Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Soaps, Casting-Shows und Dokus auch im Kinderfernsehen
Mehr Welt Medien Soaps, Casting-Shows und Dokus auch im Kinderfernsehen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:16 15.05.2011
Von Heike Manssen
Das Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“ heißt im KI.KA „Dein Song“. Quelle: dpa
Anzeige

Abends in Deutschland: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ beginnt. Millionen sitzen vor dem Fernseher. Es ist Soap-Zeit. Dieter Bohlen lästert über seine Kandidaten, Heidi Klum meckert über zu kurze Beine. Millionen sitzen vor dem Fernseher. Es ist Casting-Zeit. Katarina Saalfrank zeigt Eltern Grundlagen der Kindererziehung, Frauen tauschen ihre Familien. Es ist Doku-Soap-Zeit. Bei all diesen mal mehr, mal weniger erfolgreichen Formaten sind die Zuschauer auffällig jung. Schon Kinder ab drei Jahren sitzen dann vor dem Fernseher. Bei Mädchen zwischen zehn und 13 Jahren kommt keine TV-Produktion so gut an wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ), nach der „Lindenstraße“ mit fast 20 Jahren die älteste Daily Soap Deutschlands.

Das Kinderfernsehen hat sich die Entwicklung genau angesehen – und macht es den Großen längst nach. Seit nunmehr 14 Jahren gibt es die Soap „Schloss Einstein“. Wöchentlich erleben Kinder im Internat die erste Liebe, die Scheidung der Eltern oder wilde Abenteuer. Und die sind nicht so harmlos wie damals bei „Hanni und Nanni“. Und auch beim Genre

Anzeige

Casting hält das Kinderfernsehen dagegen. Das Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“ heißt „Dein Song“ (KI.KA) und ist qualitativ so gar nicht vergleichbar mit Bohlen & Co. Hier bekommt jedes musikbegabte Kind einen prominenten Paten zu Seite gestellt, der den von Kinderhand komponierten Song perfektioniert. Niemand wird vorgeführt oder bloßgestellt. Beim aktuellen Finale der mittlerweile dritten Staffel von „Dein Song“ konnte es sich Wolfgang Niedecken nicht verkneifen, kundzutun, dass er Casting-Shows eigentlich hasse, bei dieser jedoch eine Ausnahme mache.

Trotzdem bleibt die Frage, ob solche Kinderformate auch Wegbereiter zum entsprechenden Genre im Erwachsenenfernsehen sind? Gabriele Noll vom Kinderkanal in Erfurt formuliert es so: „Wir greifen die Lust der Kinder an Castingformaten, Soaps, Dokus und Krimis auf und setzen sie in kindgerechter Form um.“ Und das junge Publikum will Soaps und Casting-Shows – schon lange bevor das Kinderfernsehen die Formate überhaupt mit ins Programm aufgenommen hat.

In einer Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) wurde beispielsweise die Bedeutung der deutschen Daily Soaps für Sechs bis 19-Jährige ausgiebig untersucht. „Die Daily Soap ist auf dem Schulhof eines der regelmäßigen Themen“, fasst Maya Götz vom IZI das Ergebnis der Befragungen zusammen. Für einige Kinder seien Soaps deshalb so interessant, weil sie das Gefühl hätten, hier etwas über wichtige Themen zu lernen. „Die Soap ist wie ein Fenster in eine Welt, von der sie annehmen, dass sie potenziell auch ihre Zukunft betreffen könnte“, so Götz. Das bedeute allerdings nicht, dass Kinder zwangsläufig die Serie mit der Realität verwechseln würden. Dass solche Formate an Heranwachsenden aber auch nicht spurlos vorbeigehen, zeigt die Antwort mehrerer jüngere Kinder auf die Frage, was sich im Leben verändert habe, seitdem sie „GZSZ“ sehen: „Ich habe jetzt mehr Albträume“, heißt es dort. Das sollte im Kinderfernsehen nicht passieren. „Wir bieten unseren Zuschauern den Blick in die Welt, die gerade auf sie zukommt“, sagt Gabriele Noll. Da schauen Jugendliche einmal in den Alltag anderer Familien („Meine neue Familie“, MDR), sie erleben erstmals die Berufswelt (Die Hauptstadtpraktikanten“, rbb), sie testen das WG-Leben („Die Jungs-WG“, „Die Mädchen-WG“, ZDF) oder geben Einblicke in ihre besondere Situation („ich! ...bin Gothic“ oder „ich! ...bin schwul“, KI.KA). Die Resonanz auf die Sendungen ist gut, einige von ihnen sind mit Preisen überhäuft worden.

Vielen Kindern und Jugendlichen scheinen die „altersgerechten“ Sendungen dennoch nicht schrill, nicht krawallig genug zu sein. Sie schalten um – zu Bohlen und Klum. In diesem Fall rät die Initiative für bewussten Umgang mit Medien „Schau hin“ den Eltern, insbesondere Casting-Shows zusammen mit den Kindern anzusehen. Allein schon deshalb, um ihnen zu erklären, dass Dieter Bohlen so ganz und gar nicht als Vorbild taugt.