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Medien NDR startet ab Juni tägliche TV Nachrichtensendung aus Hannover
Mehr Welt Medien NDR startet ab Juni tägliche TV Nachrichtensendung aus Hannover
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10:36 25.02.2011
Von Imre Grimm
Anders als „Hallo Niedersachsen“ oder „Niedersachsen 18.00“ wird „NDR aktuell“ kein „weiches“ Magazin.
Anders als „Hallo Niedersachsen“ oder „Niedersachsen 18.00“ wird „NDR aktuell“ kein „weiches“ Magazin. Quelle: ARD
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Das ist natürlich immer schwierig für einen Regionalsender in einem Flächenland wie Niedersachsen: dass sich die Menschen im Harz einfach nicht für die Umgehungsstraße in Emden interessieren. Seit Jahrzehnten sucht der NDR nach dem Wirgefühl in diesem abstrakten Gebilde namens „Der Norden“, nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Ems und Elbe. Nun will der Sender die regionale Identität mit einer werktäglichen TV-Nachrichtensendung stärken: Die neue „Tagesschau für Norddeutschland“ trägt den Titel „NDR aktuell“. Start ist am 6. Juni. Produziert wird die Sendung montags bis freitags im Landesfunkhaus in Hannover.

Mancher gestandene Nachrichtenmann in Hamburg war knörig, dass die neue Sendung redaktionell nicht an die „ARD aktuell“-Mannschaft angebunden ist, die an der Elbe „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ produziert. NDR-Intendant Lutz Marmor aber, der sich als Chef einer Vierländeranstalt alle naselang – und nicht immer zu Unrecht – aus Kiel, Hannover und Schwerin Hamburgzentrismus vorwerfen lassen muss, sieht in der Standortentscheidung ein Bekenntnis zu Hannover. 54 Prozent der NDR-Gebührenzahler wohnten schließlich in Niedersachsen, sagt Marmor. „Niedersachsen ist mit Abstand unser größtes Bundesland.“

Anders als „Hallo Niedersachsen“ oder „Niedersachsen 18.00“ wird „NDR aktuell“ kein „weiches“ Magazin mit Berichten über das Kuh-Roulette in Verden oder den 75-jährigen Marathonläufer, sondern eine reine, klassische Nachrichtensendung. Mittendrin gibt’s 90 Sekunden zum Weltgeschehen – ansonsten aber liegt der Fokus klar in der Region. Marmor will damit die „politische Relevanz“ des NDR-Programms stärken, das sich unter seiner Ägide – anders als etwa der MDR oder der SWR – gegen allzu heftige Boulevardisierungstendenzen zu wehren versucht.

„Inhalt“, „Relevanz“ – das sind so die Stichworte, mit denen Marmor zur Mitte seiner sechsjährigen Amtszeit als NDR-Intendant seine Ziele für Halbzeit zwei beschreibt. „Wir wollen nicht auf den Boulevard – sondern noch stärker hin zu politisch unabhängiger, relevanter Berichterstattung“, sagt er. Also kein Wohlfühlprogramm mit Teebaumölberatung, Schlagerparade und Bastelstunde à la MDR, sondern zurück zum journalistischen Selbstverständnis als vierte Macht im Staate, als strenger Richter des öffentlichen Lebens. Dass die Relevanzstrategie Zuschauer kosten kann, ist dem parteilosen 56-Jährigen sonnenklar. „Hier geht es uns bewusst nicht um Quotenoptimierung“, sagt Marmor. „Wenn uns das am Ende übers Jahr 0,2 Prozent Marktanteil kostet, dann ist es uns das wert.“

Vier neue Stellen richtet der NDR dafür im Landesfunkhaus am Maschsee in Hannover ein, die übrige Arbeit will man mit „vorhandenen Kapazitäten“ stemmen. Redaktionsleiter wird Björn Wilhelm (39), früherer SAT.1-Mann, danach verantwortlich für „Expo TV“ während der Weltausstellung in Hannover, seit 2002 beim NDR. Wilhelm ist nicht nur als Journalist, sondern auch als TV-Regisseur tätig. Er war zuletzt etwa für die Bilder von der Trauerfeier für Robert Enke in der AWD-Arena (2009) und vom Empfang für Lena am hannoverschen Rathaus nach ihrem Sieg in Oslo verantwortlich. Wer die Sendung moderieren wird, steht erst Mitte März fest. Sicher ist schon jetzt: Ein Mann und eine Frau werden im Wechsel durch die 15 Minuten führen. „NDR aktuell“ soll montags bis freitags um 21.45 Uhr laufen. Ein mutiger, wenn nicht sogar leichtsinniger Sendeplatz für eine Nachrichtensendung, denn parallel läuft das ZDF-„heute-journal“.

„Man darf bei aller Bedeutung des Regionalen nicht provinziell werden“, hat Marmor vor drei Jahren gesagt, bei seinem Amtsantritt. Der Spagat fällt ihm heute leichter. Zu Dienstbeginn hing in seinem Büro an der Rothenbaumchaussee ein Leuchtbild an der Wand – mit der Aufschrift: „Do you really think you have choices?“ Es schien damals ein passendes Motto für einen neuen Intendanten. Glaubst du wirklich, du hast die Wahl? Mitarbeiter, Aufsichtsgremien, Staatskanzleien – alle wollen etwas, und du sitzt zwischen allen Stühlen. Die Leuchtschrift hat er abhängen lassen. Innerhalb der ARD gilt er inzwischen als kämpferischer Verhandler. Sein Amtsvorgänger Jobst Plog habe den NDR „politisch unabhängig gekämpft“, sagt er. Das werde so bleiben.