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Medien Roman Lob - Ein junger Milder für Baku
Mehr Welt Medien Roman Lob - Ein junger Milder für Baku
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18:26 20.02.2012
Von Imre Grimm
Ein weiter Weg bis nach Aserbaidschan – und in die Herzen der Menschen: Roman Lob singt beim ESC für Deutschland. Quelle: dpa
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Baku

Sie haben gerade Konjunktur im Pop, die jungen Weltschmerzler mit Mütze, Dreitagebart und Welpenblick. Die trotz verwegener Tattoos und allerhand Ohrstechereien immer ein bisschen wirken wie ein Pandabär mit Bauchweh, der auf den Arm will. Der männliche Popnachwuchs will niemandem etwas antun, der will den Soundtrack zum Liebeskummer liefern und „zum Nachdenken anregen“. Philipp Poisel („Eiserner Steg“), Clueso („Cello“ mit Udo Lindenberg), Max Prosa („Mein Kind“), Andreas Bourani („Nur in meinem Kopf“) und Tim Bendzko („Nur noch kurz die Welt retten“) heißen die jungen Milden, allesamt Helden der deutschen Neoromantik.

„Romantik!“ ruft Element-of-Crime-Sänger Sven Regener gern ironisch und reckt dabei die Faust gen Himmel, bevor er in seine Trompete bläst. Ein Romantiker also wird Deutschland am 26. Mai beim Eurovision Song Contest (ESC) in Aserbaidschan vertreten: Roman Lob, 21 Jahre alt, aus Neustadt an der Wied in Rheinland-Pfalz. Mit einem massentauglichen Ohrwurm, der in Teilen aus der Feder von Jamie Cullum stammt und von Milow oder Coldplay-Frontmann Chris Martin kaum barmherziger gesungen werden könnte: „Standing Still“, eine glatte Mainstream-Hymne über das Ende einer Liebe, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Countryballade von Jewel. Die Single ist von Dienstag an in Handel.

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Roman ist Industriemechaniker. Aber er sieht nicht aus wie einer, der schwere Eisenträger wuchtet oder mit grobem Hammer Stahl bändigt. Der Roman sieht eher nach feiner Feile aus. Ganz frisch im Geschäft ist er nicht: 2007 war er, als 16-jähriger mit Baseball-Käppi, bei Bohlens „DSDS“ im Rennen. Erst eine Kehlkopfentzündung konnte ihn damals stoppen. Ohne Zweifel ist der Realschüler ein freundlicher Mensch, der bei jungen Mädchen den Knuddelnwolleneffekt auslöst. Von der elektrisierenden Verpeiltheit der 18-jährigen Lena aber hat er nichts.

Nein, die Lenamania hat sich als unwiederholbar erwiesen beim PRO7/ARD-Casting-Joint-Venture „Unser Star für Baku“ (USFB). Nein, diesmal hat sich das Land nicht innerhalb weniger Sekunden in einen aus dem Nichts kommenden Newcomer verknallt, der dann mit massivem Rückenwind aus der Heimat zu den Olympischen Spielen der Popmusik fährt. Eingekeilt zwischen der hausgemachten Castingkonkurrenz „The Voice Of Germany“ und Dieter Bohlens Kinderbeschimpfung „DSDS“ bei RTL kämpften Roman & Co. auf PRO7 um die Restaufmerksamkeit des castingsatten Publikums. Doch das verweigerte die Ekstase. Der Dauer-Enthusiasmus von Jurypräsident Thomas D wirkte unglaubwürdig, acht Shows waren drei zu viel. Und dass ESC-Mastermind Stefan Raab, der sich selbst zum einfachen Jurysoldaten degradiert hatte, mit der Songauswahl von Thomas D nicht hundertprozentig konform ging, war kaum zu übersehen.

Die Folge der dramaturgischen Unwuchten: Das erschlaffte TV-Volk nickte müde und nahm teilnahmslos zur Kenntnis, dass man den deutschen Grand-Prix-Vorentscheid mit einer nervtötenden Blitztabelle zu einem biathlonähnlichen Sportevent umfunktioniert hatte. Das erhöhte phasenweise zwar die Spannung, tötete aber den Charme. Die „nette Castingshow“, das faire Gegenmodell zu „DSDS“ – das war diesmal „The Voice“. Nur 2,19 Millionen Zuschauer sahen am Donnerstag das „USFB“-Finale in der ARD. Das war der niedrigste Wert für einen Grand-Prix-Vorentscheid, den es je gab. Bei Lenas Kür 2010 sahen 4,5 Millionen Menschen zu, bei ihrer zweiten Runde 2011, als es nur um ihren Song ging, waren es immerhin 3,31 Millionen. Es besteht Reformbedarf.

Tatsächlich könnte man darüber nachdenken, das Format auch für Duos und Bands zu öffnen.In den iTunes-Charts steht „Standing Still“ auf Platz fünf. „Okay, but not a winner“, urteilt die europäische ESC-Fangemeinde in der Tendenz. Man ist angetan, aber nicht euphorisch. Angesichts der ersten feststehenden Konkurrenten aus Europa dürfte Platz 7 bis 15 in Baku für Roman Lob möglich sein. Ein Teddy statt Lordi? Warum nicht? Es ist nicht so, dass das ESC-Publikum keinen Gefallen finden würde an verschmusten Männern. Siehe Platz sechs für den Belgier Tom Dice („Me And My Guitar“) 2010 in Oslo.

20.02.2012
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