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Medien Neustart bei "Tomb Raider"-Reihe
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16:07 07.03.2013
Von Karsten Röhrbein
Götter, Gräber und Gelehrte: Der zehnte „Tomb Raider“-Teil begleitet die 21-jährige Lara Croft bei ihrem ersten Abenteuer auf einer mysteriösen Insel im Pazifik.Square Enix
Götter, Gräber und Gelehrte: Der zehnte „Tomb Raider“-Teil begleitet die 21-jährige Lara Croft bei ihrem ersten Abenteuer auf einer mysteriösen Insel im Pazifik. Quelle: Square Enix
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Nach drei Stunden hat Lara Croft die Nase voll. „Ich hasse Gräber“, stöhnt die Archäologiestudentin, als sie zum wiederholten Mal in eine finstere Katakombe klettern muss. Sie sagt das nicht nur zu sich, sondern vor allem zum Spieler, der sie dorthin manövriert hat. Das ist eine der vielen guten Ideen, mit denen der neue Teil der Videospielreihe „Tomb Raider“ überrascht: Denn seit 17 Jahren macht Lara Croft ja kaum etwas anderes, als auf der Jagd nach seltenen Artefakten durch monströse Gewölbe und antike Tempelanlagen zu hetzten, immer auf der Hut vor tödlichen Fallen und unerbittlichen Gegnern.

1996 war es eine Sensation, eine weibliche Heldin durch eine 3-D-Welt zu schicken. Eigentlich wollten die Entwickler von Core Design einen männlichen Protagonisten für „Tomb Raider“. Frauen waren bis dahin oft nur schmückendes Beiwerk, zart besaitete Opfer, die es zu beschützen galt. Doch genau das wollte Toby Gard nicht: Der damals 21-Jährige entwarf eine starke Heldin, eine Mischung aus der toughen Comic-Amazone Tank Girl und der sportlichen Hollywood-Schauspielerin Sandra Bullock. Er flocht die Haare seiner Heldin, Arbeitstitel: „Laura Cruz“, zu einem keck hin und her wippenden Zopf und steckte sie in ein eng anliegendes, bauchfreies Top, Hot Pants und derbe Boots. Zwei Neun-Millimeter-Pistolen komplettierten das Outfit.

Lara wurde schnell eine Ikone unter den Videospielhelden. Der erste „Tomb Raider“-Teil verkaufte sich insgesamt unglaubliche sieben Millionen Mal. Für die üppigen Polygone begeisterten sich nicht nur pickelige Jungs, denen die Schamesröte ins Gesicht stieg, wenn sie im echten Leben mit einem attraktiven Mädchen zu tun hatten. Auch Frauen fanden Gefallen an der selbstbewussten Archäologin. Von Männern ließ sich Lara schließlich nicht auf der Nase herumtanzen. Als Vorbild taugte sie - unter anderem wegen der ironisch überzeichneten Attribute - nur bedingt, wohl aber als treue Begleiterin. 35 Millionen Käufer fanden die neun Teile der „Tomb Raider“-Reihe bis heute. Tendenz: stark abnehmend. Kein Wunder, die nicht eben subtile Lara Croft ist ein Kind der Neunziger. Und mittlerweile eine Karikatur ihrer selbst.

Der zehnte Teil ist deshalb keine optische Kosmetik, sondern ein radikaler Neustart. Das ist mutig. Denn das neue „Tomb Raider“ ist ein Höllentrip. Im Vorspann sieht der Spieler die 21-Jährige Lara an Bord eines Forschungsschiffes, das im Japanischen Meer nach einem sagenumwobenen Königreich sucht. Es ist ihre erste große Expedition. Und sie endet in einem Desaster. Das Schiff wird an eine Insel gespült, die Crew von skrupellosen Kultisten gefangen genommen. Lara, die neuerdings ein modisches Unterhemd und Cargohose trägt, muss sich gleich zu Beginn den Weg aus einem unterirdischen Verlies bahnen, das mit menschlichen Überresten übersät ist. Um nicht zu verhungern, geht sie auf die Jagd. Und trauert um die Hirschkuh, die sie erlegen muss, um zu überleben. Wenig später ist Hunger ihr kleinstes Problem. Um nicht getötet zu werden, muss sie selbst töten - wieder und wieder. „Tomb Raider“ ist ein Survival-Horror-Albtraum ab 18 Jahren geworden, ein Spiel so dicht wie ein Film. Was als Mystery-Thriller beginnt, wird immer mehr zum erbarmungslosen Horrorschocker. Den wenigsten Gegnern kann der Spieler ausweichen, und es ist verstörend, wie explizit das virtuelle Töten bisweilen dargestellt wird.

Lara, grandios unprätentiös von Schauspielerin Nora Tschirner („Kein­ohrhasen“) synchronisiert, wird vom Leben gezeichnet: Sie trägt Wunden davon, auf dem Top bleiben verkrusteter Schlamm und Blut zurück. Die neue Lara ist - ähnlich wie Daniel Craig als James Bond - provokant verwundbar. Und sie wächst mit jeder Herausforderung. Für bewältigte Aufgaben gibt es Erfahrungspunkte. Die investiert Lara brav in neue Talente. Die neoliberale Maxime, permanent an sich arbeiten zu müssen, hat sie als Kind der nuller Jahre tief verinnerlicht. Wenn sie aber ihren Idealismus behält, hat „Tomb Raider“ mit ihr noch eine große Zukunft.