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Medien Schufa will sich bei Facebook umschauen
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23:01 07.06.2012
Die Schufa will zur Feststellung der Kreditwürdigkeit auch Facebook-Profile unter die Lupe nehmen. Quelle: dpa
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Berlin/Potsdam

ekommen Kunden bald nur noch einen Handyvertrag, wenn sie die richtigen Freunde auf Facebook haben? Oder einen Kredit, wenn sich in ihrem virtuellen Umfeld gut betuchte Menschen tummeln? Datenschützer befürchten genau dies, sollte die Schufa tatsächlich künftig auf Daten aus sozialen Netzwerken zugreifen: Deutschlands größte Auskunftsdatei hat gerade zusammen mit dem Hasso-Plattner-Institut an der Universität Potsdam (HPI) ein Forschungsprojekt zur möglichen Nutzung öffentlicher Daten aus dem Internet angeschoben. Zum Entsetzen vieler Kritiker.

„Das läuft auf ein soziales Kastensystem hinaus“, sagt Medienexperte Konstantin von Notz (Grüne). „Da wird ein hochsensibler Bereich berührt, die Privatsphäre von Menschen.“ Der Grüne fordert die Regierung deshalb auf, einen gesetzlichen Rahmen für den Schutz der Bürgerrechte im Netz zu schaffen. Die Linke argumentiert ähnlich: Die Bundesregierung habe es bislang bei Appellen belassen, sagt Jan Korte, Mitglied im Vorstand der Bundestagsfraktion.

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Die Forscher in Potsdam und ihr Auftraggeber verwahren sich gegen Kritik. Es sei weder geplant noch vertraglich vereinbart, personenbezogene Daten, die im Rahmen der Forschungstätigkeit des HPI entstehen, der Schufa zur Verfügung zu stellen, betont Institutssprecher Hans-Joachim Allgaier gegenüber dieser Zeitung. „Es geht nicht etwa um das Ausspionieren von Geheimdaten, sondern um das Auffinden öffentlicher Informationen, die im Netz stehen, weil sie jemand dort bewusst hinein und damit zur Verfügung gestellt hat.“

Die Schufa argumentiert ähnlich. Zugleich betont das Unternehmen aber den wirtschaftlichen Aspekt: Um Marktführer bei den Auskunfteien zu bleiben, „müssen und wollen wir uns den technologischen Entwicklungen stellen“, sagt ein Sprecher. Die Schufa will ihre Datensätze weiter anreichern. Bisher speichert sie Informationen von 66 Millionen Deutschen.

Nur eine Idee?

Der Forschungsauftrag ist klar. Es geht um eine fundierte Expertise zu den Themen: Welche Web-Daten sind wie verwertbar, welche Informationen sind im Netz erhältlich und wie kommt man am besten an sie heran? Im Plattner-Institut spricht man hingegen von einer „Ideenliste für Forschungsansätze“. Einen Projektplan gebe es nicht, so Allgaier. „Das HPI untersucht lediglich die automatisierte Suche – sowohl an der Oberfläche als auch in der Tiefe des Web.“

Facebook, ein Konzern mit allein 20 Millionen Nutzern in Deutschland, hat von den Plänen der Schufa nach eigenen Angaben übrigens erst aus der Presse erfahren. Kommentieren möchte man das Forschungsprojekt noch nicht.

So groß die Aufregung nun ist, das Geschäft mit personenbezogenen Daten ist nicht neu. Erst dadurch lässt sich das virtuelle Treiben in realen Gewinn verwandeln. Die sozialen Netzwerke sind Paradebeispiele dafür. Facebook analysiert, welche Interessen jedes Mitglieder hat, um sie für Werbezwecke nutzen zu können. Mit Erfolg: 88 Prozent des 3,7 Milliarden Dollar großen Umsatzes stammen laut Geschäftsbericht aus diesem Bereich.

Der andere Internetriese steht dem in nichts nach: Google untersucht sämtliche E-Mails, die über seine Dienste verschickt werden. Selbstverständlich werden zudem Suchanfragen mit dem jeweiligen persönlichen Internetzugang abgeglichen. So kann Google kommerzielle Anzeigen besser auf den einzelnen Nutzer abstimmen.

Doch nicht nur individualisierte Werbung ist für Unternehmen interessant. Selbst die bloßen Datensätze können aussagekräftig sein. Viele Urlaubsfotos auf einem Profil bei Facebook zeugen von Reiselust des Nutzers. Zusammen mit anderen Informationen – unter anderem seinem Wohnsitz und Alter – lässt er sich einer bestimmten Kohorte zuordnen. Beispielsweise: weiß, männlich, 30 bis 40 Jahre alt, Jahresdurchschnittseinkommen 60.000 bis 70.000 Euro. Da vielleicht ein Großteil dieser Gruppe sich in den nächsten zwei Jahren ein neues Auto kauft, könnte es interessant sein, dem Reisefreund Autos zu offerieren. Besser kann Werbung nicht zugeschnitten sein.

Experten glauben, dass der Markt für die Auswertung persönlicher Daten im Internet weiter wachsen wird. Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg wirbt etwa so um neue Firmenkunden: „Die Menschen bei Facebook sind ganz sie selbst. Das gibt uns die Möglichkeit, Unternehmen mit den Personen zusammenzubringen, die ihre Produkte mögen.“ Klingt beinahe wie eine Drohung.

Von Maja Heinrich und Kai Kollenberg

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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