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Medien Stephanie zu Guttenberg auf Jagd nach potenziellen Kinderschändern
Mehr Welt Medien Stephanie zu Guttenberg auf Jagd nach potenziellen Kinderschändern
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12:01 08.10.2010
Von Jutta Rinas
Kinderschützerin, auch virtuell: Stephanie zu Guttenberg präsentiert die Sendung  „Tatort Internet“ auf RTL II.
Kinderschützerin, auch virtuell: Stephanie zu Guttenberg präsentiert die Sendung „Tatort Internet“ auf RTL II. Quelle: dpa
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Die Botschaft ist eindeutig: „Hast du schon mal mit Älteren was gehabt? ... richtige Männer und keine Milchbubis! Ich schick dir mal ein Foto von mir – okay“, schreibt ein Mann in einem Chat–room – und unterbreitet seinem virtuellen Gegenüber später noch wesentlich konkretere sexuelle Angebote. Die Adressatin ist eine angeblich erst 13-jährige Schülerin namens Julia, die sich im Chat–room „jappy.de“ eingeloggt hat. Später kommt es zu einer realen Begegnung zwischen der vermeintlich Minderjährigen und dem Mann. Allerdings ist ein Reporterteam vor Ort, das den potenziellen Sextäter vor laufenden Kameras zur Rechenschaft zieht und schließlich als polizeibekannten Triebtäter entlarvt. Das Mädchen, eine 18-jährige Schauspielerin, hat den Mann für eine investigative Fernsehsendung in die Falle gelockt.

Das Ganze war gestern Abend in der neuen Dokumentarserie „Tatort Internet - Schützt endlich unsere Kinder“ – zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr auf RTL II zu sehen. Die Moderatorin auf dem Bildschirm war prominent: Stephanie zu Guttenberg, Frau des Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Zu Guttenberg ist dafür bekannt, dass sie sich für den Schutz von Kindern vor Sexualstraftätern – auch im Internet – einsetzt. Die 33-Jährige ist unter anderem Präsidentin der deutschen Sektion von „Innocence in Danger“ – einem Verein gegen Kindesmissbrauch. Es gehe bei dem Projekt „Tatort Internet“ nicht darum, etwas Reißerisches zu zeigen, sondern um Aufklärung, sagte sie gestern. Dennoch geht zu Guttenberg ein Risiko ein, indem sie sich als prominentes Gesicht für eine Produktion von RTL II zur Verfügung stellt: Der Sender ist bislang nicht gerade für gehaltvolle Fernsehproduktionen bekannt. Dokusoaps wie „Generation ahnungslos“ und „Abenteuer Afrika“ fanden so wenig Anklang, dass Unterhaltungschefin Julia Nicolas gehen musste. Der Sender entschuldigte sich sogar via Pressemitteilung für seine Niveaulosigkeit – und kündigte Sendungen mit höherem qualitativen Anspruch an.

Diesen Anspruch könnte das neue zehnteilige Format jetzt tatsächlich einlösen. Nach Angaben eines Sendersprechers war es bis zuletzt geheim gehalten worden, weil man Klagen der – gepixelt gezeigten – Täter befürchtete. Verantwortlich für die mediale „Jagd auf Kinderschänder“, wie eine Boulevardzeitung vorgestern titelte, zeichnet die in der Branche für ihre seriösen Dokumentarfilme bekannte Produzentin Danuta Harrich-Zandberg der Münchener Produktionsfirma „diwafilm“. Ihr gelang es auch, Stephanie zu Guttenberg sowie den ehemaligen Hamburger Innensenator Udo Nagel für das Projekt zu gewinnen. Zu den interviewten Wissenschaftlern gehört der renommierte Professor für Forensische Psychiatrie Michael Osterheider von der Universität Regensburg, einer der wenigen Experten für das Verhalten von Pädokriminellen im Internet.

Osterheider sagte gestern, er habe erst „vor einer Woche“ erfahren, dass die Serie auf RTL II laufen werde. Das habe ihn zwar „relativ erschreckt“, denn für die Ausstrahlung seien nach seinen Informationen auch andere Sender im Gespräch gewesen. Die Intention der Reihe, eine breite Öffentlichkeit für ein selbst unter Fachleuten oft unterschätztes Thema – den Missbrauch von Kindern im Internet – zu sensibilisieren, halte er aber dessen ungeachtet für sinnvoll.

Osterheider verwies auf eine empirische Studie der Universität Köln von 2005, der zufolge von 1700 durchschnittlich 14 Jahre alten Schülern aus Nordrhein-Westfalen jedes zweite Mädchen und jeder vierte Junge schon einmal ungewollt im Netz mit sexuellen Erlebnissen konfrontiert worden sei. Man müsse zudem davon ausgehen, dass die Dunkelziffer wesentlich höher sei: Gerade Kinder, die etwas erlebt hätten, für das sie sich schämten, würden oft auch auf Nachfrage schweigen. Es sei Eltern, Lehrern, aber auch Politikern oft nicht klar, wie massiv die Gefährdung der Kinder sei. Mehr als acht Prozent der Bilder im Netz zeigten beispielsweise Säuglinge, die Fesselung oder sogar Geschlechtsverkehr ausgesetzt seien.

Man wolle einer breiten Öffentlichkeit klarmachen, wie leicht Kinder in Chat–rooms angesprochen werden könnten und wie oft potenzielle Sextäter dies versuchten, sagte Julia von Weiler, deutsche Geschäftsführerin von „Innocence in Danger“, gestern. So hätten sich nach wenigen Wochen der Recherche im Chat–room insgesamt 137 Männer gemeldet, die ihre vermeintlich 13-jährigen Internetbekanntschaften treffen wollten. Beim Landeskriminalamt Niedersachsen hieß es gestern, das Engagement von Sendungen wie „Tatort Internet“ sei zwar nur ein „punktuelles Stochern in einem großen Tummelfeld“. Dennoch könne eine solche Reihe, vor allem wenn sie viele Zuschauer finde, wichtige Präventionsarbeit leisten.

Selbst Internetforen halfen den Rechercheuren, mögliche Sextäter aufzuspüren. Nach Angaben von „jappy.de“, wo die angeblich 13-jährige Julia auf einen ihrer potenziellen Verführer traf, hatte eine sogenannte Moderatorin die Minderjährige schnell entdeckt und ihren Account im Netz gelöscht. Julia hatte sich als 13-Jährige eingeloggt. Um bei „jappy.de“ zu chatten, muss man 14 Jahre alt sein. Man habe den Account aber noch einmal geöffnet, um weitere Recherchen möglich zu machen, hieß es am Donnerstag.

„Tatort Internet“ erwischte am Donnerstagabend nach dpa-Angaben einen passablen Start. Obwohl das Magazin kurzfristig um 20.15 Uhr ins Programm genommen wurde, schalteten es 1,34 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 4,3 Prozent) ein.