Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien „Super Illu“: Die Stimme des Ostens
Mehr Welt Medien „Super Illu“: Die Stimme des Ostens
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:38 28.09.2010
Von Thorsten Fuchs
Aufbau Ost: Chefredakteur Jochen Wolff wurde in Bayern geboren.
Aufbau Ost: Chefredakteur Jochen Wolff wurde in Bayern geboren. Quelle: dpa (Archivbild)
Anzeige

Manchmal, wenn Jochen Wolff sich aufregt, sagt er ein Wort, das er eigentlich gar nicht benutzen will. Es passiert zum Beispiel, wenn er sich über Menschen in Westdeutschland ärgert, die sich nach seiner Beobachtung nicht übermäßig für das interessieren, was im Osten gut läuft. Wolff versucht sofort, das Wort wieder einzufangen, er korrigiert sich, aber dazu ist es dann schon zu spät. Das Wort, das er gern vermieden hätte, heißt „drüben“.

Jochen Wolff ist Chefredakteur von „Super Illu“, und mit dieser Zeitschrift ist er angetreten, den Begriff „drüben“ aus Sprache und Denken zu verbannen. „Drüben“, das klingt nach altem Denken, nach Konkurrenz und Konfrontation, nach Hier-ist’s-gut-und-dort-ist’s-schlecht. Aber wenn „Super Illu“ einen Auftrag hat, eine Mission oder vielleicht auch nur ein Erfolgsgeheimnis, dann ist es, das ostdeutsche Selbstbewusstsein zu heben. Vom nötigen „gegenseitigen Respekt“ spricht Wolff und davon, dass sie „Psychotherapeuten der Einheit“ seien. An dieser Therapie, muss man schließen, gibt es großen Bedarf.

Im Westen ist „Super Illu“ nahezu unbekannt, in Ostdeutschland aber hat sie mehr Leser als „Spiegel“, „stern“, „Focus“ und „Zeit“ zusammen, rund 3,1 Millionen insgesamt. „Super Illu“ ist in Ostdeutschland eine Institution, und das wissen auch die Politiker. Nicht zufällig gab Bundespräsident Wulff sein erstes Zeitschriften-Interview zur Einheit hier.

Die Geschichte begann im Mai 1990 auf ein paar zusammengerückten Sofas in einem Ostberliner Hotel. Ihre ersten festen Räume fand die Redaktion im Gebäude der DDR-Nachrichtenagentur ADN, ausgerechnet dort, wo sich zuvor die Stasi mit der Überwachung der Journalisten in den tieferen Stockwerken beschäftigt hatten. „Alte Seilschaften in Ostbetrieben – Warum ist unser Chef immer noch der alte?“, „Braunkohlebagger – Lasst unser Dorf weiterleben!“, so lauteten Schlagzeilen in den ersten Ausgaben, ergänzt um reichlich freizügige Bilder. Dass Erotik ins Blatt gehörte, sah Wolff, als er in den Wochen vor der Wiedervereinigung vor dem Beate-Uhse-Shop am Alexanderplatz vorbeifuhr und die 200 Meter langen Schlangen sah. „Es war ein neues Leben“, sagt Wolff, und möglichst viel davon sollte sich in „Super Illu“ spiegeln.

Jochen Wolff erzählt all dies mit noch immer deutlich bayerischem Tonfall. Stellvertretender Chefredakteur von „Quick“, dann zur „Neuen Welt“, Wolff hatte im Westen Karriere gemacht, bevor Hubert Burda ihn zum Aufbau Ost schickte. Dass er aus dem Westen in den Osten kam, sieht er als Vorteil: „Ich hatte keinen Rucksack mit der Last der Vergangenheit zu tragen“, sagt er. Andererseits kannte er eben viele auch nicht, die im Osten große Stars waren, zum Beispiel Helga Hahnemann. Hahnemann, genannt „Henne“, kam Ende 1991 auf den Titel der „Super Illu“, zu einer Zeit, als die Auflage stark gesunken war. Die Menschen waren ernüchtert, und all die Coolness aus dem Westen war auf einmal verdächtig. Mit Helga Hahnemann dagegen stieg die Auflage, die alten Stars versprachen Wärme. So wurde „Super Illu“, was sie heute ist.

Da geht es um die Bilanz von 20 Jahren Einheit („So holt der Osten auf“), Lothar de Maizière schreibt über seine Freundschaft mit Gregor Gysi, und „Super Illu“ beklagt auch, wie ein DDR-Funktionär das Sportdoping in der DDR noch heute banalisiert. Es wird erklärt, wie viel Vermögen Hartz-IV-Empfänger behalten dürfen, und auch das „seltsame Doppelleben von Karsten Speck“ findet detaillierte Erwähnung. Keine Nackten mehr, dafür kritische Blicke auf die DDR-Vergangenheit, etwas Lebenshilfe, Stars von früher und dazu, in ungezählten Varianten, Erfolgsgeschichten aus dem Osten. Das Sonderheft zu 20 Jahren Einheit trägt den Titel „Unsere schöne Heimat“. „Super Illu“ liefert Selbstbestätigung in schwierigen Zeiten – ähnlich wie der MDR mit seinem Fernsehprogramm.

Warum die westdeutschen Medien im Osten keinen Erfolg haben? „Weil die Geschichten klingen wie Korrespondentenberichte aus Afghanistan“, sagt Wolff. Grantelnd sagt er das, weil er sich mit den Ostdeutschen identifiziert, und andererseits muss er froh sein, dass „Spiegel“ und „Bunte“ ihm auf seinem Terrain so wenig Konkurrenz machen. Nur ist der Erfolg von „Super Illu“ eben auch ein Symbol für die nach wie vor bestehenden Differenzen zwischen Ost und West. Vielleicht kann sich Wolff auch deshalb so gut in die Menschen im Osten hineinversetzen, weil „Super Illu“ in gewisser Weise ihr Schicksal teilt: Sie können noch so erfolgreich sein – was sie leisten, wird im Westen im Zweifel eher belächelt.

Zuletzt ist die Auflage auf knapp unter 400.000 Exemplare gesunken. Aber dass „Super Illu“ eines Tages verschwinden wird, glaube er nicht, versichert Wolff. „Es wird immer Themen geben, die die Menschen in der einen Region mehr interessieren als in der anderen.“ Was letztlich bedeutet, dass es immer „Hüben“ gibt, das den Menschen näher ist als das „Drüben“.

Imre Grimm 27.09.2010