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Medien Sarah Kuttner: „Man muss nur «ficken» sagen und alle gucken zu“
Mehr Welt Medien Sarah Kuttner: „Man muss nur «ficken» sagen und alle gucken zu“
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13:02 11.04.2013
„Fernsehen ist zu einfach geworden“: Sarah Kuttner. Quelle: ZDF
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Berlin

Sarah Kuttner (34) startet ihre Karriere 2001 beim Musikfernsehen. 2004 bekam die Tochter von Radiomoderator und Regisseur Jürgen Kuttner eine eigene Show, die erst auf Viva und dann bei MTV lief. Die Autorin („Mängelexemplar“, „Wachstumsschmerz“) war auf EinsPlus zuletzt in der Porträtreihe „Ausflug mit Kuttner“ zu sehen. Am Donnerstag um 23 Uhr startet auf ZDFneo die vierte Staffel von „Bambule“, Kuttners Magazin über „das Lebensgefühl der 20- bis 40-jährigen Großstadtbewohner“.

Frau Kuttner, zum Auftakt der neuen „Bambule“-Staffel beschäftigen Sie sich am Donnerstag ausführlich mit Sex. Dem Thema  haben Sie aber doch erst kürzlich eine ganze Sendung gewidmet. Wie konnte das passieren?
„Sex zieht immer – nur warum?“ baut auf der ersten Sendung auf. Darin hatten wir uns mit unserem Sexualverhalten beschäftigt und der Frage, warum wir viel verklemmter sind, als wir glauben. Diese Sendung hatte absurderweise unverhältnismäßig hohe Quoten.

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Sie klingen fassungslos. 
Überrascht war ich schon. Wir geben uns große Mühe mit unserer Themenauswahl, und dann muss man nur einmal „ficken“ sagen, und zack, gucken alle Leute zu.

RTL hat Paaren gerade „7 Tage Sex“ verordnet, um das Thema wieder zum Thema zu machen. Können Sie das toppen?
Quotentechnisch? Vermutlich nicht. Aber wir reden ja hier auch von zwei vollkommen verschiedenen Sendungen mit komplett unterschiedlichen Intentionen.

Muss Sie die Quote überhaupt interessieren?
Ich glaube, dass jeder Sender, die öffentlich-rechtlichen inklusive, daran interessiert ist, Sendungen zu machen, die die Leute auch gucken. Wir haben keinen Druck, das liegt aber wohl auch an unseren gleichbleibend okayen Quoten. Würden die absacken, würde man sich im Sender sicher auch Sorgen machen.

„Bambule“ bedeutet Krawall machen. Wofür trommelt denn ZDFneo mit Ihrem gleichnamigen Magazin?
Wir nehmen uns einfach Themen und vor allem Ansätze vor, die wir für relevant und interessant halten, die uns bewegen. Wir sind kritisch mit uns selbst und haben eine recht subjektive Herangehensweise. Dazu passt die manchmal krawallige Bildsprache.

Die strengt ein bisschen an.
Das ist auch gut so! Man kann die Sendung nicht so nebenbei beim Bügeln gucken. Fernsehen ist ja generell zu einfach geworden. Es ist gut, wenn man zur Abwechslung aufpassen muss.

Ist es nicht ein bisschen frustrierend, ein Magazin zu produzieren, das, gemessen an den Quoten im Hauptprogramm, kaum jemand sieht?
Nein. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Sendungen gemacht, die um 20.15 Uhr bei RTL laufen und einen zweistelligen Marktanteil erreichen. Das ist auch gar nicht mein Anspruch. Ich habe Spaß an der Arbeit. Ich krieg mein Geld. Und das wird gesendet von jemandem, dem das gefällt. Damit bin ich total zufrieden.

Gibt es Pläne, die Sendung ins Hauptprogramm zu hieven?
Das weiß ich nicht, und ich denke auch nicht permanent darüber nach. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Job und meinem Sender. Der Rest ist Senderpolitik. Darüber nachzudenken, warum was im Fernsehen läuft, ist eine Frage, der ich mich in den vergangenen Jahren verweigert habe. Je mehr ich versuchen würde, in die Senderpolitik einzusteigen, desto mehr würde mich das frustrieren.

Ihre Ex-ZDFneo-Kollegen Joko und Klaas sind gerade zu PRO7 gewechselt, weil sie keine Lust hatten, bis zur Rente in der Nische zu versauern. Wo sehen Sie sich mit 65?
Wo ich mich mit 65 sehe, kann ich Ihnen nicht beantworten, ich weiß ja noch nicht mal, was ich heute zu Abend esse.

Beim ZDF wird zum Jahreswechsel die Planstelle von Jörg Pilawa frei. Wäre das eine Alternative?
Wie gesagt: Ich bin sehr zufrieden da, wo ich bin. Alles andere wäre Was-wäre-wenn-Spinnerei. Ich habe diese Art von Entscheidungen nicht in der Hand. Ich weiß auch nicht, ob ein größeres Publikum immer automatisch die beste Wahl für ein Nischenprogramm ist. Vielleicht gingen mit einem Wechsel ins Hauptprogramm auch inhaltliche Veränderungen einher, die ich gar nicht bereit bin mitzumachen.

Täuscht der Eindruck, oder tut sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen jenseits von Satiremagazinen schwer mit Leuten, die nicht so stromlinienförmig sind?
Fernsehen ist doch in erster Linie auch Wirtschaft. Das darf man nicht vergessen. Es geht nicht ausschließlich darum, die Menschen glücklich zu machen, sondern so viele wie möglich von ihnen zu erreichen. Das ist natürlich bedeutend einfacher, wenn man eine möglichst große Schnittmenge hat.

Interview: Antje Hildebrandt