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16:06 19.05.2010
Die deutsche Botschaft an die 120 Millionen europäischen Grand-Prix-Zuschauer könnte einfacher nicht sein: Das hier ist Lena und sonst nichts. Quelle: dpa
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Eine dickliche Diva aus Island, ein zappeliges Jahrmarkts-Girlie aus Holland, ein weinendes Engelchen mit Hundewelpenblick aus Lettland – es gehört schon eine Spur musikalischer Masochismus dazu, sich alle 39 Beiträge für den Eurovision Song Contest 2010 am Stück anzusehen. 39 mal drei Minuten Europop - macht netto knapp zwei Stunden Drama, Party, Tragödien und Blamagen. Mittendrin: Deutschlands Lena. Der ganze Auftritt: schlicht, schwarz, reduziert. In einem züchtigen, grauen Hängerkleidchen wird sie auf die ansonsten leere Bühne treten, nur von vier Backgroundsängern begleitet, ganz ohne Pomp und Gloria, ohne Feuerwerk, Kostümschnickschnack und billigen Sex, ähnlich wie im Musikvideo zu „Satellite“. Und auch ohne die „Heavytones“, Stefan Raabs Hausband.

Die deutsche Botschaft an die 120 Millionen europäischen Grand-Prix-Zuschauer könnte einfacher nicht sein: Das hier ist Lena und sonst nichts. Nehmt sie und liebt sie wie wir.

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Die gute Nachricht: Niemand fischt in diesem Jahr musikalisch in Lenas Gewässern. Kein anderes Land versucht sein Glück ebenfalls mit einer brünetten Fee, einem derart modernen, partytauglichen Lied und einem Schuss britisch-cooler Bühnenanarchie. Die meisten Beiträge 2010 sind sekundengenau durchchoreographierte, altmodische Grand-Prix-Miniopern. Und niemand singt so herrlich kreatives Englisch-Dialektkuddelmuddel wie Lena (sie höre sich an wie „ein schwedischer Sprachtherapeut, der Ali G. imitiert“, schrieb diese Woche der britische Journalist Mark Espiner). Stattdessen klingt manche Nachwuchshoffnung aus Osteuropa wie Anke Engelke als moldavisches Starlet in Hollywood („Ai chähf a driiiehm ...“).

Die schlechte Nachricht: Niemand weiß, ob Europa in diesem Jahr doch eher auf Sirtaki tanzende Berserker aus Griechenland abfährt (Giorgios Alkaios & Friends mischen Alexis Zorbas und Dschinghis Khan zu einem Ethnotrashsong namens „Opa“). Oder auf einen serbischen Milchbubi mit lustigem Balkanrock (Milan Stankoviv, „Ovo Je Balkan“, immerhin komponiert von Goran Bregovic). Oder gar auf neuzeitliche Musikware wie die sehr mutige, experimentelle Popnummer aus Estland (Malcolm Lincoln, „Siren“) oder coolen litauischen Anti-Mainstream-Ska-Funk von fünf schönen Jungs (InCulto, „Eastern European Funk“).

Zu den Favoriten zählt die Grand-Prix-Gemeinde die aserbaidschanische Knödelballade „Drip Drop“ im Sechsachteltakt, deren Sängerin Safura sich mit Jennifer-Rush-Gedächtnisfrisur von etwas mopsig geratenen Männern umtänzeln lässt. Hoch gehandelt wird auch der „Dursti“ aus Belgien: Tom Dice mit Gitarre und dem programmatischen Titel „Me and my guitar“. Auch Irland könnte nach einer langen Durststrecke mal wieder einen Treffer landen – mit der sehr irischen Ballade der nicht minder irischen Irin Niamh Kavanagh („It’s for you“), die den Song Contest 1993 bereits einmal gewonnen hat. Ganz ähnliche Klänge kommen aus dem Gastgeberland Norwegen: Didrik Solli-Tangens Ballade „My heart is yours“ klingt schwer nach einer nebligen Nacht mit viel Whiskey und Guinness in einem Irish Pub an der Westküste. À propos Irland: Im Vorentscheid in Dublin trat der unvermeidliche Ralph Siegel an. Sein Beitrag „Rivers Of Silence“ landete freilich auf dem letzten Platz.

Es ist nicht das Jahr der Clowns, der singenden Gummitruthähne und Omas mit Trommeln, doch noch immer sind genügend Merkwürdigkeiten am Start. Keine Gefahr droht Lena von dem russischen Heuler „Lost and forgotten“ (versprochen!) der Peter Nalitch Band. Auch England, das stolze Mutterland des Pop, blamiert sich einmal mehr, diesmal mit dem Knaben Josh Dubovie, der sein Glück bereits vergeblich bei den TV-Castingshows „The X Factor“ und „Britain’s Got Talent“ versuchte. Und Hollands 18-jährige Vertreterin Sieneke tanzt zum blödsinnigen, von Pierre Kartner alias Vader „Flötenschlumpf“ Abraham persönlich geschriebenen Kinderliedchen „Ik Ben Verliefd (Sha-la-li)“, als wären seit 1958 nicht 52 Jahre vergangen. Sichere Pleiten.

Und Frankreich? Diesmal tritt keine glutäugige Diva in Samtrobe an, die im Anschluss an eine mäßige Performance beleidigt abrauscht, sondern ein Ricky Martin der Vorstadt namens Jessy Matador mit einer schlichten Fußballhymne namens „Allez! Ola! Olé“, die zu Lenas persönlichen Favoriten gehört. Den Tiefpunkt liefern wahlweise Rumänien mit einem siamesischen Klavier aus Plexiglas, an dem sich ein Mann und eine Frau heftig abrackern, oder Slowenien mit einer Hardrock-trifft-Alpengedudel-Zwangsheirat von einem Lied, vorgetragen von einem Rocksänger wie aus einer RTL-Vorabendserie: Bon-Jovi-Frisur plus Hasselhoff-Gesichtsausdruck.

Die deutsche Zuversicht speist sich zunehmend aus der sich auch in Europa ausbreitenden Lena Meyer-Landlust. Aus Frankreich kamen bereits Glückwünsche („Wir sehen uns nächstes Jahr in Berlin“ – warum eigentlich nicht in Hamburg? Oder Hannover?), die Facebook-Gefolgschaft internationalisiert sich immer mehr. Doch inzwischen muss Lena auf ihre Stimme aufpassen. Bei ihrem letzten Auftritt bei „Schlag den Raab“ krächzte sie ziemlich erkältet („Es kratzt und es krunkelt und es schlimmt und es pfffrr...“). Dutzende Interviews, Pressekonferenzen und eine Geburstagsparty am Pfingstsonntag in Oslo dürften ebenfalls ihren Tribut fordern.

Gut für sie: Es ist ein schwacher Grand-Prix-Jahrgang. Viel wird davon abhängen, welche Songs kommende Woche die Halbfinals überstehen und sich dann im Finale zu den fünf gesetzten Ländern Spanien, England, Norwegen, Frankreich und Deutschland gesellen. Drei mittelmäßige Balladen direkt vor Lena würden ihre Chancen erheblich erhöhen.

„Ich habe mir alle Lieder angehört und war sehr enttäuscht“, sagt Alexander Rybak, der Sieger von 2009 („Fairytales“), dem NDR. „Ich dachte, dieses Jahr wird langweilig. Aber dann habe ich dieses bezaubernde Mädchen aus Deutschland gesehen. Ich denke, sie wird gewinnen.“

Imre Grimm