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Medien Sachsens Schwurbler in der „New York Times“: Glühwein und Corona
Mehr Welt Medien Sachsens Schwurbler in der „New York Times“: Glühwein und Corona
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07:06 19.11.2021
Das Stadtzentrum von Annaberg-Buchholz mit dem Rathaus am Marktplatz und der St. Annenkirche (Luftaufnahme mit Drohne).
Das Stadtzentrum von Annaberg-Buchholz mit dem Rathaus am Marktplatz und der St. Annenkirche (Luftaufnahme mit Drohne). Quelle: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
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Washington

Wenn die Leser der „New York Times“ den umfangreichen außenpolitischen Teil ihrer Zeitung aufschlagen, erfahren sie Exklusives über die Abholzung des Amazonas-Urwalds, Befremdliches über den Korruptionsskandal der britischen Konservativen und Beunruhigendes aus Belarus. Doch die Geschichte auf der internationalen Aufschlagseite vom Donnerstag spielt in einem 20.000-Seelen-Ort namens Annaberg-Buchholz, und bei ihrer Lektüre dürften sich viele Amerikaner fühlen, als schauten sie in einen ebenso fernen wie düsteren Spiegel.

Es kommt nicht oft vor, dass es Themen aus Deutschland auf einen derart prominenten Platz in dem renommierten Weltblatt schaffen – schon gar nicht, wenn sie in einer Kleinstadt im tiefen Osten spielen. Doch die Geschichte, die Deutschland-Korrespondentin Katrin Bennhold erzählt, weist weit über das Lokale hinaus. Sie handelt von Impfverweigerern in Europa, und da hat Annaberg-Buchholz als Hort des hartnäckigsten Widerstands im Bundesland Sachsen inzwischen weltweit eine traurige Berühmtheit erlangt.

Einige der Figuren, die in der „New York Times“ aufmarschieren, mögen manchem Leser in Deutschland schon bekannt vorkommen: Da ist Sven Müller, der Wirt, der sich zum Widerstandskämpfer stilisiert. Da ist Rolf Schmidt, der Bürgermeister, der die Polarisierung beklagt, und da sind zwei Passanten, die beklagen, dass man mit den Impfgegner und Schwurblern nicht reden kann.

Auch in konservativen US-Bundesstaaten ist die Impfquote niedrig

„Anti-vaxxers“ werden Leute wie Müller in den USA genannt. Das Phänomen ist nämlich im tief gespaltenen Amerika mindestens so verbreitet wie in Deutschland. 59 Prozent der Menschen in den USA sind inzwischen voll geimpft, aber es gibt regional gewaltige Unterschiede: Während die Quote im linksliberalen Neuenglandstaat Vermont inzwischen 72 Prozent erreicht hat, dümpelt sie im konservativen Kohlestaat West Virginia bei 41 Prozent – ein paar Punkte tiefer als in Sachsen. „Wenn Deutschland rote (republikanische, d. Red.) und blaue (demokratische, d. Red.) Staaten hätte, wäre Sachsen karminrot“, erklärt Bennhold ihren Lesern die politischen Parallelen.

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Das besondere Interesse an der Corona-Entwicklung in Deutschland dürfte aber noch eine andere Ursache haben: Monatelang galt Deutschland 2020 in den USA als ein Vorbild bei der Bekämpfung der Pandemie. Während der damalige Präsident Donald Trump über die Einnahme von Desinfektionsmitteln delirierte, schien die Merkel-Regierung die Seuche mit teutonischer Disziplin und Perfektion zu bekämpfen. Auch mancher deutsche Korrespondent hätte sich damals in der Heimat sicherer aufgehoben gefühlt.

Das änderte sich jedoch spätestens mit der Ankunft der Impfung um die Jahreswende. Während in den USA von Anfang an unkonventionell in Supermärkten, Gemeindezentren und Apotheken möglichst viele Spritzen in die Arme gejagt wurden, plante Deutschland wochenlang mit absurder Präzision die Ausstattung von Impfzentren und erließ immer neue Verordnungen, kam aber mit der Immunisierung einfach nicht voran. Die Amerikaner nahmen es mit Befremden und Enttäuschung zur Kenntnis.

Frankreich und Italien als Europas neue Musterknaben

Nun hat die Desillusionierung über das einstmals bewunderte Vorbild einen neuen Tiefpunkt erreicht: Die „New York Times“ beschreibt, wie in vielen europäischen Ländern mit einer Mischung aus Impfpflichten, Anreizen und Strafen die Immunisierung der Bevölkerung vorankommt. Als positive Beispiele werden ausdrücklich Frankreich und Italien genannt. Nur in Deutschland oder genauer gesagt: den deutschsprachigen Regionen in der Mitte Europas bekomme man das Problem nicht in den Griff, urteilt das Blatt. Die Gründe dafür seien vielschichtig: So gebe es in Teilen der Bevölkerung eine grundsätzliche Skepsis gegen die traditionelle Medizin. Dezentrale Strukturen machten ein einheitliches politisches Handeln schwierig. Und rechte Parteien wie die AfD nutzten das Thema für Verschwörungskampagnen.

So entstehen dann Widerstandsnester wie in Sachsen, wo die Ungeimpften „die jüngste Runde der Ansteckung befeuern, die stark beanspruchten Krankenhausstationen füllen, die wirtschaftliche Erholung gefährden und die Regierungen in Verdrückung bringen, eine vierte Welle der Pandemie abzuwehren“. Die Skeptiker und Schwurbler zu überzeugen, urteilt die „Times“ nüchtern, sei „so gut wie unmöglich“.

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Am Ende des Artikels kommt schließlich noch einmal Bürgermeister Rolf Schmidt zu Wort, der für den Weihnachtsmarkt in seinem Ort wirbt. Am 26. November soll das Ereignis starten, möglichst ohne Impfvorschriften. Für die Region, so der Politiker, gehe es um ein wichtiges Zeichen der eigenen Identität.

Viele amerikanische Besucher werden sich aber wohl kaum in Annaberg-Buchholz zwischen Glühweinständen und Räuchermännchen drängen. Der Inzidenzwert im Erzgebirgskreis kletterte am Donnerstag auf 791. Angesichts solcher Zustände dürfte zumindest den Lesern der „New York Times“ die Sehnsucht nach dem urdeutschen Idyll vergangen sein.

Von Karl Doemens/RND

Der Artikel "Sachsens Schwurbler in der „New York Times“: Glühwein und Corona" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.