch
Mehr Welt Medien Twitter schafft in Deutschland den Durchbruch
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11:27 23.02.2013
Von Imre Grimm
„Unterhaltend, überflüssig, philosophisch, dümmlich, kontrovers, prokrastinativ, freundlich, arrogant, neurotisch, schnell“: Der stilisierte weiße Vogel ist das Markenzeichen des Kurznachrichtendienstes Twitter. Quelle: dpa
Hannover

Lange hat es gedauert, sehr lange – für Internetverhältnisse eine Ewigkeit. Sechs Jahre lang war Twitter in Deutschland als Marginalienschleuder für Pubertierende verschrien, als Egobooster für Werbetexter mit Sendungsbewusstsein und Rollkragenpulli. Allenfalls ein paar Nerds tummelten sich im digitalen Bällchenbad. Doch nun steht der Kurznachrichtendienst auch in Deutschland vor dem Durchbruch – als Meinungsgenerator und Forum Romanum des 21. Jahrhunderts.

Zehntausende twittern zu Themen wie Sexismus, Hunderttausende zur Protestaktion „Eine Milliarde steht auf“. Die Zahl der deutschen Twitterkonten hat sich 2012 auf eine Million verdoppelt, 200 Millionen sind es weltweit. 300 Millionen weitere lesen ohne eigenes Konto mit. Nur 48 Stunden dauerte es, bis die „#Aufschrei“-Debatte gegen Gewalt an Frauen ihren Weg aus dem Netz zu Günther Jauchs ARD-Sonntagstalk fand – eine prototypische Entwicklung, die nicht wenige irritiert hat. „60.000 Tweets“, fragte Alice Schwarzer, „wollen wir das nicht mal ernst nehmen?“

Wollen wir? Lange weigerte sich das Land, Twitter als Kommunikationsmedium zu akzeptieren. Gründe sind schnell gefunden: Der deutsche Bildungsbürger reagiert mit Skepsis auf 140-Zeichen-Botschaften. Im Lande von „Faust“ und „Zauberberg“ assoziiert man Relevanz traditionell mit Länge. Alles Verknappte und Komprimierte ist suspekt. Zudem gibt es im Deutschen keine Tradition, Dinge sprachspielerisch auf den Kern zu reduzieren – Georg Christoph Lichtenberg und Karl Kraus hin oder her –, während etwa im angelsächsischen Raum gelungene „Puns“ zum Kneipensport gehören. Twitter? Ist das nicht diese Spielwiese der Sinnlosigkeiten?

Doch jetzt scheint ein Wendepunkt erreicht. Twitter ist im deutschen Alltag angekommen. 2012 war das Jahr, in dem wir Kontakt aufnahmen. Berliner Politiker entdeckten die Vorteile für sich, Sigmar Gabriel twittert aus der Babypause, Volker Beck, Peter Altmaier, Kristina Schröder stiegen ein. Lokalredaktionen entdecken Twitter als Instrument, um die „sozialen Trigger“ ihrer Leser zu ermitteln, wie der Soziologe Thomas Kaspar es beschreibt  – die Vernetzung von „Identität, Interesse, Umgebung und Nähe“. Und plötzlich erweist sich die Spaßmaschine als taugliches Werkzeug zur Weltgeistverdichtung, als Seismograf für gesellschaftliche Schwingungen und Katalysator für die Medienwirklichkeit.

500 Millionen Tweets gehen pro Tag um die Erde

Twitter setzt nicht die Agenda – aber beflügelt, was ohnehin ans Licht drängt. Der Reiz liegt in der Echtzeit-Teilhabe: Live-Warnmeldungen von New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg zum Hurrikan Sandy, Barack Obamas (@BarackObama) berühmtes Kussfoto nach seiner Wiederwahl, Backstage-Fotos von Paul McCartney, ein umgekipptes Schiff im Rhein. Rund 500 Millionen Tweets gehen pro Tag um die Erde, knapp 6000 pro Sekunde. Die „Timeline“ – der individuelle 24-Stunden-Strom aus Nachrichten, Links und Tweets von Medien, Kollegen, Freunden, Promis – wird zum persönlichen Liveticker. Der  Debattenmaschine der globalen Dorfgemeinschaft geht’s um Spaß, Quatsch, Liebe, Politik, Einhörner, Klugheit und Dummheit – kurz: Information und emotionalen Druckausgleich.

Große Aphorismenkunst (@haekelschwein: „Um als Terrorist zu gelten, müssen Rechte 13 Jahre bomben, Linke ein Auto demolieren und Muslime eine Casio-Uhr tragen“) trifft hier auf kleine Lebensdramen (@wondergirl: „Treue? Ach das Zeug, das man bei Tengelmann gegen Messer eintauschen kann?“); Tagespolitik (@ralfheimann: „Alitalia würde Annette Schavan einfach umlackieren“) trifft Fetzenliteratur (@hermsfarm: „fühle mich immer wie gott, wenn ich so viele pommes auf einmal in der hand habe, dass sie wieder eine kartoffel ergeben“). Wenn Facebook der Schulhof des Internets ist, dann ist Twitter die Raucherecke.

Der Dienst mit dem blauen Wappenvögelchen, dessen Grundidee Mitgründer Jack Dorsey (@jack) vor sieben Jahren auf eine Serviette kritzelte, hat sich seit dem Start am 15. Juli 2006 von der Quatschbude zum Milliardenkonzern entwickelt. „Was tust du?“, fragte der zunächst „Twttr“ genannte Vogel damals noch schüchtern. Inzwischen hat die Firma, die in ihren ersten drei Jahren exakt null Dollar erwirtschaftete, auch ein Geschäftsmodell: winzige Anzeigen, „sponsored Tweets“, die diskret die Timeline durchsetzen. Für 2013 rechnet die US-Firma E-Marketer mit Werbeumsätzen von 545 Millionen Dollar – 2012 waren es 288 Millionen. Der Abstand zu Facebook ist gewaltig (Umsatz 2012: 4,3 Milliarden Dollar), aber Twitterer sind eine begehrte Werbezielgruppe. Denn wäre das Netz die CeBIT, wären die Facebook-Nutzer das Massenpublikum – und die Twitterer die Fachbesucher: netzaffin, interessiert, kritisch, ironisch. Knapp 1000 Mitarbeiter hat Twitter Inc. in San Francisco. Neun Milliarden Dollar wäre die Firma wohl wert, ginge sie an die Börse.

Haupteinwand von Skeptikern: Das ist doch alles banal. Doch für Fans ist eine 140-Zeichen-Botschaft von Lady Gaga (@ladygaga), ungefiltert durch Medien, ein Stück Originalstoff, wertvoll wie ein Autogramm. Pannen wie 2009, als die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner (@julia­kloeckner) aus der Bundesversammlung 15 Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe die Wahl von Horst Köhler zum Bundespräsidenten twitterte („Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt“), dienten als willkommene Werbung. Ebenso wie die „Twitter“-Graffiti, die dankbare ägyptische Demonstranten 2011 auf Kairoer Rollläden sprühten.

„Der wirkliche Wert von Twitter erschließt sich nicht jedem sofort."

Was ist Twitter für Twitterer? Schnelle Umfrage bei – Twitter. Aus den Antworten: Twitter ist „unterhaltend, überflüssig, philosophisch, dümmlich, kontrovers, ­prokrastinativ, freundlich, arrogant, ­neurotisch, schnell“, findet @wochlop. Für @axiomatisch ist Twitter „wie Crème Brûlée: Man braucht es nicht zum Leben – aber gut, dass es das gibt.“ Für @pantschen ist Twitter „lustiges Fremdschämen“, und für @Katti ist es „das weiße Rauschen der Menschheit“.

Christoph Lauer freilich, von Grabenkämpfen zermürbter Oberpirat in Berlin, hat sein exzessives Twittern gerade erst wieder eingestellt – nach 60.700 Tweets. „Es bringt nichts. Wer etwas von mir möchte, der möge mir ganz klassisch eine E-Mail schreiben.“ Diese Woche offenbarte er sich: „Am Ende summieren sich bei mir verlorene Zeit und Nerven, sozialer Stress und zerfaserte Kommunikation sowie mediale Super-GAUs zu verlorener Produktivität.“ Freilich erntete er selbst schon lange viel Häme für Gaga-Tweets und inhaltslosen Wortsalat.

„Es geht eben nicht in der Hauptsache darum, was irgendjemand zum Mittagessen hatte“, sagt Stefan Keuchel (@frischkopp). Er ist Pressesprecher der Konkurrenz – Google. „Der wirkliche Wert von Twitter erschließt sich nicht jedem sofort. Aber es ist ein phantastisches Tool, um in kurzen Worten über aktuelle, spannende Dinge informiert zu werden.“ Und der Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann (@thomasoppermann) befindet gar: „Twitter sorgt für mehr demokratische Elastizität.“

Niemand aber, der diesen Kosmos betreten hat, zweifelt daran, dass die beschleunigende Kraft des Dienstes das politische Denken und Handeln verändern wird. Der Prozess hat gerade erst begonnen.

Dem Autoren bei Twitter folgen: @imregrimm.

Tweet, Hashtag, Trend: Das Twitter-Abc

■  Tweets: So nennt man die Textnachrichten auf Twitter. Sie bestehen aus höchstens 140 Zeichen – wie dieser Lexikoneintrag bis zum Ende dieses Satzes. Tweets können vom Computer oder Handy abgesetzt werden. Das Schreiben der Nachrichten wird als twittern (auf Deutsch zwitschern) bezeichnet.

■  Follower: Nur wer dem Absender eines Tweets auf Twitter „folgt“, bekommt dessen Nachrichten automatisch auf seiner Startseite angezeigt. Intensive Twitter-Nutzer folgen Hunderten anderer Nutzer und haben ihrerseits Hunderte Follower. Dadurch ergibt sich ein verzweigtes virtuelles Netzwerk, in dem sich Informationen in Windeseile verbreiten.

■  Retweets und Faves: Originelle oder relevante Tweets können von anderen Twitterern an ihre eigenen Follower weitergereicht – „retweetet“ – oder mit einem anerkennenden Sternchen markiert – „gefavt“ – werden. So können sich Tweets rasend schnell verbreiten.

■  @ und #: Das @-Zeichen ist Bestandteil des Twitternamens (@BarackObama) und ermöglicht es, einen bestimmten Nutzer zu erwähnen und zu kontaktieren. Die Raute markiert ein Schlagwort, unter dem Tweets zu einem bestimmten Themenkomplex zu finden sind (#bundesliga, #oscar) – der berühmte „Hashtag“.

■  Timeline: Diese Liste auf der Startseite zeigt automatisch alle Tweets der Nutzer an, denen man bei Twitter folgt. Die Liste aktualisiert sich in Echtzeit. Durch einen Klick auf den Namen des Nutzers kann man sich mit eigenen Tweets in die Debatte einschalten.

■  Trends: Twitter sammelt automatisch Daten zu den Themen, die aktuell am häufigsten in Tweets zum Thema gemacht werden. Diese werden den Nutzern als Topthemen angezeigt – und zeigen, wen was im Internet gerade besonders interessiert.

mic/gri

Die beliebtesten Twitterer in Deutschland

Paul van Dyk, DJ, ~881.000 Follower

Nuri Sahin, Fußballer, ~840.000 Follower

PRO7, Fernsehsender, ~453.000 Follower

sido, Rapper, ~378.000 Follower

Thomas Rincon, Fußballer, ~328.000 Follower

Die beliebtesten Twitterer weltweit

Justin Bieber, Sänger, ~34.800.000 Follower

Lady Gaga, Sängerin, ~34.400.000 Follower

Katy Perry, Sängerin, ~32.700.000 Follower

Rihanna, Sängerin, ~28.400.000 Follower

Barack Obama, US-Präsident, ~27.500.000 Follower

Wann ein Hit ein Hit ist, bestimmen in den USA zukünftig nicht nur die Radiosender und die Verkaufszahlen der CDs, sondern auch die YouTube-Nutzer. Denn bei der Ermittlung der „Billboard Hot 100“, die viel beachteten Charts des amerikanischen „Billboard“-Magazins, wird seit Donnerstag jetzt auch die Anzahl der YouTube-Klicks berücksichtigt.

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