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Medien NDR zeigt unbekannten Heinz-Erhard-Film
Mehr Welt Medien NDR zeigt unbekannten Heinz-Erhard-Film
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00:16 08.01.2015
Von Imre Grimm
„Sie kommen wegen eines Kredits?“ – „Nee, Bargeld wäre mir lieber“: Heinz Erhardt (mit Fliege) im neu entdeckten Kurzfilm „Geld sofort“, am Dienstag um 22 Uhr im NDR Fernsehen.
„Sie kommen wegen eines Kredits?“ – „Nee, Bargeld wäre mir lieber“: Heinz Erhardt (mit Fliege) im neu entdeckten Kurzfilm „Geld sofort“, am Dienstag um 22 Uhr im NDR Fernsehen. Quelle: NDR
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Hamburg

Der Mann gilt als Kugelblitz des Wirtschaftswunders, als drolliger Wortkünstler („Noch’n Gedicht“) und genial-verschrobener Biedermann aus einer Zeit, in der man in der Straßenbahn noch Hut trug und im Auto Handschuhe. Wenn Ludwig Erhard die Deutschen satt und selbstzufrieden machte, dann war es Heinz Erhardt, der ihnen das Neuspießertum und die frikadellengenährte Dünkelhaftigkeit gleich wieder austrieb. Im Grunde wollte Erhardt - wie alle großen Komiker - ja immer mehr sein als der Gute-Laune-Onkel, der pausenlos funkensprühende Tanzbär mit seinen „Blähboy“-Kalauern.

Als durchaus melancholischen Poeten sah sich der am 20. Februar 1909 in Riga geborene Erhardt selbst, als Seelenverwandter von Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern. Leben, Tod, Vergänglichkeit - das waren seine Themen jenseits des gehobenen Blödsinns mit Herz, mit dem er in den 50er- und 60er-Jahre zum Schlagerstar („Immer wenn ich traurig bin“, „Zur Liebe ist es nie zu spät“), zum König der Kinoklamotte („Immer die Radfahrer“, „Was ist denn bloß mit Willi los?“) und zum sensationell erfolgreichen Bühnenkünstler wurde. Humor war für Erhardt - den zweitwichtigsten deutschen Komiker nach Loriot - das trojanische Pferd, in dem er geschickt all das verbarg, was zum Menschsein gehört: „Gestern war ich noch so fröhlich, / Heute hat es sich gegeben. / Gestern schlug ich Purzelbäume, / Heute will ich nicht mehr leben“, schrieb er im Gedicht „Depressionen“. In seinem Nachlass fand man Dutzende sehr ernst gemeinte Klavierpräludien.

Der Film galt nicht als vermisst

Um so bemerkenswerter ist da der 37-minütige, bisher völlig unbekannte Erhardt-Kurzfilm „Geld sofort! - Eine kleine Geschichte aus einer großen Stadt“, den der NDR am Dienstag um 22 Uhr zeigt, eingebettet in einen gan­zen Heinz-Erhardt-Abend. Geradezu gesellschaftskritisch und thematisch frisch wirkt das kleine Schwarz-Weiß-Ereignis unter der Regie von Johann Alexander Hübler-Kahla - und gleichzeitig hochkomisch.

Der Film galt noch nicht einmal als vermisst - er tauchte schlicht in keinem Werkverzeichnis auf. Auch Erhardts Nachlassverwalterin, seine Enkeltochter Nicola Tyszkiewicz (55), kannte ihn nicht. „Niemand wusste etwas“, sagt sie. „Das glaubt man eigentlich gar nicht.“ In den Archiven der ARD, beim ORF, im Deutschen Rundfunkarchiv, beim Deutschen Filminstitut und in der Deutschen Kinemathek wird „Geld sofort“ nicht erwähnt. Entdeckt wurde er vom Erhardt-Experten Helmut Werner in einem Nachlass.

Erhardt spielt in dem Film, der möglicherweise Anfang der 60er-Jahre entstand, den leutselig-paddeligen Vogelsand-Vertreter und Bräutigam in spe Zatke, der 800 Mark für einen Fernseher und einen Kühlschrank braucht, um seine Braut „Putzi“ zu beeindrucken („Sie heißt Hildegard, aber ich nenne sie Putzi. Sie sieht mehr nach Putzi aus“). Dabei gerät er in die Fänge des betrügerischen Finanzhais Direktor Ehrlich, gespielt von Oskar Sima („Sie kommen wegen eines Kredits?“ - „Nee, Bargeld wäre mir lieber.“).

Erhardt nimmt in dem kleinen Werk mit Nickelbrille und nöligem Lausbubencharme schon seine spätere Paraderolle als braver, von den Umständen moralisch herausgeforderte Kleinsparer vorweg, der dann eines Tages Willi Winzig heißen wird. Wohlstand auf Pump, gewiefte Betrüger, Mithaltenwollen, Konsum - alles schon drin in diesem liebenswert antiquarischen Kammerspiel. Künstlerisch ist das kein Ereignis, filmhistorisch und sprachlich dagegen schon. Das Drehbuch ist voll vom erhardtschen Sprachschalk („Verheiratet?“ - „Demnächst.“ - „Gratuliere.“ - „Gleichfalls.“). Dazwischen gibt‘s drollige Querflötenjingles und Bilder vom Sendlinger Tor in München. Eine kleine Filmsensation. Oder wie Erhardt sagen würde: Noch‘n Film.

Wie der Film entdeckt wurde

Die Entdeckungsgeschichte des Films „Geld sofort“ ist abenteuerlich: Aufgetaucht sind die beiden 16-Millimeter-Filmrollen – verpackt in flachen Pappschachteln mit den handschriftlichen Etiketten „1. Akt ,Geld sofort‘“ und „2. Akt ,Geld sofort‘“ – in der Sammlung eines anonymen 90-jährigen Wiener Filmenthusiasten. Der musste seine Schätze abgeben, weil er ins Altenheim ging. Auf das Material wurde über mehrere Ecken der leidenschaftliche österreichische Erhardt-Sammler Helmut Werner (29) aufmerksam – ein Wiener Eventmanager, der einst Nadja „Naddel“ abd el Farrag managte, mit der Tochter von Baulöwe Richard „Mörtel“ Lugner liiert ist und 2011 den Besuch von Silvio Berlusconis Nachtclubtänzerin Karima el-Mahroug alias Ruby Rubacuori in Lugners Opernball-Loge organisiert hat. Er brachte den NDR ins Spiel, der den Film am Dienstag um ­
22 Uhr zeigt.

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