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Medien Rekordquoten für den „Tatort“: Das Märchen von der Cancel Culture
Mehr Welt Medien Rekordquoten für den „Tatort“: Das Märchen von der Cancel Culture
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18:50 03.05.2021
Axel Prahl (links) und Jan Josef Liefers erreichten am Sonntag die zweithöchste Quote in ihrer „Tatort“-Geschichte.
Axel Prahl (links) und Jan Josef Liefers erreichten am Sonntag die zweithöchste Quote in ihrer „Tatort“-Geschichte. Quelle: WDR/Martin Valentin Menke
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Münster

Die umstrittene Aktion #allesdichtmachen ist nun schon mehr als eine Woche her, ihr Echo klingt jedoch bis heute nach. Am Sonntag zeigte der „Tagesspiegel“ in einem Artikel mindestens fragwürdige Verbindungen einiger Initiatoren zur „Querdenker“-Bewegung auf, während sich die teilnehmenden Schauspielerinnen und Schauspieler immer weiter von der Aktion distanzieren oder sich wie Jan Josef Liefers in Talkshows um Kopf und Kragen reden.

Wenn man jedoch eines aus der Debatte mitnehmen kann, dann wohl dieses: Eine sogenannte Cancel Culture, die auch nach #allesdichtmachen an verschiedensten Stellen propagiert wurde, gibt es in Deutschland entweder gar nicht – oder sie muss noch sehr viel üben.

Der aktuellste Beweis dafür flatterte am Montagmorgen in die Redaktionen, in Form der alltäglichen Quotenerhebung der GfK: 14,22 Millionen Menschen haben am Sonntagabend den „Tatort“ aus Münster eingeschaltet. Genau: den „Tatort“ mit Jan Josef Liefers, dem wohl prominentesten Unterstützer von #allesdichtmachen.

Die Folge „Rhythm and Love“ holte die beste Einschaltquote eines „Tatorts“ seit mehr als vier Jahren und liegt nur ganz knapp hinter dem Rekord-„Tatort“ „Fangschuss“ – der erreichte im April 2017 14,56 Millionen Zuschauer.

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Petition fordert Konsequenzen

Beachtlich ist das aus vielerlei Gründen: Zum einen dürfte Jan Josef Liefers mit seiner Beteiligung an der Kampagne auch vielen „Tatort“-Fans auf den Schlips getreten sein – vom Einschalten hielt das jedoch offenbar niemanden ab, im Gegenteil. Zum anderen hatten Nutzerinnen und Nutzer in den sozialen Netzwerken massiv für einen Boykott des Münster-„Tatorts“ getrommelt. „Bitte denkt dran #Tatort boykottieren! #Covidioten unterstützt man nicht!“, war etwa auf Twitter zu lesen.

Schon einige Tage zuvor gab es Versuche, Teilnehmende der Aktion #allesdichtmachen mithilfe einer Petition aus dem Fernsehen zu verbannen. In der Kampagne auf change.org hieß es unter anderem, die Aktion dürfe „nicht ohne Konsequenzen“ bleiben.

„Die an dieser Aktion beteiligten Schauspieler dürfen nicht durch den von uns allen finanzierten Rundfunkbeitrag für ihre ‚Haltung‘ belohnt werden. Die Rundfunkanstalten der ARD und das ZDF dürfen den Protagonisten von #allesdichtmachen Produktionen und Serien wie ‚Tatort‘ künftig nicht mehr als Auftrittsbühne überlassen.“

Die Petition endet mit den Worten: „Daran ändern auch die zwischenzeitlich, teilweise am Kern der Entgleisung vorbeigehenden, publizierten Distanzierungen einiger Schauspieler nichts.“

Wie Dieter Nuhr einen Kampfbegriff verwässerte

Tatsächlich sind sowohl der #TatortBoykott auf Twitter als auch diese Petition genau das, was man heute landläufig als Cancel Culture beschreiben würde. Eine laute, politisch eher links zu verortende Bewegung in den sozialen Netzwerken, vornehmlich auf Twitter, die versucht, Prominente für ihre Fehltritte abzusägen oder beruflich zu vernichten. Eine Kultur, in der selbst Bitten um Entschuldigung nichts mehr wert sind. Das Phänomen des „Canceln“ stammt aus den USA, wo es durchaus schon einige Fälle dieser Art gegeben hat, insbesondere in der #MeToo-Debatte.

In Deutschland allerdings hatten zuletzt vor allem konservative Medien und Kabarettisten wie etwa Dieter Nuhr den Begriff verwässert. Nuhr hatte in den vergangenen Monaten für verschiedene seiner Aussagen immer wieder Gegenwind erhalten und beschrieb den Protest aus den sozialen Netzwerken mitunter als Cancel Culture.

Im Falle von #allesdichtmachen nahm der Grünen-Politiker Boris Palmer das Wort in den Mund. „Was wir hier erleben, sind eingeübte Rituale. Die Empörung, die Cancel Culture“, sagte er bei Maybritt Illner. Dass einige Schauspieler ihre Videos gelöscht hätten, sei die „klassische Reaktion: Man wird so unter Druck gesetzt, bis man nicht mehr zu dem steht, was man gesagt hat.“ Das sei mit ihm auch oft versucht worden. Auch die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht verwendete das Wort im Zusammenhang mit der Aktion. In stark konservativen bis rechten Medien erschienen ebenfalls Debattenbeiträge in diesem Ton.

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Nicht mehr als ein Märchen

Doch auch, wenn es die Versuche des Cancelns bei #allesdichtmachen ohne Frage gab – die angebliche Gefahr dessen scheint trotzdem nicht mehr als ein Märchen zu sein. Tatsächlich wurde bis heute kein einziger der teilnehmenden Schauspielerinnen und Schauspieler „abgesägt“, und das trotz mehr als fragwürdiger Aussagen, die teilweise ganz tief im „Querdenker“-Milieu wildern.

Im Gegenteil: Jan Josef Liefers saß in den vergangenen Tagen in zwei Talkshows, zum einen per Videokonferenz bei „3nach9″, zum anderen bei Maybritt Illner. Beim WDR durfte sich Liefers in der „Aktuellen Stunde“ erklären, und in der „Zeit“ nahm sich sogar Gesundheitsminister Jens Spahn die Zeit für den protestierenden Schauspieler: Hier erschien ein Doppelinterview mit ihm und Liefers, in dem dieser seine Gedanken zur Aktion noch mal ganz ausführlich teilen durfte.

Mit anderen Worten: Mehr mediale Aufmerksamkeit als nach der Aktion #allesdichtmachen hatte Liefers in den vergangenen Jahren wohl nie.

Und auch mit der beruflichen Karriere des Schauspielers geht es weiter bergauf. Kurz nach der Aktion wurde bekannt, dass Liefers und sein Kollege Axel Prahl für sechs weitere Folgen des beliebten Münster-„Tatorts“ vor der Kamera stehen werden. Auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) antwortet der WDR, dass auch darüber hinaus keine Konsequenzen geplant seien: „Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler sprechen für sich selbst auf ihrer eigenen Plattform. Allen steht das Recht zu, ihre Meinung zu äußern“, so eine Sprecherin.

Auch der Twitter-Boykott des „Tatorts“ war offenbar nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas: Außerhalb der sozialen Netzwerke habe man beim WDR „lediglich ein paar vereinzelte Zuschriften“ von Zuschauern erhalten, mehr nicht.

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Cancel Culture als Karriere-Boost

Was für Liefers gilt, gilt auch für die anderen Teilnehmenden der Aktion #allesdichtmachen. Auch Mitinitiator und Regisseur Dietrich Brüggemann durfte bei zahlreichen Fernsehsendern Interviews zur Aktion geben und in Talkrunden sitzen, etwa bei „Stern TV“. Bis heute ist kein einziger Fall bekannt, dass ein Schauspieler nach der Aktion seinen Job verloren hätte.

Bei anderen Fällen in der Vergangenheit war das ähnlich. Bei Lisa Eckhart etwa fungierte ein vermeintlicher Cancel-Versuch eher als Karriere-Boost. Zwar wurde die Kabarettistin nach Protesten von einem Festival ausgeladen, ist jedoch heute gefühlt öfter im Fernsehen zu sehen als je zuvor. Auch Eckharts Buch wurde erwiesenermaßen nicht „gecancelt“. Und das, obwohl die Kabarettistin in ihrem Programm antisemitische Klischees bedient und dafür massive Kritik erfahren hatte.

Und Dieter Nuhr? Der Kabarettist, der die vermeintliche Cancel Culture gegen sich einst selbst beklagt hatte? Der macht noch immer seine Sendung „Nuhr im Ersten“ und ist auch sonst ziemlich oft im Fernsehen zu sehen.

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Kein Bedrohungsszenario

Unstrittig ist, dass innerhalb Twitters eine laute und teils radikale Bewegung existiert, die das „Canceln“ zumindest regelmäßig versucht. Unstrittig ist auch, dass das für Betroffene unangenehm sein kann. Tatsache ist aber auch: Diese Blase entscheidet nicht darüber, ob jemand „gecancelt“ wird oder nicht, sondern die breite Öffentlichkeit. Sie entscheidet, ob das Geschrei aus der Twitter-Blase tatsächlich Gewicht bekommt oder im Stillen verpufft.

Das oft gezeichnete Bedrohungsszenario, das von dieser Blase ausgehe, hinkt also. 14,22 Millionen „Tatort“-Zuschauer haben am Sonntagabend das Gegenteil bewiesen – sie wollen Liefers sehen, trotz seiner fragwürdigen Äußerungen. Auch die TV-Sender ermöglichen ihren Schauspielern weiterhin die fragwürdigsten Meinungsäußerungen, ohne sie gleich vor die Tür zu setzen.

Man kann im Falle #allesdichtmachen nicht mal argumentieren, dass die Cancel Culture die Debattenkultur gefährde. De facto hat das Land in der vergangenen Woche über nichts mehr debattiert als über #allesdichtmachen, in allen möglichen Medien und mit allen möglichen Schlagrichtungen. Die angeblich „gecancelten“ Teilnehmer wurden auf die ganz große Bühne gehoben und angehört, und ihre wenig durchdachte Aktion wurde deutlich ernster genommen, als man es eigentlich hätte tun müssen.

Wenn das also die deutsche Cancel Culture sein soll, dann muss man vor ihr wirklich keine Angst haben.

Von Matthias Schwarzer/RND

Der Artikel "Rekordquoten für den „Tatort“: Das Märchen von der Cancel Culture" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.