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Medien Tanzende Playboys mit Zahnspangen: Warum Instagram Reels nervt
Mehr Welt Medien Tanzende Playboys mit Zahnspangen: Warum Instagram Reels nervt
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17:24 12.08.2020
Instagram hat die neue Funktion Reels eingeführt. Quelle: Robert Günther/dpa
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Hannover

Ich weiß nicht genau woran es liegt – aber der Facebook-Konzern mit all seinen Ablegern tut gerade alles dafür, mich als Nutzer zu vergraulen. Nein, stopp – nicht wegklicken: Das hier ist kein weiterer Rant über Mark Zuckerberg, über seinen miserablen Umgang mit Hass und Hetze auf Facebook oder über den Datenschutz. Heute möchte ich mich an einem ganz neuen Thema abarbeiten: Es geht um die neue Reels-Funktion auf Instagram.

Wer nicht genau weiß, was “Reels” ist, dem sei dies kurz erklärt: Reels ist eigentlich genau dasselbe wie Tiktok. Sie wissen schon, diese sehr erfolgreiche App aus China. Damit lassen sich kurze Videos aufnehmen und mit Musik, Schriften und Effekten verzieren. Das bietet sich zum Beispiel an, um Lip-Sync-Videos zu machen.

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Manchmal enstehen dabei ziemlich kreative Dinge, manchmal fördert die Plattform auch neue kreative Talente. In den allermeisten Fällen allerdings entsteht auf Tiktok jedoch unfassbarer Schrott, der uns gesellschaftlich mindestens um Jahrzehnte zurückwirft.

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Grenzenloser Narzissmus

Ich möchte an dieser Stelle nur die Skullbreaker-Challenge erwähnen – ein Tiktok-Hype, bei dem Menschen beim Springen die Beine weggetreten werden. Mehrere Teilnehmer wurden wegen dieser Challenge schwer verletzt und mussten ins Krankenhaus. Oder die Kulikitaka-Challenge, bei der Kühe erschreckt wurden. Wie sich später herausstellte: Ziemlich blöde Idee.

Und jetzt kommt der ganze Quatsch auch auch noch zu Instagram. Der Facebook-Konzern hat die Tiktok-Funktion nämlich 1:1 kopiert, wie auch damals schon die “Storys” von Snapchat. Für Nutzer wie mich bedeutet das vor allem eins: Sie sehen jetzt deutlich mehr tanzende Kinder mit Zahnspangen in ihrer Timeline.

Ich weiß, es ist ziemlich boomermäßig, sich über Dinge lustig zu machen, die vor allem für Leute entwickelt wurden, die 20 Jahre jünger sind als ich. Aber ich verstehe diese Plattform und ihre Inhalte wirklich nicht – auch als Digital Native. Dieses Überdrehte, dieser grenzenlose Narzissmus, diese offensichtlich gefakete Fröhlich- und Natürlichkeit. All das gab es natürlich auch vorher schon bei Instagram – aber Reels und Tiktok ist das Ganze mal 3000.

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Supersüß in die Kamera lächeln

Nur ein kurzer Eindruck von dem, was ich seit der Einführung der Reels auf Instagram erleben muss: Da gibt es diesen einen Influencer mit Zahnspange. Er ist geschätzt etwa 15 Jahre alt – gibt sich aber wie der übelste Playboy, ist meistens halb nackt und beantwortet Fragen seiner Fans zu seinem Liebesleben. Dabei wuschelt er sich durch die Haare und lächelt super süß in die Kamera. Wir alten Leute würden “Cringe” dazu sagen. (Die jungen sagen “E-Boys”).

Dann sind da diese beiden Tänzerinnen, die wahnsinnig uninspiriert zu “Cotton Eye Joe” von Rednex tanzen. Oder Lisa und Lena, zwei Tiktok-Influencerinnen, die immerzu tanzen und immerzu unfassbar gute Laune zu haben scheinen. Mit ihren strahlend weißen geraden Zähnen tanzen sie jedes Problem auf dieser Welt einfach weg. Warum sind sie so unfassbar glücklich?

Dann gibt es diesen einen Trend, bei dem Leute vor der Kamera tanzen und bei jedem Schnitt ihre Klamotten wechseln. Okay hab ich verstanden – aber was ist daran unterhaltsam? Und diese Fitness-Influencer, die immer super sexy in die Kamera lächeln und dann noch mal super süß zur Seite, als würde noch jemand anderes im Raum sein. Sie alle tun das. Warum? Was soll das? Da ist niemand, selbst deine Kamera steht auf einem Stativ und wir alle sehen das!

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Auch die Alten machen mit

Dann ist da dieser blonde Instagram-Philosoph, der zu einem R’n’B-Autotune-Schmachtfetzen “When you told me that you love me” die alles entscheidende Frage an seine Fans richtet: “WARUM haben Mädchen nie Interesse an Jungs, die Interesse zeigen, und laufen stattdessen Jungs hinterher, die sie wie Dreck behandeln?”

Und überhaupt, dieses ganze Lipsynch-Game. Wir hatten früher die Mini-Playback-Show, da hat man sich noch Mühe gegeben (ich sag nur: Zauberkugel!). Jetzt sitzen Jungs und Mädels vor ihrer Acht-Megapixel-Samsung-Kamera und imitieren Drake. Leute, ihr seid nicht Drake, ihr seid nicht mal Kanye West, und in fünf Jahren ist euch das alles superpeinlich.

Ich muss mich wirklich für diesen Boomer-Rant entschuldigen. Denn die Leute, die in den Reels in die Kamera tanzen, schmachten und superhot lächeln sind oftmals auch weit jenseits der 14. Spätestens da wird es dann richtig peinlich: Wenn Youtuber, Sänger oder Moderatoren, die stramm auf die Rente zugehen, vor dem Spiegel zu irgendwelchen Tiktok-Hip-Hop-Beats tanzen, dann möchte ich einfach nur mein Handy aus dem Fenster werfen und weinen.

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Penetrante Werbung

Problematisch ist die Reels-Funktion aber vor allem deshalb, weil Instagram sie mit penetranter Aggressivität bewirbt. Klickt man auf den sogenannten “Discover”-Reiter in seiner App (die Lupe), wird immer ganz oben ein neues Reel angezeigt - obwohl ich gar nicht darum gebeten habe. Der Inhalt unterscheidet sich deutlich von dem, was sonst auf dieser Seite zu finden ist. Jahrelang habe ich den Instagram-Algorithmus trainiert, dass er mir genau an dieser Stelle Dinge zeigt, die mich glücklich machen: schöne Reisefotos, Essen. Instagram war immer ein Rückzugsort, der nicht nervt, der keine schlechte Laune macht. Jetzt ist all das vorbei. Jetzt zeigt mir der Algorithmus vor allem Dinge an, die mich wahnsinnig aggressiv machen.

Laut Medienberichten soll Instagram bekannte Influencer sogar dafür bezahlt haben, dass sie die “Reels”-Funktion künftig nutzen – eindeutig bestätigen wollte das Unternehmen das jedoch nicht. Passen würde es aber: Tiktok macht Instagram enorme Konkurrenz. Die Reels sind der Versuch, die ganz junge Zielgruppe an die Plattform zu binden, damit diese bloß nicht zur Konkurrenz abwandert.

Was dabei völlig vergessen wird, sind jedoch die Stammnutzer der Plattform. Instagram war seit Beginn immer eine Plattform der Ästhetik, nicht eine Plattform des Trashs. Noch heute tummeln sich hier unzählige Kreative, Fotografen und Musiker, die bei ihrem Content Wert auf Qualität legen. Natürlich gab es daneben auch früher schon nervige Influencer, doch die konnte man erfolgreich ausblenden, sich seine eigene Bubble schaffen. Mit der neuen Reels-Funktion ist das nicht möglich. Sie springt einem direkt ins Gesicht, macht den Wohlfühlort des Internets zum Affenhaus.

Bitte Instagram, ich habe nur eine Bitte: Löscht das wieder.

Von Matthias Schwarzer/RND

Der Artikel "Tanzende Playboys mit Zahnspangen: Warum Instagram Reels nervt" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.