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Medien Moderatoren bei der WM: Profis ohne Profil
Mehr Welt Medien Moderatoren bei der WM: Profis ohne Profil
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11:54 12.06.2010
Von Christian Purbs
Der frühere Nationalkeeper Oliver Kahn ist für das ZDF zusammen mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein am Ball. Quelle: dpa
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Darf man das wirklich schreiben, darf man sich wirklich Heribert Faßbender als Reporter bei der WM zurückwünschen? Sportlich betrachtet wäre das ein Verbrechen am öffentlich-rechtlichen Gebührenzahler, kein anderer Reporter hat die Fußballfans mit seinen unsachlichen und gerne auch chauvinistischen Kommentaren so genervt wie der frühere Sportchef des WDR. Und dennoch: Faßbender war einer, über den man sich aufregen konnte. Immerhin. Er hatte Profil. Und genau daran fehlt es bei den meisten Reportern, die ARD und ZDF nach Südafrika geschickt haben.

Die ARD machte am Freitag beim Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko mit Gerd Gottlob den Anfang. Alles prima, kaum Patzer, aber halt auch etwas langweilig. Das gilt auch für Tom Bartels, der bei der Europameisterschaft 2008 das Finale kommentiert hat und damit per se für die Übertragung von deutschen Spielen ausscheidet. Der Journalist aus Celle überzeugt allerdings mit seiner sachlichen Art, ist kompetent, nur leider ein Stück weit zu leidenschaftslos. Der dritte ARD-Mann ist Steffen Simon, der nicht nur als Sportchef beim WDR die Nachfolge von Faßbender übernommen hat. Bei Simons Reportagen greifen viele Fußballfans automatisch zum Lautstärkeregler der Fernbedienung, es wird gemunkelt, dass er seine Einsätze vor dem Mikrofon nur dem Umstand verdankt, dass er als Chef den Dienstplan selbst macht.

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Mehr Freude machen da die Auftritte von Günter Netzer. Noch einmal wird der ehemalige Nationalspieler zusammen mit Gerhard Delling analysieren und kommentieren, dann verabschiedet sich Netzer als ARD-Experte. „Ich kann mich selbst im Fernsehen nicht mehr anschauen“, sagt Netzer. Sein Kult-Seitenscheitel und seine punktgenauen Analysen werden uns fehlen. Das zweite Doppel bilden Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl. Der ehemalige Bayern-Profi riskiert auch als Experte vor dem Mikrofon gerne mal eine kesse Lippe und bildet einen wohltuenden Kontrast zum oftmals drögen Beckmann.

Weiteres Plus für Scholl: Er ist Fachmann, aber kein Torwart. Denn davon gibt es im WM-Expertenteam ohnehin genug. Der frühere Nationalkeeper Oliver Kahn ist für das ZDF zusammen mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein am Ball, Kahns ewiger Rivale Jens Lehmann gibt sein Debüt als TV-Fachmann beim Bezahlsender Sky. Während Kahn oft zu nölig seine Meinung verbreitet, ist bei Lehmann zu befürchten, dass er seine Selbstverliebtheit auch am Mikrofon auslebt.

Geschmacksache sind sicherlich auch die Kommentare von Belà Réthy („Das da vorn, was aussieht wie eine Klobürste, ist Valderrama“). Doch gilt der ZDF-Mann, der auch das Finale kommentieren wird, als objektiver Beobachter und kritischer Analyst. Neben Réthy schickt das ZDF noch Oliver Schmidt, Thomas Wark und Wolf-Dieter Poschmann als Kommentatoren ins Rennen. Poschmann ist nur schwer zu ertragen, da er ein Fußballspiel wie einen 100-Meter-Lauf kommentiert. Auch hier hilft nur der Griff zur Fernbedienung. Ein Wiedersehen gibt es mit Jürgen Klinsmann. Der ehemalige DFB-Teamchef kann als Experte bei RTL sein Trauma vom WM-Aus 2006 aufarbeiten.

Und Franz Beckenbauer ist natürlich auch noch da.