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Medien Ralph Caspers zu 40 Jahren „Sendung mit der Maus“
Mehr Welt Medien Ralph Caspers zu 40 Jahren „Sendung mit der Maus“
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18:40 04.03.2011
Ralph Caspers kennt sein Geburtsdatum nicht. Seine Eltern wanderten Anfang der siebziger Jahre nach Borneo aus, dort wurde er (angeblich) geboren. Im März 2010 allerdings bezeichnete er diese Angaben als „Quatsch“. Quelle: dpa
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Herr Caspers, Sie sollen es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.
Ist das so?

Dass Sie auf Borneo geboren wurden, haben sie angeblich erst verbreitet, dann widerrufen.
(Grinst) Vielleicht war ja der Widerruf die Lüge. Wahrheit ist oft langweilig. Es kommt immer auf die Verpackung an. Wenn wir bei den Sachgeschichten einfach nur die Fakten aneinanderreihen würden, wäre das eher langweilig. Also müssen wir die Geschichten um sie herum erkennen. Da hilft es, wenn man ein bisschen Phantasie hat.

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Die nette Schwester der Lüge.
Sicher, aber die Lüge ist ja nur dann böse, wenn sie schadet. Dann fehlt ihr die Legitimität. Deshalb sind Märchen auch keine Lügen, sondern Übertreibungen. Die wenigsten Kinder dürften daran Schaden genommen haben. Ich jedenfalls nicht, und ich war ein absolutes Märchenkind. Vielleicht hat das meine Lust am Ausmalen geprägt. Ich erzähle schon viel Mist.

Ist die „Sendung mit der Maus“ dafür ein gutes Terrain?
Im Gegenteil. Was ich dort erzähle, hat Hand und Fuß, es stimmt alles. Trotzdem war sie in 40 Jahren stets unterhaltsam. Deshalb ist sie zu Beginn richtig angefeindet worden – als angeblich zu schnell für Fernsehanfänger. Dabei können die einiges an Unsinn vertragen.

Waren Sie schon in der Schule der Klassenclown?
Im Gegenteil, da war ich unauffällig. Wenn es um die Wiedergabe des Geschehens ging, habe ich allerdings früh versucht, das Ende zu variieren. Dafür gab’s auch mal schlechte Noten.

Ein ruhiger, unauffälliger Klugscheißer.
Fragen Sie, was Sie wollen!

Warum ist die Banane krumm?
Das liegt am Staudenwuchs. Die Banane wächst der Sonne zum Ast entgegen. In den Jahren des Wissensfernsehens ist eine Menge hängen geblieben.

Ist irgendeine Antwort besser als keine?
Nur wenn sie lautet: weiß ich nicht. Denn ich weiß ja im Grunde gar nichts und muss die Experten der Sachgeschichten so lange löchern, bis sie in einer Sprache sprechen, die ich verstehe. Schlimmer, als etwas nicht zu wissen, ist doch, Fragen zu ignorieren; das widerfährt Kindern leider zu oft. Nur wenn Erwachsene Wissenslücken eingestehen, kriegen Kinder ein entspanntes Verhältnis zum Versagen. Wenn meine mich was fragen, gebe ich offen zu, keine Antwort zu haben. Denn wenn ich doch mal den Käpt’n Blaubär mache, merken sie es sofort.

Ihr schmallippiges Grinsen verrät Sie.
Echt? Ich sehe doch so ernst aus. Rot werde ich nur, wenn mir was peinlich ist, wie ein offener Hosenschlitz. Andererseits ist es gut, sich jeden Tag fünf Minuten leichte Peinlichkeit zu gönnen, das wappnet für gröbere Peinlichkeiten.

Ist es peinlich, Italiens Hauptstadt nicht zu kennen?
Das schon. Letztens habe ich in der Maus über Tannenzapfen geredet, hatte aber einen Kiefernzapfen in der Hand; bin halt ein Stadtkind und wusste es nicht besser. Aber nach vorn zu stolpern ist immerhin eine Bewegung – und besser, als stehen zu bleiben.

Heute dürfen die im Fernsehen mehr wissen als wir damals.
Was heißt im Fernsehen – die wissen mehr! Ich weiß mehr als meine Mutter, nicht nur, was den Computer anbelangt.

Ihre drei Kinder wissen mehr als Sie?
Das nun nicht. Noch nicht. Das liegt aber auch an meinem Beruf. Alles was ich weiß, weiß ich im Grunde durch meine Recherchen fürs Fernsehen. Auch, wenn manchmal nur die Hälfte hängen bleibt: das gefährliche Halbwissen.

Fürchten Sie die heiklen Fragen der eigenen Kinder, die Pubertätsfragen?
Überhaupt nicht. Das ist Kindern ja meistens peinlicher als Eltern. Und das, obwohl Kinder mittlerweile ziemlich abgebrüht sind; Sexualität ist für die wie Blumenzüchten.

Ist diese Abgebrühtheit beklagenswert?
Beklagenswert sind nur ehrgeizige Eltern, die Dreijährigen Englisch beibringen und sich so viel Sorgen um die Zukunft ihrer Brut machen, dass sie permanent Druck aufbauen. Kinder hatten immer andere Interessen als Eltern, und Gefahren variieren. Als Bücher aufkamen, war das Teufelszeug. Als das Radio aufkam, war das Teufelszeug. Als Fernsehen aufkam, war das der Tod des Abendlandes. Und jetzt ist es das Internet. Wo Autoritäten infrage gestellt werden, entstehen Ängste.

Hatten Sie autoritäre Eltern?
Überhaupt nicht. Ich konnte mir selbst dann absoluter Loyalität sicher sein, wenn ich mir einen total abwegigen Beruf wie Fernsehmoderator suchen würde. Banker wäre ihnen lieber gewesen.

Wie war Ihr Zugang zum Fernsehen?
Es war unser Babysitter. Wir haben mit dem Testbild auf die „Sesamstraße“ gewartet.

Pädagogisch eher fragwürdig.
Von Pädagogik hab’ ich keine Ahnung. Das einzige Zitat, das ich diesbezüglich kenne, ist vom englischen Philosophen John Locke: Es schade nicht, Kinder mal im Winter im Hemd rauszuschicken.

Kein einziges Erziehungsmotto?
Doch: Was ich sage gilt (grinst). Bis sie 18 sind, vielleicht gar 23. Der Grundstein des familiären Verhältnisses wird sehr früh gelegt, dann läuft es. Meine Kinder dürfen fernsehen, schauen aber DVD. Da gibt’s ein Minutenregiment. Aber die gucken sowieso immer nur mich.

Interview: Jan Freitag