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19:22 27.03.2012
Von Imre Grimm
Der Schauspieler Max von Thun (l-r) als Tom, das Schauspielkind Anna Lange als Fredi und Schauspielerin Katharina Wackernagel am Rande von Dreharbeiten für den Sat.1-Film "The Mongolettes".
Der Schauspieler Max von Thun (l-r) als Tom, das Schauspielkind Anna Lange als Fredi und Schauspielerin Katharina Wackernagel am Rande von Dreharbeiten für den Sat.1-Film "The Mongolettes". Quelle: dpa
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Hannover

Wer macht eigentlich bei SAT.1 die Filmtitel? Ein Elfjähriger? Da hat der Sender also einen Film gedreht. Es geht um eine Band aus behinderten und nichtbehinderten Musikern, denen der erfolglose Gitarrist Tom Berger (Max von Thun) die Freude am Rock ’n’ Roll vermittelt. So weit, so nett. Einige der Musiker haben Trisomie 21. Normale Menschen sprechen auch vom Down-Syndrom. Und wie nennt SAT.1 seine „Familienkomödie“? „Die Mongolettes – Wir wollen rocken!“.Mongolettes. Mongos. Geht’s noch? Deutschland diskutiert über Inklusion, die „Sonderschule“ heißt jetzt „Förderschule“, die Gesellschaft wagt kleine Schritte auf dem Weg zur Normalität – und SAT.1 haut einen Titel raus, der wohl ironisch nach Schulhofschnack klingen soll („Ey, du Mongo!“) und doch aus den düstersten Niederungen der Intoleranz kommt.

Die Bezeichnung „mongoloid“ stammt von 1866 – einer Zeit also, als Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen „Idiot“ genannt und an Metallbetten geschnallt wurden. Die Mongolei bat die WHO dann 1965, den Begriff nicht mehr zu verwenden. „Der Ursprung des Wortes ist rassistisch“, sagt Peer Brocke, Sprecher der Bundesvereinigung Lebenshilfe. Der Filmtitel sei mindestens „unglücklich“.Doch bei SAT.1 ist man sich keiner Taktlosigkeit bewusst. „Wir hatten da keine Bedenken“, sagt eine Sprecherin. Man habe den Titel „bewusst gewählt“, damit der Film Aufmerksamkeit errege. Im Übrigen sei der Begriff „Trisomie 21“ für einen Filmtitel halt ungeeignet.

„Wir wissen auch, dass das politisch unkorrekt ist, aber das Wort ,mongoloid‘ ist im Sprachgebrauch verankert.“ Provokation! Hui! Nichts gegen politische Unkorrektheit. Nichts ist schlimmer als verkrampfte Kunstwörter wie „andersbegabt“ oder „seelenpflegebedürftig“. „Mongo“ aber ist nicht politisch unkorrekt, sondern einfach dämlich. Wer das Wort im Jahr 2012 verwendet, um Menschen mit einem dreifachen 21. Chromosom zu bezeichnen, gehört lebenslang vor einen Fernseher geschnallt, auf dem nichts als SAT.1 läuft.

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