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17:09 21.06.2015
Jürgen Dillinger (Robert Schupp) macht sich gerade zum Joggen fertig, als ein Profikiller (Stephane Lalloz) plötzlich seine Pistole zieht und ihn einfach erschießt. Quelle: ARD
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Und gibt damit leider allen recht, die eh schon unter Politikverdrossenheit leiden. Mittendrin in dem Sumpf dieses schwäbischen Intrigenstadls stecken die beiden Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), die auch noch ganz nebenbei einen Mordfall klären müssen. Und damit dann soviel zu tun haben, dass sie kein bisschen Zeit haben, sich mit privaten Dingen herumzuschlagen. So fällt diesmal tatsächlich kein Wort über Bootz’ kaputte Ehe und über Lannerts hübsche Nachbarin.

Dass das Privatleben der „Tatort“-Kommissare in der letzten Zeit kaum noch stattfindet, scheint sowieso ein neuer Trend in dieser Krimireihe zu sein. Was man als Zuschauer ja nicht unbedingt bedauern muss. Und was vor allem auch Sinn hat, wenn die Geschichte so komplex und brisant ist wie in dem aktuellen Fall. Den Hintergrund dieser hoffentlich rein fiktiven Geschichte liefern nämlich Finanzspekulationen um Bauvorhaben rund um das Großprojekt „Stuttgart 21“ und eine damit geflossene Landesbürgschaft in zweistelliger Millionenhöhe. Und auch der geplante neue Bahnhof wird als zweifelhaftes Projekt dargestellt, über den die beiden Kommissare dann allerdings – schön öffentlich-rechtlich ausgewogen – unterschiedlicher Meinung sind.

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Aber natürlich ist der Film in allererster Linie ein Krimi. Und da darf bei all der Politik der obligatorische Mord nicht fehlen: Nach einer aufgeregten Sitzung eines Untersuchungsausschusses des Landtags, der sich mit den schon erwähnten Finanzspekulationen beschäftigt, wird Jürgen Dillinger (Robert Schupp), ein ehemaliger Staatssekretär des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums, beim Joggen im Wald erschossen. Täter ist vermutlich ein Profikiller, der selber dabei angeschossen worden ist. Von einem Personenschützer des ehemaligen Ministerpräsidenten, mit dem Dillinger zum Laufen verabredet gewesen ist. Was die Sache für die Ermittler nicht gerade einfacher macht.

Bei ihrer Arbeit geraten die Kommissare in einen erstaunlich tiefen Sumpf aus politischen Intrigen und wirtschaftlichen Interessen. Sie bekommen es zu tun mit einem abgehalfterten Ministerpräsidenten (Ulrich Gebauer), der als schwäbelnder „Godfather“ immer noch nicht versteht, warum seine undankbaren Landeskinder ihn abgewählt haben. Mit einer grünen Politikerin (Katja Bürkle), die gegen Korruption kämpft, dabei aber auch auf ihre eigene Karriere schielt. Mit einem arg tumb dargestellten „Stuttgart 21“-Gegner. Mit ausgebufften Finanzhaien einer Investmentfirma. Und mit einem ehemaligen Stararchitekten (Thomas Thieme), der zwar wegen Betrügereien inzwischen im Gefängnis sitzt, aber immer noch an seinen Visionen eines neu gestalteten Stuttgarts glaubt und dabei wenig Schmeichelhaftes über diese Landeshauptstadt sagt.

Viel Stoff also für einen Politkrimi, der zwar thematisch sogar das Zeug zum Politthriller hat, dafür aber dann doch ein wenig zu behäbig inszeniert ist – trotz einer bemerkenswert guten Kameraarbeit (Stefan Sommer). Und notgedrungen kann der Film allein schon aus Zeitmangel die zahlreich angesprochenen Themen oft nur anreißen. Dafür aber wurde er vom erfahrenen „Tatort“-Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein hübsch aufgepeppt, indem er die Zeitebenen ständig durcheinanderwirbelt. Was manchen Zuschauer bestimmt verwirrend wird, aber auch für zusätzliche Spannung sorgt. Und er liefert sogar der Twitter-Gemeinde, die jeden „Tatort“ im Netz aufgeregt kommentierend begleitet, genügend Stoff zum Lästern – beispielsweise mit einem erstaunlich belesenen Gerichtsmediziner und vor allem mit einer kurzen finalen Sterbeszene, die höchst dramatisch und leider auch extrem dämlich ist. Dennoch: alles in allem ein sehenswerter „Tatort“.

Ernst Corinth

TV-Tipp

„Der Inder“ | ARD
„Tatort“ mit Richy Müller und Felix Klare
Sonntag, 20.15 Uhr

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