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00:20 14.11.2015
Von Imre Grimm
Der „Bambi“ ist Deutschlands ältester Medienpreis. Sein Problem: Das sieht man. Und das fühlt man. Quelle: Britta Pedersen
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Als Patricia Riekel Chefredakteurin der „Bunten“ wurde, gab es noch Tamagotchis, Dr. Alban und Bandsalat. Das war so ungefähr kurz nach dem Krieg. Im selben Jahr starb Diana, und der Kanzler hieß Kohl. Seither sind zwei Dinge praktisch unverändert: die „Bunte“ versteht sich eisern als Zentralorgan der deutschen Schickeria, als hätte es „Gala“, Frauke Ludowig und das Internet nie gegeben.

Und einmal im Jahr zeigt die öffentlich-rechtliche ARD drei Stunden lang eine Werbeveranstaltung des privaten Burda-Verlags, die aussieht wie eine Mischung aus Sepp Blatters 100. Geburtstag und dem Jubiläum eines mittelständischen Getränkelieferanten.

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Der „Bambi“ ist Deutschlands ältester Medienpreis. Sein Problem: Das sieht man. Und das fühlt man. Wie eine angeschickerte Charity-Haubitze, die mit ihren Stilettos in der Hand orientierungslos durch die Reste einer Party huscht, hält der „Bambi“ im deutschen Fernsehen die Stellung. „Wetten, dass ...?“, den „Deutschen Fernsehpreis“ und die „Krone der Volksmusik“ hat‘s bereits zerrissen, die „Goldene Kamera“ der „Hörzu“ hat Springer ohne großes Bedauern an die Funke Mediengruppe abgestoßen. Alle vier: versackt in der Irrelevanz. Die Zeiten, dass die Anwesenheit von US-Stars das deutsche Publikum in Ehrfurchtstarre versetzte, sind vorbei. Es wird Zeit, auch dem waidwunden Reh den Gnadenschuss zu geben. Hier unsere neun "Abers".

Aber der „Bambi“ ist doch wichtig?
War er mal. Als emotionales Stützkorsett in der Pubertät der Republik. Es gab eine Zeit, da dürstete das Land nach Glamour und Glitzer, nach Diven mit Bienenkorbfrisuren und Schnulzensängern mit Samtrevers. Heute singt Yvonne Catterfeld eine schlimme deutsche Version von U2s „Beautiful Day“ („Glamour pur / Tolle Menschen seh ich nur“) wie in einem Kreuzfahrt-Musical von 1984.

Aber es geht doch um den Spaß!
Spaß? Es ist eine deutsche Fernsehgala. Da ist Spaß zweitrangig. Man meint das alles sehr, sehr ernst. Es geht um staatstragendes Pathos, um Krokodilstränen zu Kinderelend, um den wohligen Schauer der eigenen Bedeutung in der Stauhitze unterm Smoking. Und um den dramaturgischen Spagat zwischen Heidi Klum und Lepra in Pakistan. Für Außenstehende ist das alles doch eher zähflüssig.

Aber dann geht es doch wenigstens um die gute Sache, oder?
Nein, tut es nicht. Es geht um Burda. Der „Bambi“ ist vor allem Jahrestreffen der Bussi-Community und Content-Generator für die Münchner Klatschmaschinerie. Die „gute Sache“ ist Mittel zum Zweck. „Schärriti“ ist das notwendige Übel für die eigene Legitimation.

Aber es kommen Hollywoodstars!
Gewiss, lieber ein 60-Sekunden-Routineauftritt von Jennifer Lawrence als drei Stunden Tom Bartels und Katarina Witt. Diesmal sorgt Hilary Swank für etwas gekauften Hollywood-„Glitz“. Das ist sicher nett von ihr. Aber hat die „Magierin der leisen Emotionen“ (Burda-Jury) wirklich genug Strahlkraft, um das bettschwere Stammpublikum aus dem Dämmerschlaf zu reißen? 2012 sahen nur noch 2,6 Millionen Menschen zu, 2014 waren es immerhin 4,46 Millionen.

Aber es haben noch nicht alle deutschen Stars einen Bambi!
Aber die meisten. Mehr als 750 Prominente waren es seit 1948. Heinz Rühmann bekam zwölf, Peter Alexander zehn, Sophia Loren bisher neun Bambis. Til Schweiger bekommt heute seinen fünften. Selbst die Rettungshundestaffel Augsburg e. V. ist versorgt. Gern erinnern wir uns auch an den Wirtschafts-Bambi 2009 für Uli Hoeneß.

Aber wenn sogar Bushido...
Wer? Über den gewalttätigen Ex-Dealer und Schwulenhasser spricht man nicht gern bei Burda. Der Integrations-Bambi für Bushido waren die Hitlertagebücher der „Bunte“. Das war 2011 sogar noch schlimmer als der „Courage“-Bambi 2007 für Tom Cruise. Der hatte sich getraut, in einem 50-Millionen-Euro-Kinofilm den Hitler-Attentäter Stauffenberg im Kino zu spielen. Teufelskerl.

Aber Preise sind doch toll!
Ja. Aber die Kategorien – Himmel. „Stille Helden“, „Unsere Erde“, „Millennium“ (nur echt mit Ovationen im Stehen). Fehlt nur noch die Kategorie „Beste Pressekonferenz 2015“ für Wolfgang Niersbach und „Beste abgebrochene Scheidung“ für das Ehepaar Wulff. Man muss ja schon froh sein, dass Riekel nicht Donald Trump eingeladen hat. Oder den Autobahnhund „Flecki“ von der A 8.

Aber für wen lohnt sich die Sache denn dann überhaupt noch?
Für Burda. Und für Werner Kimmig aus Oberkirch, 16 Kilometer von Burdas Stammsitz in Offenburg entfernt, gelernter Burda-Verlagskaufmann. Kimmigs Firma produziert die Sause seit 23 Jahren. Federführend ist der MDR, der in Unterhaltungsfragen zum Filz neigt. Kimmig war Trauzeuge des geschassten MDR-Unterhaltungschefs Udo Foht – und zahlte diesem einst ein üppiges Beraterhonorar von 10.000 Euro, was auch den Staatsanwalt interessiert hat.

Aber warum macht die ARD da mit?
Im Prinzip, weil das schon immer so war. Und weil es Verträge gibt. Und weil man sich kennt und unterhakt. Gerade verhandeln Burda und der MDR über eine Vertragsverlängerung. Der „Bambi“ lieferte einst günstig Glitzercontent. Und in Traditionsfragen ist die ARD beharrlicher als die CSU.

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