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Medien Mit Schonkost durchs neue Fernsehjahr
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14:34 05.01.2010
Vom Bundesvision zum Eurovision Song Contest: Moderator Stefan Raab. Quelle: Martin Steiner (Archiv)
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Manchmal muss ein Ausblick mit dem beginnen, was der Zukunft fehlt. Im Frühjahr sollten Studenten bei PRO7 um Sexpartner wetteifern. Nach Protesten aus Politik und seitens der Kirchen aber wurde „50 pro Semester“ vom Nachmittag gestrichen, vorläufig – und provoziert weiter: Nun plant der Privatkanal auf dem Sendeplatz die Dokusoap „The Secret“ mit Episodentiteln wie „Endstation Pornostrich“. Empörung ist die Währung solcher Shows, und die ist gewiss, wenn Laiendarsteller die Zielgruppe mit Sex, Armut und Gewalt bespaßen.

Doch weil die öffentlich-rechtlichen Sender immer häufiger längst ums gleiche Kalb tanzen, steht uns in Zeiten sinkender Etats, surfender Jugend und kreativer Engpässe ein weiteres Jahr bevor, in dem viele auf die Quote schielen – ohne allerdings so richtig Lust an neuen Fernsehformaten zu vermitteln. Schließlich haben 26 Vollprogramme 13.665.600 Sendeminuten mit irgendwas zu füllen, das sich substanziell vom Testbild unterscheidet.

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Wenn möglich mit Sport. Bis zu den Winterspielen in Vancouver jubeln die Platzhirsche schon mal Biathlon, Skisprung und Eislauf zu Massenevents hoch. Dann kommt die Fußball-WM in Südafrika: Sechs Wochen Fußball, Fußball, Fußball auf allen Kanälen. RTL zeigt immerhin neun der Livespiele und überträgt zudem neben der Formel 1 jeden Boxkampf, der nicht im Ersten läuft. Sonst gucken die RTL-Verantwortlichen neidisch zur Konkurrenz, vor allem zu den Kollegen von SAT.1, die den europäischen Fußball übertragen. Und ein wenig auch das DSF, wo die Stripshows zur Nacht vor dem Aus stehen.

Selbst im Sportfernsehen also: Sport. Im Grunde gar bei Stefan Raab, der Disziplinen jenseits von Wok-WM und Eisfußball ankündigt, die mit dem neuen Rundfunkstaatsvertrag keine Dauerwerbesendungen mehr wären: Ab April erlaubt der Vertrag Kommerzsendern ganz offiziell Product Placement – zumindest außerhalb von Ratgebershows und Nachrichten. Da wirkt es fast gönnerhaft, dass Raab dem einstigen Grand Prix mit seinem „Bundesvision Song Contest“ aus der Patsche hilft. Es ist die erste Kooperation zwischen Staats- und Kommerzfunk abseits der Kanzlerduelle.

Ob sie den Generationenvertrag rettet? Das Zweite vergrault die Jugend bestenfalls zu ZDFneo, das Erste dank der hauseigenen Produktionsfirma Degeto zu Twitter und Facebook. Da kann ARD-Programmdirektor Volker Herres noch so sehr höhnen, statt sechs Stunden Infos aus Politik, Kultur, Wirtschaft „haben Private nur Rotlicht und Blaulicht“ – das juckt die so wenig wie der neue Chefredakteur Peter Frey, der ab April den ZDF-Zuschauer umgarnen soll.

Die Zielgruppe unter 30 haben ARD und ZDF ohnehin verloren, während der bildungsnahe Mittelbau (wenn überhaupt) arte oder 3sat sieht. Die Masse im Hauptprogramm bekommt vor allem Schonkost – auch 2010. Serien in einer Bildsprache etwa, die Inhalte mit glatten Figuren, mystischen Plots und zackigen Schnitten überlagert. Bei PRO7 tun das ab 2010 die US-Produkte „FlashForward“, „Fringe“, „Vampire Diaries“. Kabel1 ergänzt seine Polizeiperiodika um „Southland“, „Dark Blue“, „Castle“. SAT.1 weitet den „CIS“-Erfolg aus, während RTL erst 2011 Neues importiert, zuvor mit „Countdown“ eigene Krimi-Action aneinanderreiht, ansonsten aber auf den Megatrend setzt: Freaks. Auch 2010 sehen wir den Grotesken, Armen, Hässlichen beim Lächerlichmachen zu. „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) bleibt das Erfolgsrezept von RTL. Und bei „Biggest Loser“, wo Kabel1 nun Paare beim Dicksein fokussiert, geht es um alles, nur nicht ums Abnehmen.

Das ist billiger, als eigene Spielfilme zu drehen. Dennoch bleibt der große Mehrteiler ein Markenzeichen. RTL setzt mit „Die Jagd nach der Goldenen Lanze“ seine Nibelungen fort, im Frühjahr mauert SAT.1 „Die Grenze“ wieder hoch und macht Alexandra Neldel zur „Wanderhure“. PRO7 verulkt zwischen Mystery-Thrillern mit „1001 Nacht“ erneut Märchen. Und alle kaufen Kino: „Keinohrhasen“, „Lissi“, „Rambo“, „Rocky“, „10.000 BC“ und „Spiderman“.

Öffentlich-rechtlich sind Blockbuster dieser Preisklasse schwer zu rechtfertigen. In der werbefreien Zeit gibt es stattdessen „Buddenbrooks“, „Anonyma“, „John Rabe“. Dazu schon im Januar den neuen Wedel („Gier“) und Regeners „Neue Vahr Süd“ im Ersten, beim ZDF Heike Makatsch als Medizinstudentin („Dr. Hope“) und sechs Follett-Verfilmungen (nur „Die Säulen der Erde“ läuft bei SAT.1). Dazu „Tatort“- und „Lindenstraßen“-Jubiläen, Dominik Grafs ersehnter Achtteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ oder die Achtziger-Saga „Weißensee“. Manches gediegen wie die starken, leisen Filme auf arte, das im Februar endlich Fritz Langs „Metropolis“ zeigt. Und einiges wichtiges wie die Schwerpunkte zu Armut, Demografie, Umwelt – Klientelfernsehen, das die Mehrheit wohl irritiert fortzappt.

Immerhin: Dass Günter Netzer die ARD verlässt, macht Hoffnung fürs dritte Quartal. Außerdem freuen wir uns auf mehr Pastewka und Engelke, Hinnerk Schönemann und Hannah Herzsprung, Roland Suso Richter und Aelrun Goette – und 2011 etwas weniger: Sport.

von Jan Freitag

Stefan Stosch 02.01.2010
01.01.2010