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Medien „Wir werden ohne Floskeln auskommen“
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00:15 25.03.2015
Von Heike Manssen
Neues starkes Team: Meret Becker und Mark Waschke ermitteln in Berlin.Foto: ARD
Neues starkes Team: Meret Becker und Mark Waschke ermitteln in Berlin. Quelle: ARD
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Meret Becker, ausgerechnet Sie nun als Kommissarin in einem „Tatort“. Bisher haben Sie sich vor allem durch unbürgerliche, aufsässige Rollen einen Namen gemacht.

Becker: Es ist für mich schon kurios, einen Bullen zu spielen. Neulich war ich sogar eine Zahnärztin! Wenn die Leute aber sagen, ich wirke so unkonventionell, dann reizt es mich natürlich umso mehr, das Gegenteil zu tun.

War es klar, dass Sie die Rolle im Krimi annehmen?

Becker: Nein, das war gar nicht klar. Ich musste schon schlucken. Zum ersten Mal in meiner Karriere habe ich mich an ein Projekt gebunden und weiß, da kommen Fortsetzungen, das werde ich nun eine Weile machen. So was ist eigentlich nicht mein Ding. Im Grunde drücke ich mich eher auf Platten und Konzerten oder in Kinofilmen aus. Dass nun erst mal Fernsehen kommt, war nicht selbstverständlich. Es wird mich einschränken und zweimal im Jahr mit Dreharbeiten blockieren. Das ist sehr ungewohnt.

Aber zweimal im Jahr kommt sicheres Geld.

Becker: Ja, das ist sehr schön.

Mark Waschke, spielte der „Tatort“ für Sie privat bislang eine Rolle am Sonntagabend?

Waschke: Diese Zeit um 20.15 Uhr war für mich kein Fixpunkt. Seit ich ein paarmal in verschiedenen Rollen mitspielte, habe ich ab und zu reingeschaut, um dieses Phänomen zu verstehen. Wieso sehen die Menschen sich so verschiedene Filme an, die alle unter der gleichen Marke firmieren? Das ist ja so, als ob sich jemand erst einen Antonioni-, dann einen Schwarzenegger-Film anschaut und beide gut findet. Auch der Umstand, dass im „Tatort“ Themen gesetzt werden, die am nächsten Tag überall im Gespräch sind, fasziniert mich.

Haben Sie einen Lieblings-„Tatort“?

Waschke: Generell finde ich die Filme am besten, die über das Kriminalgenre hinaus von Themen reden, die abseits der Spannung eine Relevanz haben. Etwa Kindesmissbrauch oder Geldwäsche. Es gibt zum Beispiel in Dortmund ein Team, das erzählt Geschichten, ohne sich über die eigene Gattung des Kriminalfilms lustig zu machen.

Sie erwähnen Dortmund nicht zufällig, mit seinem psychisch labilen, verhaltensauffälligen Kommissar. Er ähnelt Ihrer Rolle. Braucht ein neuer Kommissar heute eine Störung oder ein prekäres Privatleben, um Interesse beim Publikum zu wecken?

Waschke: Es geht ja darum, von Menschen zu berichten, und Menschen haben Probleme. Sie ecken an. Nur sehr wenige Leute haben keinen Schaden. Die meisten leiden an irgendetwas. Auch ein Kommissar.

War das rein handwerklich reizvoll, diesen arg beschädigten Typen zu spielen?

Waschke: Absolut!

Meret Becker, wie sieht Ihre „Tatort“-Karriere als Zuschauerin aus?

Becker: Ich bin keine regelmäßige Irgendwas-Guckerin, ich schaue mich um und bleibe hängen, wenn es gut ist. Ich merke: Je gruseliger es ist, desto spannender finde ich das. Da kann ich mich mit meinen Ängsten beschäftigen. Wie im Märchen, plötzlich kommt der Wolf… Es ist kuschelig, vorm Fernseher zu sitzen und zu sehen, was alles passieren könnte.

Muss ein „Tatort“ in Berlin brutaler sein als in Konstanz oder Brandenburg, weil Berlin das aggressivere Pflaster ist?

Waschke: Vielleicht ist das ein Klischee. Du kannst unglaublichste, härteste, unfassbare Geschichten gerade in der Provinz erzählen. Und: Man kann auch langweilige Geschichten in Berlin drehen. Die Ordnung gerät in einem Krimi durcheinander, das kann in jedem Landstrich passieren. Das gilt auch für die Einsicht: Obwohl die Fälle am Ende gelöst sind, können die Menschen nicht vom Elend erlöst werden.

Einige Schauspieler sagen, der Kommissar ist keine besonders interessante Rolle, weil es immer auf den Satz hinausläuft: Wo waren Sie am Montag?

Becker: Genau diese Frage macht mir Angst. Darum war es für mich wichtig, dass ich gemeinsam mit dem RBB eine Rolle mit Persönlichkeit entwickelt habe. Menschen kommen irgendwoher und gehen irgendwohin, sie tragen eine Unruhe in sich und vieles, das sie beschäftigt. Diese drängenden Fragen müssen in der Figur erkennbar sein, das Publikum muss so etwas spüren. Wenn es merkt, der Schauspieler liest nur die Sätze ab, wendet es sich ab.

Waschke: In unserem ersten Film kommt die Frage „Wo waren Sie am Montag um halb eins?“ ja gar nicht vor. Drei weitere Folgen sind vertraglich vereinbart, und auch in denen werden wir getrost ohne solche Floskeln auskommen.

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