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Medien Schüler probieren eine Woche „Handyfasten“
Mehr Welt Medien Schüler probieren eine Woche „Handyfasten“
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09:49 22.05.2011
350 Gymnasiasten wollen sieben Tage ohne Handy auskommen. Quelle: dpa
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Sieben Tage ohne Handy - 350 Gymnasiasten aus Hersbruck in Mittelfranken haben sich dafür entschieden, eine Woche ohne ständiges Telefonieren und SMS-Schreiben auszuhalten. Das sogenannte Handyfasten soll zu einem bewussteren Umgang mit den allgegenwärtigen Mobiltelefonen führen, erklärt Initiator Jürgen Putzer vom Elternbeirat des Paul-Pfinzing-Gymnasiums. Um auch wirklich sicherzustellen, dass nicht doch einer der Teilnehmer heimlich seinen Kumpel anruft oder der Angebeteten eine SMS-Kurzmitteilung schickt, werden die Geräte versiegelt und unerreichbar verwahrt - im Tresor der örtlichen Bank.

„Es geht darum, das Handy nicht einfach nur nebenbei zu nutzen, sondern auch mal darüber nachzudenken“, erläutert Putzer. Denn die mobilen Geräte erschließen nicht nur neue Wege der Kommunikation, sondern verändern auch Verhaltensweisen. So halten viele Jugendliche inzwischen Verspätungen für normal und entschuldigen sich dafür nur mit einem kurzen Anruf. „Wenn ich nicht anrufen kann, muss ich von vorneherein pünktlich sein“, schildert Putzer die Konsequenzen des einwöchigen Verzichts.

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Auch in den Familien könnte das Handyfasten einiges verändern, schätzt Schulleiter Georg Fleischer. Wer beim gemeinsamen Abendessen nicht mehr nebenbei simsen könne, unterhalte sich mehr. Im Pfinzing-Gymnasium hat das Thema schon viele Diskussionen angestoßen, ganze Unterrichtsstunden wurden damit gefüllt. Denn die 17 Klassen der Jahrgangsstufen sieben bis neun konnten selbst entscheiden, ob sie an der Aktion teilnehmen. Ergebnis: 13 Klassen wagen das Experiment.

„Die meisten finden das ganz okay, weil sie das mal probieren wollen“, berichtet die 13-jährige Helen Putzer. „Andere sagen, sie sind so abhängig von ihrem Handy, dass sie es nicht abgeben wollen.“ Nur zwei Mitschüler der Siebtklässlerin haben noch kein Mobiltelefon, andere tragen sogar stolz internetfähige Geräte mit sich herum.

Nach harten Debatten hat sich Helens Klasse aber doch entschieden mitzumachen. Wenn alle - auch am Wochenende - durchhalten, lockt als Belohnung ein Wandertag mit viel Gaudi in einem Klettergarten.

Direktor Fleischer hofft: „Vielleicht kommen die Schüler ja wieder dazu, sich direkt und nicht nur virtuell zu treffen.“ Gespräche von Angesicht zu Angesicht statt Kurznachrichten mit 160 Zeichen - für viele junge Menschen ist das nicht mehr der Standard.

Während des Unterrichts sind die allgegenwärtigen Handys am Pfinzing-Gymnasium aber kein großes Problem: Wie an allen bayerischen Schulen sind Mobiltelefone verpönt, sie dürfen lediglich ausgeschaltet im Ranzen oder der Tasche sein.

In einer Vorzeigeschule im kanadischen Toronto hat Fleischer erlebt, wie wertvoll diese Ruhe ist: Dort klingelte und bimmelte es im Unterricht ständig. Viele Lehrer reagierten nicht einmal mehr darauf, berichtet Fleischer: „Die haben resigniert.“

Wichtig ist Schule wie Elternbeirat aber, moderne Medien nicht zu verdammen - schließlich werden die Jugendlichen diese Kompetenzen ihr Leben lang brauchen. Deshalb gibt es auch ein ungewöhnliches Angebot: In Internet-Netzwerken können die Schüler sich über ihr Leben ohne Handy austauschen. Die Seiten wurden schon vor dem offiziellen Start des Handyfastens an diesem Montag rege genutzt.

dpa