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Medien Platzierte Thomas Gottschalk Schleichwerbung bei „Wetten, dass..?“?
Mehr Welt Medien Platzierte Thomas Gottschalk Schleichwerbung bei „Wetten, dass..?“?
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21:15 13.01.2013
Beim ZDF wird der Verdacht auf Schleichwerbung in der Sendung „Wetten, dass...?“ geprüft. Quelle: dpa
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Mainz

Der Ablauf war jahrelang der Gleiche. Nach mehr als zwei Stunden „Wetten, dass ...?“ – Moderator, Gäste und Publikum näherten sich langsam dem Zustand der Erschöpfung –, pflegte Thomas Gottschalk noch mal sein strahlendstes Lächeln anzuknipsen und im Stil eines Werbespot-Sprechers die Vorzüge eines Autos zu preisen. Heute ahnt man, warum der Moderator so beseelt vor sich hin grinste: Womöglich dachte er an die Millionen, die Bruder Christoph auf diese Weise scheffelte. Dessen Vermarktungsfirma Dolce Media lebt unter anderem vom Brückenbau zwischen Wirtschaftsunternehmen und den Medien. Bis vor einigen Jahren gehörte neben der Deutschen Post auch Thomas Gottschalk zu diesen Gesellschaften.

Werbeunterbrechungen sind im Fernsehen mittlerweile so alltäglich, dass viele Menschen sie gar nicht mehr als störend empfinden. Seit knapp drei Jahren dürfen Produkte sogar ganz offiziell in Filme, Serien, Shows und dokumentarische Formate integriert werden, vorausgesetzt, die Sender machen dies zu Beginn und am Ende mit einem entsprechenden Hinweis deutlich. Bis März 2010 waren solche Produktplatzierungen ausdrücklich verboten. Als bekannt wurde, dass die Produktionsfirma Bavaria unter anderem in der ARD-Serie „Marienhof“ sowie im „Tatort“ Werbung integriert hatte, sorgte das für einen Skandal.

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Auch in ZDF-Sendungen gab es versteckte Werbebotschaften, jedoch in wesentlich kleinerem Ausmaß. Nun haben „Spiegel“-Reporter herausgefunden, dass die Weste der Mainzer schmutziger ist als angenommen. Dolce Media, berichtet das Magazin, biete „seit Jahren die Möglichkeit, für Millionensummen verbotene Reklame in ‚Wetten, dass ...?‘ zu platzieren.“ Nach Informationen des Magazins soll Dolce Media die Preise für Gewinnspiele organisiert haben, zum Beispiel kostenlose Autos. Einige Firmen hätten dann Geld gezahlt, damit ihre Produkte in der Show besonders gut präsentiert würden. Dies bewiesen Verträge, die das Unternehmen mit dem Autohersteller DaimlerChrysler sowie dem Solarstromkonzern Solarworld abgeschlossen habe.

Details aus dem Vertrag mit DaimlerChrysler (unterschrieben im Dezember 2003) belegen, dass die Vereinbarungen selbst gegen die mittlerweile deutlich liberaleren Bedingungen verstoßen würden. Produktplatzierungen, heißt es im Rundfunkstaatsvertrag, dürften „keinen werblichen Charakter haben“. Die Brüder Gottschalk aber sicherten DaimlerChrysler laut „Spiegel“ eine „konkrete Anmoderation“ zu. Die „On-Air-Präsenz“ des Autos – es ging um die A-Klasse – habe laut Vertrag „im Schnitt 45 Sekunden pro Sendung“ betragen müssen. Der Deal schloss offenbar sogar detaillierte Regieanweisungen mit ein, damit das Auto auch garantiert bestmöglich präsentiert würde.

Die PR-Aktion in der zum damaligen Zeitpunkt unangefochten erfolgreichsten Show Deutschlands mit regelmäßig weit mehr als zehn Millionen Zuschauern war dem Automobilkonzern angeblich 1,25 Millionen Euro pro Jahr wert – plus Mehrwertsteuer. Da wirkt es wie eine nette Geste, dass Gottschalk während seiner Aufenthalte in Europa überdies ein Luxusmodell aus der Mercedes-Flotte zur Verfügung gestellt wurde.

Das Stuttgarter Unternehmen wäscht seine Hände gegenüber dem „Spiegel“ in Unschuld, das alles sei „aus damaliger Sicht ein ganz normaler Vorgang“ gewesen, sagt ein Sprecher. In den Verträgen sei betont worden, dass die Vereinbarungen nicht gegen den Rundfunkstaatsvertrag verstießen. Das mag so sein, klingt aber ausgesprochen naiv. Ein Blick in den Gesetzestext hätte genügt, um zu erkennen, dass die vertraglichen Details eindeutig die redaktionelle Unabhängigkeit beeinträchtigten.

Ein ZDF-Sprecher erklärte dazu am Sonntag, dem Sender lägen keine Erkenntnisse zu Schleichwerbung bei der Präsentation von Gewinnspielpreisen vor. „Einflussnahme von Dritten auf redaktionelle Entscheidungen gab es nicht“, teilte er mit.

Offiziell soll es in den Verträgen unter anderem um Markenrechte der Show gegangen sein. Dank ihnen hätten die Unternehmen zum Beispiel mit einem Bild aus „Wetten, dass ...?“ werben dürfen. Das ZDF kündigte gestern an, die Vorwürfe zu prüfen. Die Preise für Gewinnspiele würden im Rahmen der rechtlichen Bedingungen präsentiert. „Dolce Media war nicht berechtigt, das ZDF gegenüber Dritten zu verpflichten“, erklärte der Sprecher.

Mittlerweile ist übrigens Audi der Werbepartner von „Wetten, dass..?“. Auch diesen Vertrag hat Dolce Media ausgehandelt. Im Sommer läuft er aus, dann will Thomas Bellut für klare Verhältnisse sorgen: „Es schadet dem Sender, wenn auch nur der Anschein entsteht, dass da nicht sauber agiert würde“, sagte der ZDF-Intendant dem „Spiegel“.

Tilmann P. Gangloff (mit: dpa)

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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