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17:51 14.10.2021
Kongsberg: Personen stehen vor Blumen und Kerzen, die in Gedenken an die Opfer niedergelegt wurden.
Kongsberg: Personen stehen vor Blumen und Kerzen, die in Gedenken an die Opfer niedergelegt wurden. Quelle: Terje Bendiksby//dpa
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Hannover/Kongsberg

Knapp 35 Kilometer von Nürnberg entfernt und ziemlich weit weg von Norwegen liegt der Ort Altschauerberg. Ein beschauliches Dorf in Mittelfranken, idyllisch gelegen an einem Bach und einem Buchenwald. Nur ein paar dutzend Familien wohnen hier, viel zu sehen gibt es nicht, außer eine alte Burgruine. In den Schlagzeilen ist das Dorf trotzdem andauernd. Denn es ist Heimat des wohl absurdesten Internetphänomens der vergangenen Jahre.

Am Mittwochabend tauchte genau dieses Phänomen wieder einmal auf, nach dem Terrorakt im norwegischen Kongsberg. Hier erschoss ein Bogenschütze am Abend fünf Menschen, zahlreiche weitere wurden verletzt. Und nur kurze Zeit später hatten Medien auf der ganzen Welt bereits den Täter identifiziert – oder glaubten das zumindest. Sie präsentierten einen Mann, der in Wirklichkeit weder Däne noch Attentäter ist, sondern eben in besagtem Altschauerberg wohnt. Die Journalistinnen und Journalisten hatten sich von Internettrollen hinters Licht führen lassen, wie viele andere vor ihnen auch schon.

Wie konnte das passieren? Um das zu verstehen, müssen wir uns mit dem Phänomen „Drachenlord“ auseinandersetzen. Ein Youtuber, der seit inzwischen fast einem Jahrzehnt Internetcommunitys, Polizei, Gerichte und Medien auf Trapp hält. Und dessen Name sich nach Terroranschlägen und Amokläufen, wie dem in Kongsberg, zu einem makabren Running Gag entwickelt hat.

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Aus Spaß wird Mobbing

Die Geschichte des Phänomens „Drachenlord“ beginnt irgendwann Anfang der 2010er-Jahre. Auf Youtube veröffentlicht der Videomacher, der im wahren Leben Rainer Winkler heißt, seine ersten kuriosen Clips. Er headbangt zu Metal-Videos, spielt Computerspiele oder erzählt einfach so aus seinem Alltag.

Die Videos sind zum Teil so abstrus, dass sich über die Jahre hinweg unzählige Clip-Compilations ansammeln und rasant über Youtube verbreiten. „Drachenlord“ ist übergewichtig, sitzt häufig oberkörperfrei vor der Kamera und spricht in breitem Fränkisch. In manchen Videos redet er freizügig über Sexualpraktiken, mal beschimpft er sein Publikum, immer wieder verstrickt er sich dabei in Widersprüche. Die Beiträge werden massenhaft kommentiert und verbreitet.

Was als harmloser Spaß beginnt, spitzt sich jedoch schnell zu. Die „Drachenlord“-Clips werden nicht mehr nur scherzhaft kommentiert, sondern auch parodiert. Nutzerinnen und Nutzer machen sich auf immer boshaftere Art und Weise über den „Drachen“ lustig, er bekommt immer neue Spitznamen, mal „Lustlord“, mal „Lügenlord“, und wegen seines aufbrausenden Temperaments auch „Ragelord“. Gerade letzteres scheint die Community so sehr zu befeuern, dass der Scherz bald in handfestes Mobbing umschlägt.

„Drachenlord“ veröffentlicht seine Adresse

Im Jahr 2015 etwa, als Winkler die Userin Erdbeerchen1510 im Internet kennenlernt. Sie flirtet mit dem „Drachenlord“ und bringt ihn sogar dazu, ihr über das Internet einen Heiratsantrag zu machen. Was der Youtuber nicht weiß: Hinter der Aktion steckt ein perfider Plan. Als Winkler seinen Antrag ausspricht, beginnt die Frau plötzlich, ihn zu beleidigen und wüst zu beschimpfen. Im Hintergrund tauchen zwei Männer auf, die Winkler auslachen, halb Youtube schaut zu.

Im selben Jahr rückt beim „Drachenlord“ die Feuerwehr an. Ein damals 24-Jähriger hatte die Einsatzkräfte gerufen und zum Haus des Youtubers in Altschauerberg geschickt, um diesen zu ärgern. Der Mann wird später dafür und wegen anderer Vergehen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Winklers Reaktionen auf die Mobbingattacken heizen die Situation noch mehr an. In Youtube-Videos wütet er, bedroht seine „Hater“ und lädt zur Schlägerei zu sich nach Hause ein – ehe er in einem Video sogar seine Adresse nennt. Ab diesem Moment findet das Internetphänomen seinen Weg in die Offlinewelt.

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Die Lage eskaliert

Der Ort Altschauerberg kommt seither nicht mehr zur Ruhe. Immer wieder reisen Menschen in das Dorf, um vor dem Haus des „Drachenlords“ Lärm zu machen oder es mit Gegenständen, Stinkbomben oder Lebensmitteln zu bewerfen. Es finden sogar regelrechte Massenaufläufe und Demonstrationen statt. Ordnungsamt und Polizei sind mehrmals wöchentlich im Einsatz – und das restliche Dorf ist von der Situation zunehmend genervt.

Das, was hier passiert, wird in dieser merkwürdigen Internetparallelwelt auch „Drachengame“ genannt. Es ist so etwas wie ein Cybermobbingwettbewerb, der längst auch außerhalb des Internets stattfindet – und völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Es hat vor allem ein Ziel: Den Youtuber mit allen Mitteln zur Weißglut zu bringen, damit er wieder ein lustiges Rage-Video macht – oder gleich direkt vor Ort ausrastet.

Und „Drachenlord“ liefert zuverlässig: 2019 etwa wurde der Youtuber wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt, weil er Pfefferspray gegen eine Gruppe einsetzte, die an seinem Zaun rüttelte. Seither kamen weitere Anzeigen hinzu, Winkler droht inzwischen sogar Gefängnis.

Drachen-Hater tricksen Journalisten aus

Doch was hat diese ganze Geschichte mit den Fakemeldungen rund um das Attentat in Norwegen zu tun?

Nun, es gibt in diesem „Drachengame“ noch eine zweite Ebene. Es geht nicht nur darum, den Youtuber selbst zu veräppeln – sondern auch diejenigen, die das Spiel nicht verstehen. Auch Politiker und Journalisten traf bereits der Hass aus dem Netz, die Community des „Drachengame“ ist hochgradig toxisch und hat eine diebische Freude entwickelt, Medien mit ihren Fakemeldungen an der Nase herumzuführen.

In den vergangenen Jahren war der Name Rainer Winkler oder dessen Foto immer wieder nach Amoktaten und Anschlägen als angeblicher Täter verbreitet und zuverlässig von internationalen Medien aufgegriffen worden. 2019 beispielsweise machte ein türkischer TV-Sender den „Drachenlord“ zum Attentäter von Utrecht, auch nach dem Anschlag in Wien gingen Bilder des Youtubers durchs Netz.

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Aus Rainer Winkler wird „Rainer Winklarson“

Und auch jetzt, nach dem Anschlag von Norwegen. Gegen halb zehn am Mittwochabend twittern erste Accounts aus der „Drachengame“-Szene Bilder und Videos des „Drachenlords“. Der mutmaßliche Täter habe seine Taten vorher angekündigt und auf seinem Youtube-Kanal auch seine Schießkünste unter Beweis gestellt, heißt es in einem ersten Tweet. Ein Foto zeigt Winkler, wie er mit Pfeil und Bogen zielt. Nur ein Trick genügt, um Journalistinnen und Journalisten an der Nase herumzuführen: Aus Rainer Winkler wird in den Tweets eine skandinavische Version des Namens: „Rainer Winklarson“.

Weiterverbreitet wird die Nachricht zunächst vom gewöhnlich gut informierten Twitter-Account „Terror_Alarm“, von dort aus verbreitet sich die Nachricht in die internationalen Medien. Bei Google News sind am Donnerstagvormittag rund 50 Medienberichte aufgeführt, die den Namen Rainer Winklarson übernommen hatten, mit dabei sind zahlreiche englisch-, französisch-, italienisch- und spanischsprachige Medien. Auch eine Nachrichtenseite aus Österreich übernimmt den Namen.

Selbst in die Meldungen von Nachrichtenagenturen schafft es der Name Rainer Winklarson. Die italienische Agentur Ansa meldet, es seien Fotos und Videos des Täters aufgetaucht, die ihn beim Training mit Pfeil und Bogen zeigten. Allerdings sei der Name von der Polizei nicht bestätigt worden.

Spott im Netz

Für die „Drachengame“-Community ist all das ein gefundenes Fressen. Auf Twitter hagelt es Spott und Hohn in gewohnter Manier, aber auch bei anderen Nutzerinnen und Nutzern sorgt der Fall für Kopfschütteln.

„Stell dir vor, du bist Onlinejournalist und berichtest über Rainer Winklarson, weil irgendwelche Nonameaccounts diesen Namen in deine Newshashtags gespült haben“, twittert einer süffisant. „Un-fucking-fassbar! Da schreiben die einen vom anderen ab! Und keinem blüht, dass ‚Rainer Winklarson‘ ein absolut utopischer skandinavischer Name ist, der gar nicht in der Form existieren kann!“, twittert eine andere.

Rainer Winkler selbst hat auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland zum Fall bislang nicht reagiert.

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Vorbild Sam Hyde

Der „Drachenlord“ ist aber längst nicht das einzige Opfer, das immer wieder durchs Netz gejagt wird, wenn es zu Amokläufen oder Anschlägen kommt.

Der amerikanische Comedian Sam Hyde beispielsweise ist seit 2015 regelmäßig Opfer von Falschmeldungen im Internet. Die erste dieser Art betraf den Amoklauf am Umpqua Community College, als die Nachrichtensender CNN und BBC News ein Foto von Sam Hyde als angeblichen Täter publizierten. Seither wurde Hyde mitunter als angeblicher Verantwortlicher der Anschläge in San Bernardino, Paris, München, Michigan und auf den Orlando-Nachtclub genannt. Immer wieder griffen auch Medien den Namen auf.

Viele der betroffenen Medien im Fall „Rainer Winklarson“ haben ihre Fehler inzwischen korrigiert. Bei anderen ist die Falschmeldung auch am Donnerstag noch immer online.

Von Matthias Schwarzer/RND

Der Artikel "Warum Medien einen deutschen Youtuber zum Täter von Kongsberg erklärten " stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.