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Medien Nerds gegen Google – der deutsche Vierteiler „The Billion Dollar Code“ bei Netflix
Mehr Welt Medien Nerds gegen Google – der deutsche Vierteiler „The Billion Dollar Code“ bei Netflix
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08:01 07.10.2021
Die Welt im Blick: Carsten (Leonard Scheicher, l.) und Juri (Marius Ahrendt) erfinden den Vorläufer von Google Earth. Szene aus Netflix‘ „Billion Dollar Code“.
Die Welt im Blick: Carsten (Leonard Scheicher, l.) und Juri (Marius Ahrendt) erfinden den Vorläufer von Google Earth. Szene aus Netflix‘ „Billion Dollar Code“. Quelle: Netflix
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Die Gegenwart des digitalen Zeitalters, machen wir uns nichts vor, findet seit Langem schon in den USA statt. Seine Vergangenheit aber ist durchaus Made in Germany. Vor 300 Jahren etwa ersann Gottfried Wilhelm Leibniz jenes binäre System, auf dem später Konrad Zuses Prototyp des programmierbaren Computers basierte, der dank Eberhard Spenkes hochreinem Silizium auf Platinen, Halbleitern, Smartcards hiesiger Herkunft deutsche Erfindungen von SMS über SIM bis mp3 ermöglicht haben. Ach ja, und dann wäre da noch Terra Vision. Terra was?

So heißt ein Programm, mit dem man sich an jeden Punkt der Erde zoomen kann. Erfunden 1993 in Berlin, ähnelt es nicht zufällig Google Earth: Im Netflix-Vierteiler „The Billion Dollar Code“ verklagt Carsten Müller den Internetriesen 24 Jahre später fürs Kopieren einer Idee, die ihm Juri Müller einst codiert hatte. Und während sich der gereifte Kunststudent (Mark Waschke) mit dem früheren Hacker (Mišel Maticevic) nebst ihrer Anwältin (Lavinia Wilson) auf den Prozess vorbereitet, blickt Regisseur Robert Thalheim zurück auf ein Land unbegrenzter Möglichkeiten.

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Östlich der gefallenen Mauer herrscht seinerzeit kreative Anarchie. Carsten (Leonard Scheicher) experimentiert mit Videoinstallationen, Juri (Marius Ahrendt) hockt im Keller des Chaos Computer Clubs, gemeinsam gründen sie nach ihrer Begegnung auf einer wilden Kellerparty das – fortbestehende – Start-up Art+Com und gewinnen dafür die deutsche Telekom als Investorin. Eine Kooperation, die sich schnell als Fluch und Segen erweist. Denn die jung vergreiste Post-Tochter gibt den Visionären gerade mal ein Jahr, um Terra Vision zur wichtigen IT-Konferenz in Kyoto zu bringen.

Kaum Zeit also für ein halbes Dutzend unsortierter Nerds, die den Schwaben im Team zum Buchhalter machen, aber trotzdem mehr Spesen als Kasse. Genügend Zeit aber, um die biederen Telekom-Manager (grandios: Bernhard Schütz) auf halbem Weg hinters Licht zu führen. So fliegen sie trotz weit entfernter Marktreife von Japan über Kalifornien auf den Olymp globaler Anerkennung – bis ihnen in der digitalen Wüste Berlin erst die Investoren, dann das Geld, zuletzt alle Lichter ausgehen.

Konsequenz: Rund zehn Jahre später geht Terra Vision als Google Earth online, ohne dass Art+Com einen Euro sieht. Abermals zehn Jahre danach klagen die Opfer im Gerichtsdrama, das sich mit Rückblenden ins analoge Berlin der Loveparades und Faxgeräte abwechselt, auf Schadensersatz.

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Showrunner Oliver Ziegenbalg hat also recht, dass sein fünfstündiger Vierteiler „nicht nur etwas über die Erfinder und ihren unglaublichen Kampf für Gerechtigkeit erzählt“. Mehr noch beschreibt er das gesamte Internetzeitalter „von den naiven Anfängen bis zu dem, was heute daraus geworden ist“. Und abgesehen von zuweilen didaktischer Phrasendrescherei à la „Daten sind die Pershings der Zukunft“, abgesehen auch vom gewohnt klischeehaften Nachbau zeitgenössischer Nerds der frühen Neunziger, abgesehen also von den gewohnten Kostümierungsärgernissen deutschen Historytainments, tut er das sehr originell – auch, weil sich der Co-Autor eines kleinen Tricks bedient. Robert Thalheim verdichtet die real existierenden Multimediavisionäre Gerd Grüneis und Joachim Sauter zum fiktiven Carsten Schlüter, dem die echten CCC-Hacker Pavel Mayer und Axel Schmidt in Gestalt der Fantasiefigur Juri Müller das zugehörige Programm codieren.

Zu zweit also rast das Quartett durch die entfesselte Welt digitaler Chancen und – dafür reicht ein wenig oberflächliche Internetrecherche – scheitert darin krachend, aber mit Enthusiasmus, Spielfreude, Kreativität. Drei Kernelemente guter Serienunterhaltung, die auch „The Billion Dollar Code“ sehenswert machen.

„The Billion Dollar Code“, vier Episoden, von Oliver Ziegenbalg, Regie: Robert Thalheim, mit Mišel Maticevic, Mark Waschke, Leonard Scheicher, Marius Arendt (ab 7. Oktober bei Netflix)

Von Jan Freitag/RND

Der Artikel "Nerds gegen Google – der deutsche Vierteiler „The Billion Dollar Code“ bei Netflix" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.