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Medien Sex, Lügen und Ignoranz
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20:30 19.09.2011
Als Sekretärinnen noch Freiwild waren: Die „Mad Men“-Darsteller Aaron Staton, Bryan Batt, Christina Hendricks und Rich Sommer (v.l.). Quelle: FOX
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Natürlich haben die Medienleute beim deutschen Ableger des US-Senders Fox Channel am Montag ordentlich auf die Pauke gehauen. In der Nacht zuvor hatte die TV-Serie „Mad Men“ in Los Angeles erneut einen Emmy für das beste Drama gewonnen. Zum vierten Mal lobte die US-Fernsehindustrie mit einem „Fernseh-Oscar“ die komplex erzählten Geschichten aus einer Werbeagentur im Amerika der 60er-Jahre, einer zynischen Welt voller Sexismus, Intrigen und Alkohol, gefilmt im Design der Zeit. Fox Channel jubelte, man habe „das Potenzial von ,Mad Men‘ als erster deutscher Sender erkannt“. So war es.

Im Oktober strahlt der Pay-TV-Sender – für einen überschaubaren Kreis von Zuschauern – bereits die vierte Staffel von „Mad Men“ aus. Bei ARD und ZDF erkennt man derweil im täglichen Rhythmus immer wieder neu das Potenzial von „Musikantenstadl“ und Koch-TV. Wer erwartet, dass die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender wenigstens gelegentlich Serien auf den Schirm bringen, die in den USA seit mehr als einem Jahrzehnt als herausragend gelten, sieht sich getäuscht. „Mad Men“ versendet sich im Spartenkanal ZDFneo. Der Digitalsender sendet derzeit die zweite Staffel. Die dritte soll folgen, der Sender will schneller sein als eine mögliche DVD-Veröffentlichung.

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Die Geschichten aus der Werbeagentur sind nur ein Beleg dafür, wie wenig sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen für Zuschauer abseits des Mainstreams interessiert. Die Programmdirektoren nehmen einem Millionenpublikum die Chance, von Serien zu erfahren, deren durchgängige Qualität darin besteht, vom wirklichen Leben zu erzählen. Bei ZDFneo hält man etwa „Mad Men“ für ein „Nischenprogramm“.

Wer auf ARD und ZDF nicht mehr warten mag, wendet sich direkt den Unterhaltungskonzernen zu. In deren Katalogen findet sich auf DVD gepresst, was Sender ihrem Publikum nicht zutrauen. Medienriesen aber sind unberechenbare Größen, die das gewünschte Material in nicht absehbaren Dosen liefern – und manchmal mitten in einer Serie aussteigen. Universal Pictures etwa veröffentlichte im vergangenen Jahr innerhalb von zehn Monaten die ersten beiden Staffeln von „Mad Men“. Auf die dritte Staffel, die längst bei Fox Channel in synchronisierter Fassung lief, warten Fans der Serie bis heute. Am Montag sagte eine Sprecherin, diese dritte Staffel sei in Vorbereitung. Einen Veröffentlichungstermin nannte sie nicht. Wer einen MP4-tauglichen DVD-Player hat, dürfte sich die Folgen bis dahin bei Apple im iTunes-Store gekauft haben.

Mitunter scheinen die Marketingstrategien der Konzerne allerdings logisch. Was sich nicht ordentlich verkauft, wird eben gekippt. Der vielfach ausgezeichneten US-Polit-Serie „West Wing“ erging es so. Die Serie erzählt, was hinter den Kulissen des Weißen Hauses passiert, wenn die Pressekonferenzen zu Ende sind und die Kameras ausgeschaltet sind. Warner brachte die erste Staffel heraus – und danach nichts mehr. Dabei sind die übrigen sechs Staffeln längst von deutschen Synchronsprechern betextet und bei Fox schon gesendet worden. Dennoch sind weitere DVDs nicht geplant. Die Serie, hieß es, soll kein großer geschäftlicher Erfolg gewesen sein.

Neben dem jungen Klassiker „Mad Men“ gehörte bei den 63. Emmys die Komödie „Modern Family“ zu den großen Abräumern. Die satirische „Daily Show with Jon Stewart“ stach zum neunten Mal die Comedy-Konkurrenz aus, darunter auch „Saturday Night Life“ mit Tina Fey. Überstrahlt wurde die spritzige Show aber von US-Schauspieler Charlie Sheen. Er nutze die Gala sechs Monate nach seinem Rauswurf bei der Erfolgsserie „Two and a Half Men“ dazu, Frieden mit seinen Ex-Kollegen zu schließen. Er wünsche Nachfolger Ashton Kutcher und der Crew „aus der Tiefe meines Herzens“ das Beste für die nächste Staffel, sagte Sheen.

Gunnar Menkens