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Medien Netflix-Hit „Maid“: Margaret Qualley triumphiert in bewegender Armutsserie
Mehr Welt Medien Netflix-Hit „Maid“: Margaret Qualley triumphiert in bewegender Armutsserie
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05:30 13.10.2021
Diese beiden werden Ihr Herz erobern: Margaret Qualley als Alex und Rylea Nevaeh Whittet als ihr Töchterchen Maddy.
Diese beiden werden Ihr Herz erobern: Margaret Qualley als Alex und Rylea Nevaeh Whittet als ihr Töchterchen Maddy. Quelle: RICARDO HUBBS/NETFLIX
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Ganz leise muss es gehen, der Mann an Alex‘ Seite darf jetzt um Gottes Willen nicht erwachen. Sie erhebt sich aus dem Bett, sie schlüpft in ihre Sneaker, ihre ganze Körperspannung verrät, dass hier eine Flucht vor sich geht. Sie holt Maddy, ihre Zweijährige aus dem Bettchen und betet, dass die Kleine jetzt nicht aufwacht, gar quengelt, damit der Mann, Sean heißt er, bloß nichts mitbekommt. Draußen steht das Auto, Alex verstaut Maddy erst noch ordentlich im Kindersitz und inzwischen hat die Spannung auf den Zuschauer übergegriffen. Was das Anschnallen Zeit frisst!

Plötzlich steht der Mann im Licht der Scheinwerfer

Auf keinen Fall darf der Mann die junge Frau erwischen, denn sonst wird etwas Schlimmes passieren. Sie dreht den Zündschlüssel, die Scheinwerfer des Autos springen in die Dunkelheit und greifen … den Mann. Da steht er, in der Nacht, im Licht vor dem Trailer. Er ruft jetzt nach Alex, er hastet aufs Auto zu, klopft an die Fenster, er ist fassungslos. „Drück aufs Gas, Alex!“, denkt man. Und: Ja – sie fährt davon, geschafft! Obwohl: Da dies die ersten fünf Minuten der Netflix-Serie „Maid“ waren, wird es mit dem neuen Leben wohl nicht so einfach werden. Albtraumhaft beginnen die zehn Stunden von Netflix neuer, bester Überlebensserie (auch wenn bezüglich Überleben alle derzeit nur über „Squid Game“ zu reden scheinen).

Margaret Qualley ist Alex. Sie ist die Tochter von Hollywoodstar Andie MacDowell („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“), wie man unschwer erkennen kann. Seit einigen Jahren fasziniert dieses unschuldig-sinnliche Gesicht Serien- wie Filmfans. Qualley war der traumatisierte Teenie Jill in der (unbedingt anschauen!) Mysteryserie „The Leftovers“ (2014–2017). Sie war als Ausreißerin Amelia Ziel der Detektive Ryan Gosling und Russell Crowe im Noir-Stück „The Nice Guys“ (2016). Und ihr Auftritt als Charles-Manson-Psychomädchen Pussycat an Brad Pitts Seite in Quentin Tarantinos „Once upon a Time … in Hollywood“ (2019) gehört zu den Szenen der Kategorie „unvergesslich“. Qualley – das ist natürliche Schönheit … und dahinter: der Abgrund.

Auch in „Maid“ liefert Qualley düstere Momente – ihre Alex ist aber ein aufrechter Charakter

In „Maid“ liefert Qualley auch düstere Momente, etwa, wenn eine schockhaft aufplatzende Kindheitserinnerung Alex minutenlang erstarren lässt. So, wenn Alex erkennt, dass ihre eigene Mutter, eine hippieske Künstlerin, damals nicht aus reiner Abenteuerlust das biedere Familienleben aufgab und nach Alaska reiste, sondern, dass ihr geschätzter Vater Hank (Billy Burke) in Wahrheit ein gemeiner Frauenschläger war. Es ist fast, als wiederholten sich die Schicksale. Wobei Alex immer ehrlich zu anderen und zu sich selbst bleibt – selbst dann, wenn ihr eine kleine Lüge das Leben erleichtern würde.

Denn Sean, vor dem sie in den thrillerhaften Anfangsminuten der ersten Episode weglief, hatte sie bisher nie verprügelt. Aber in Suff und Wut hatte er am Abend vor ihrer Flucht neben ihrem Kopf ein Loch in die Trailerwand geboxt. Ein Anfang war gemacht. Und er hatte sie damals „bitch“ genannt, als sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte und sie Maddy nicht abtreiben wollte. „Seitdem“, gesteht Alex der Leiterin des Frauenhauses, „habe ich Angst vor ihm.“

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Mit „Maid“ wird die 26-jährige Qualley zweifelsohne zur „leading actress“ werden. Diesmal ist es Standhaftigkeit, mit der Qualleys Charakter beeindruckt. Widerfährt ihr eine neue Ungerechtigkeit, hat sie nur ein ungläubiges Lächeln parat, allenfalls füllen sich ihre Augen mit Tränen. Aber nie rastet sie aus, betäubt sie sich mit Alkohol oder Drogen oder verwandelt sich die ihr angetane Schmach in Gewalt gegen andere.

Runde um Runde kämpft die Heldin gegen den Untergang

Mit dem Herz einer Boxerin geht Alex stattdessen unbeugsam Runde um Runde in den Ring gegen den Untergang. Erfolgsfrauen und Gattinnen von Erfolgsmännern, denen sie die Fenster ihrer Luxusvillen putzt, die Herde schrubbt und die Kloschüsseln wischt, erträgt sie geduldig in deren Lamento und Schwulst. Zumal die Chefin ihres Reinigungsunternehmens, Yolanda (Tracy Vilar), stets bereit ist, ihre Hausmädchen, ihre „Maids“, zu feuern. Und Alex braucht den Job, damit niemand, weder Sean noch die Behörden, ihr Maddy wegnehmen können. Das ist die Gefahr, die stets droht.

Und auf niemanden kann sie bauen: nicht auf Danielle (Aimee Carrero), die ihr im Frauenhaus zuerst Selbstvertrauen gibt und dann klammheimlich zu ihrem gewalttätigen Liebhaber zurückkehrt. Nicht auf Sean (Nick Robinson), der nach trotzigen Versuchen, das alleinige Sorgerecht zu bekommen, für eine zweite Chance mit seiner Familie sogar dem Alkohol entsagt. Auch nicht auf ihren alten Bekannten, den Architekten Nate (Raymond Ablack), der ihr das Auto seiner Mutter schenkt, aber einmal zu oft für sie da ist, um nicht ihr nächster „Freund“ werden zu wollen.

„Vier Hochzeiten“-Star Andie MacDowell spielt eine großmäulige, lächerliche Alte

Und schon gar nicht auf ihre Mutter, die bipolare Paula, einen menschlichen Flummy zwischen Selbstüberschätzung und Wahnwitz, die sich trotz aller Erfahrungen und der von ihr gesungenen Freiheitsoden zu guter Letzt auf Männer verlassen möchte und wochenlang verschwindet, von Alex gar für tot gehalten wird, nur um in der kalifornischen Wüste den nächsten Nichtsnutz zu heiraten. Paulas Hinweise auf die Glorie des Penis sind das Letzte, was Alex in ihrer Situation gebrauchen kann.

Es ist Qualleys leibliche Mutter Andie MacDowell, die hier die personifizierte Unvernunft spielt, die großmäulige, lächerliche Alte, die schließlich vom Schicksal hart getroffen wird. Absolut sehenswert!

Niemand im gut situierten Amerika will sich Armut in die vier Wände holen

Das amerikanische Abwärts: Ohne Job ist das Sorgerecht in Gefahr. Ohne dass Maddy tagsüber in einem Hort untergebracht ist, kann Alex keine Arbeit antreten. Und ohne festen Wohnsitz auf Fisher‘s Island bekommt Alex für Maddy keinen Platz im Kindergarten. Die Mietersatzscheine, die ihr das Sozialamt ausstellt, werden wiederum von fast allen Vermieterinnen und Vermietern abgelehnt – denn sie sind Apostrophe der Armut, und Armut (samt ihrer vermuteten unangenehmen Begleiterscheinungen) will man sich nicht in die eigenen vier Wände holen. Wer aus dem System gefallen ist, der kommt nicht mehr rein. Dabei trägt Alex noch nicht einmal die sichtbaren Scharten eines Lebens am unteren Gesellschaftsrand, mit denen beispielsweise die von Amy Adams gespielte unzuverlässige, süchtige Bev in Ron Howards „Hillbilly Elegie“ gezeichnet war.

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Wie jene Geschichte gründet auch „Maid“ auf wahren Begebenheiten. In dem bislang noch nicht ins Deutsche übersetzten „New York Times“-Bestseller „Maid: Hard Work, Low Pay and a Mother‘s Will to Survive“ erzählte die Schriftstellerin Stephanie Land 2019 von ihren eigenen Jahren unterhalb der Armutsgrenze, vom Horror der Billigjobs, der Lebensmittelmarken, der Unsichtbarkeit für all jene, die noch geordnet leben. Das Schreiben hatte Land schließlich die Rückkehr in „normale Verhältnisse“ ermöglicht. Auch „Maid“-Heldin Alex sieht man immer wieder schreiben. Sie hatte mal ein Universitätsstipendium, das sie für Sean und Maddy aufgab. Könnte also ein Happy End geben am Ende der letzten Episode. Nichts würden wir uns mehr wünschen für unsere tapfere Alex.

Qualley spielt das Armutsdrama ohne Sozialkitsch

Denn wie sie mit der schlafenden Maddy und ihrem uralten Staubsauger an ihrer Seite im Wartesaal einer Fähre übernachtet, die sie nicht nehmen kann, weil sie keinen Cent mehr hat für eine Fahrkarte, rührt sie einen zutiefst an. Auch wenn sie nur Pancakes auf den Tisch bringt, aber Maddy (ein reizenderes kleines Kind als Rylea Nevaeh Whittet war schon lange nicht mehr auf dem Bildschirm zu sehen) unsichtbaren Fantasiesirup darübergießt, sind wir bezaubert. Drei Herz-Emojis dafür! Erst recht dafür, dass sie – allein durch Zuhören – der reichen Regina (Anika Noni Rose) zeigt, dass ganz unten, wo niemand hinblickt, wunderbare Menschen leben. Kaum zu glauben, aber so wie Qualley das spielt, ist kaum ein Hauch Sozialkitsch dran.

Freilich war auch Amy Adams‘ komplett kaputte, hässliche, gehässige, ja, gelegentlich sogar hundsgemeine Bev in „Hillbilly Elegie“ einst die Zweitbeste ihres Schuljahrgangs gewesen. Eine Frau mit Chancen, zerstört von „den Umständen“. Hatten wir ihr eigentlich auch alles Gute gewünscht?

„Maid“, zehn Episoden, von Molly Smith Metzler, mit Margaret Qualley, Nick Robinson, Andie MacDowell, Anika Noni Rose, Rylea Nevaeh Whittet (streambar bei Netflix)

Von Matthias Halbig/RND

Der Artikel "Netflix-Hit „Maid“: Margaret Qualley triumphiert in bewegender Armutsserie" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.