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Medien „Ich glaub’ an meine Meinung“
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12:28 24.01.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Foto: Öffentliches Leben unter Generalverdacht - bis hinauf zur Kanzlerin: Pegida-Demonstranten halten ihre Schilder in Leipzig hoch.
Öffentliches Leben unter Generalverdacht - bis hinauf zur Kanzlerin: Pegida-Demonstranten halten ihre Schilder in Leipzig hoch. Quelle: Jens Schlüter
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Dresden/Leipzig

Was ist die „Lügenpresse“? Angeblich alle irgendwie „von oben gesteuerten“ oder „staatsgelenkten“ Medien. Denn die müssten „immer erst im ZK“ anfragen, sonst werde ihnen „die Konzession“ entzogen. So reden nicht tapfere Oppositionelle aus Nordkorea oder Südossetien, sondern biedere Deutsche über das eigene Land. Befragt wurden sie in dieser Woche bei einer Legida-Demonstration in Leipzig von einem „Spiegel Online“-Team. Das erfuhr auch, wie die demnach so Fremdbestimmten sich der totalitären Obrigkeit erwehren. „Ich glaube ihnen nichts“, sagt einer der Interviewten. „Ich lass mich nicht manipulieren“, versichert ein anderer. „Ich bin da immer noch der Meinung: Ich glaub’ an meine eigene Meinung.“

Schöner als mit diesem in nuschelndem Sächsisch vorgetragenen Satz lässt sich kaum illustrieren, wie bescheiden die Wahrheitsfindung geworden ist – und wie sich der von Richard Sennett vor Jahrzehnten konstatierte Verfall der Öffentlichkeit beschleunigt. Bei Pegida und  Co. quält man sich nicht mit Zweifeln darüber, aus welchen meinungsbildenden Quellen das eigene ideologische Rüstzeug denn besser als aus „den“ Medien zu schöpfen wäre. Man kenne „das ZK“, den Gegner also, sagt ein Demonstrant in Leipzig. „Das sind alles Leute vom selben Schlage, die haben so Hanfpflanzen und anderen Kram, die sind uns alle bekannt.“ Und woher? „Wir haben auch verlässliche Bekannte und Experten, in eigenen Gruppen, im Internet.“

Daten aus dem Netz gelten als seriöse Alternative

Ach so, im Netz. Es gibt wohl keine Ansicht, die man da nicht finden kann. Weil die neue Rechtsbewegung teils Schnittmengen mit rechtsextremen und auch gewaltbereiten Gruppen bildet, schauen Verfassungsschützer genauer auf Pegida-Netzaktivitäten – bislang allerdings mit eher dürftigen Erkenntnissen. „Die Bewegungen sind von Ort zu Ort sehr verschieden“, heißt es beim Verfassungsschutz in Hannover. In Düsseldorf, Stralsund oder Rostock seien sie rechtsextrem dominiert, in Hannover sympathisiere „ein nicht unerheblicher Teil“ mit rechtsextremen Gruppierungen. Entsprechend vielfältig und diffus seien auch die jeweils genutzten Internetquellen. Die Seiten von „Politically Incorrect“ („Gegen die Macht der Meinungsmacher!“), der „Identitären Bewegung“ („Gegen  Masseneinwanderung und Islamisierung“) oder der „German Defense League“ („Deutsche, das ist euer Land!“) würden aber vielfach konsultiert. Daten aus dem Netz gelten also einer wachsenden Zahl von Deutschen als seriösere Alternative zu etablierten Medien.

Damit dürfte eine neue Stufe der Erosion gesellschaftlicher und politischer Öffentlichkeit markiert sein. Dieser Zerfallsprozess – vom US-Soziologen Sennett 1977 in seinem Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ beschrieben – ist in Deutschland erstmals mit der Einführung des Kommerzfernsehens für jedermann offenbar geworden. Bis dahin lag die Deutungshoheit für öffentliche Angelegenheiten in der noch stärker hierarchischen Nachkriegsgesellschaft für die Elite bei den Zeitungen und für die Masse bei den öffentlichen Fernsehsendern. Die konnten noch Massen bewegen – vor die „Tagesschau“, deren Betrachtung vielen damals als eine Art staatsbürgerliche Pflicht galt.

Mit der Digitalisierung, die Hunderte Programme möglich macht, ist die Parzellierung des Programms und damit des öffentlichen Bewusstseins weiter vorangeschritten. Kaum ein Nischenthema ist denkbar, für das es nicht ein Programm gibt. Die Zuschauerschaften, die einst vor der „Tagesschau“, dem „Tatort“ oder einem Länderspiel fast ein nationales Kollektiv bildeten, zerstreuen sich allabendlich in Hunderte Programmparzellen. Die „Tagesschau“ lockt nicht einmal mehr jeden siebten Zuschauer vor den Bildschirm.

Doch was sind Hunderte TV-Sender im Vergleich zu potenziell unendlich vielen Foren, Websites oder Gruppen im Internet? Das bestürzend Neue ist aber nicht die pure Masse an Nischen, sondern die Weigerung ihrer rechtspopulistischen Bewohner, ihre partikulare Weltsicht noch mit dem großen Ganzen der wirklichen Welt in Einklang zu bringen. Denn hier geht es ja nicht um Sonderinteressen von Briefmarkensammlern oder Kaninchenzüchtern, die ihrem Hobby außer im Stall oder bei Tauschbörsen auch im Internet frönen. Solche Nischen stehen nicht in Konkurrenz zu Politik und Öffentlichkeit in Deutschland, es sind harmlose Parallelgesellschaften – anders als die der neuen Rechtspopulisten.

„Da brodelt was“

„Da brodelt was“, ist von Verfassungsschützern zu hören. Doch solange es keine handfesten kriminellen Delikte gibt, können Sozialforscher genauer als Polizei und Staatsschutz angeben, was sich bei Pegida und Co. zusammenbraut: Nach einer jüngst veröffentlichten Umfrage des Wissenschaftszentrums Berlin unter Pegida-Demonstranten in Dresden haben mehr als 90 Prozent von ihnen kein oder wenig Vertrauen in die Politik, den Bundestag, die Bundesregierung, das Fernsehen und die Zeitungen. 73 Prozent sehen die deutsche Kultur von Ausländern bedroht. 97 Prozent empfinden die Medien mit „Lügenpresse“ als treffend charakterisiert. Jeder zweite hat in Sachsen die AfD gewählt, 70 Prozent halten Deutschlands politisches System für schlecht.

Wer so pauschal alles ablehnt, wer so wenig mit den politischen Spielregeln der Demokratie anfangen kann, muss vielleicht anstelle von Parlamentarismus und Gewaltenteilung, die jedem Staatsrechtler als Errungenschaft gelten, dunkle Mächte mit üblen Absichten am Werk sehen – und betrachtet so statt für jedermann einsehbarer öffentlicher Regelwerke private und persönliche Motive der politisch Handelnden als entscheidend. Das kennt man aus der naiven Vision vom „guten Fürsten“, einem Ideal, das Max Weber schon Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch distanziert zitierte. Das wird von Pegida-Anhängern indes umgekehrt, doch nicht minder naiv ins Negative gewendet und befeuert so Verschwörungstheorien von den bösen Machenschaften, die „die da oben“ angeblich im Schilde führen.  

Richard Sennett nennt genau diese Deutung politischer Vorgänge in psychologischen Kategorien eine „Tyrannei der Intimität“ – der er das Bekenntnis zu zivilen Regelwerken entgegenstellt: „Zivilisiertheit ist ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden“, heißt es in „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“. Doch solche Zivilität ist Leuten kaum zugänglich, die das ganze öffentliche Leben unter Generalverdacht stellen.

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