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18:00 01.05.2014
Duell der Titanen: Josef Augstein (André Hennicke), Rudolf Augstein (Sebastian Rudolph), Hans Detlev Becker (Johann von Bülow) und Leo Brawand (Max Hopp, v. l.).arte
Duell der Titanen: Josef Augstein (André Hennicke), Rudolf Augstein (Sebastian Rudolph), Hans Detlev Becker (Johann von Bülow) und Leo Brawand (Max Hopp, v. l.).arte
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Die deutsche Demokratie wurde von Machos gerettet. Die Redaktion des „Spiegel“ im Jahre 1962 wurde von deutschen Don Drapers bevölkert, teutonischen Pendants des zynischen Werbemannes und notorischen Frauenhelden aus der US-Serie „Mad Men“. Sekretärinnen klopfte man ungestraft auf den Po. Als „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein (Sebastian Rudolph) nach 103 Tagen Untersuchungshaft freikommt, holt ihn seine Freundin Maria Carlsson (Nora von Waldstätten) im VW Käfer ab. Er lässt sich in die Redaktion chauffieren und sie dort sitzen, um mit seinen Jungs den Sieg über den Obrigkeitsstaat zu feiern. „Darauf einen Dujardeng - peng“, blödelt die journalistische Elite der Bundesrepublik.

TV-Film

„Die Spiegel-Affäre“
arte/ARD,
Politthriller;
2. Mai, 20.15 (arte), 7. Mai, 20.15 Uhr (ARD)

*****

Die „Spiegel“-Affäre 1962 ist Geschichtsbuch-Wissen, sie war einer der Meilensteine auf dem Weg vom Adenauer-Obrigkeitsstaat zur liberalen Republik nach 1968. Nach einer Titelgeschichte („Bedingt abwehrbereit“) über ein Nato-Planspiel zu einem atomaren Weltkrieg ermittelte die Bundesanwaltschaft zum Verdacht des Landesverrats. Die Redaktion wurde besetzt und durchsucht, mehrere Redakteure verhaftet. „Spiegel“-Gründer Augstein saß am längsten.

Roland Suso Richter hat diese Geschichte nun fürs Fernsehen verfilmt. Drehbuchautor Johannes Betz hatte eine sechsteilige Miniserie geplant, das wären wahrscheinlich wirklich die deutschen „Mad Men“ geworden. Übrig geblieben sind 100 Minuten konventioneller Filmstoff. Richter und Betz, unterstützt von Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust, konzentrieren sich auf den Kampf der Titanen: Rudolf Augstein, von Sebastian Rudolph dargestellt als flirrender Überzeugungstäter, gegen das bayerische Kraftwerk Franz Josef Strauß, damals Bundesverteidigungsminister und nach gängiger Lesart der Bösewicht in der Geschichte. Der bayerische Brite Francis Fulton-Smith spielt Strauß als Gemütsmenschen und politische Dampfwalze.

Zu nächtlicher Stunde - und wahrscheinlich hackedicht - ruft Strauß beim Militärattaché der deutschen Botschaft in Madrid an, um zu erreichen, dass „Spiegel“-Redakteur Conny Ahlers, Autor der beanstandeten Titelgeschichte, im Urlaub von der spanischen Polizei verhaftet wird. Strauß belügt später den Bundestag über diesen Anruf und muss zurücktreten.

Strauß aber war nicht böse, so die Interpretation des Films, sondern genau so ein Überzeugungstäter wie Augstein, die beiden begegneten sich auf Augenhöhe. Er wollte die Bundeswehr atomar aufrüsten, um der Sowjetunion Paroli bieten zu können. Augstein hatte Angst vor einer „erstschlagfähigen“ deutschen Armee mit dem Vulkan Strauß am roten Knopf. Augstein fuhr eine jahrelange Kampagne gegen den Bayern, der in einer Szene des Films tief verletzt fragte: „Was haben Sie eigentlich gegen mich als Menschen?“ Augstein schweigt da nur und wendet sich ab.

Mit der „Spiegel“-Affäre aber hat dieses Titanenduell wenig zu tun. Der Film gleichen Titels nennt sich Politthriller, nicht Dokudrama, und tut wenig, um die Zusammenhänge zu beleuchten. Er lebt von den Spannungen und den beiden kongenialen Hauptdarstellern, doch er nimmt sich derart viele dramaturgische Freiheiten, dass die historische Relevanz der Affäre hinten runterfällt.

Strauß’ Anruf in Madrid gab es. Doch darüber hinaus war nicht er, sondern Bundesanwalt Albin Kuhn die treibende Kraft im Kampf des Obrigkeitsstaates gegen die Pressefreiheit. Roland Suso Richters „Spiegel-Affäre“ ist ein gut gemachter Politkrimi mit tollen Schauspielern. Als filmische Geschichtsstunde aber hat er sein Thema verfehlt.

Von Jan Sternberg

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