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Medien Mare-Verlag verdient gutes Geld
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19:11 20.05.2011
Von Gunnar Menkens
Alle „Mare“-Themen haben mit dem Meer zu tun, mal direkt, mal etwas entfernter. Quelle: Handout
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Es war ein kleines Kunststück, das der Verleger und Chefredakteur Nikolaus Gelpke sich vorgenommen hatte: Einerseits seine rund 16.000 Abonnenten zu bitten, weitere prächtige Produkte rund um seine ins Meer verliebte Zeitschrift „Mare“ zu kaufen; dieses Schreiben aber gleichzeitig nicht wie einen in größter Not und Eile verfassten Bittbrief wirken zu lassen – so also, als sichte sein Schiff bedrohliche Eisberge.

Gelpke formulierte dann eine Art Appell an seine Stammkunden, die er gerne „Familienmitglieder und Fans“ nennt. Der Appell spielte ein bisschen mit Existenzsorgen. „Die sichere Finanzierung von Mare wird immer schwieriger“, schrieb der Schweizer in einem beigelegten Blatt. Und Gelpke fragte, ob Abonnenten ihren Bezug nicht um Bildband oder Kalender erweitern mögen. Oder die Zeitschrift Freunden empfehlen könnten, alles, „um zum nachhaltigen Fortbestehen von ,Mare‘ beizutragen“. Steckt eine der ambitioniertesten deutschen Kulturzeitschriften, herausgegeben vom kleinen Dreiviertel Verlag, in der Klemme?

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„Mare“ lässt Autoren und Fotografen viel Platz für Reportagen und Bilder, Essays und Porträts. Die Geschichten erzählen oft von Menschen aus entlegenen Erdfleckchen. Manches ist sehr speziell, aber stets abseits von Tagesaktualität. Der Druck ist exzellent, und die Bedingungen für Journalisten sind es auch. Wenn ein Fotograf ein paar Tage länger bleiben muss irgendwo in der Welt, für das eine herausragende Bild, dann bleibt er eben ein wenig länger. In den besten Momenten hört man im Blatt das Meer rauschen.

Ein paar Wochen ist es her, seit Abonnenten Gelpkes Schreiben gelesen haben. Jetzt sitzt der Verleger an einem schwarzen Konferenztisch in einem Büro der Hamburger Speicherstadt. Eine Weltkarte bedeckt eine Hälfte des Raumes. In wenigen Regalen sind Verlagsprodukte untergebracht, Bücher, DVDs und Hefte, deren vergriffene Exemplare hohen Sammlerwert haben. Selbst hier im eigenen Haus sind nicht alle Ausgaben beisammen.

Und wie steht es nun um das Blatt? Ist „Mare“ in Not? Gelpke ist so unaufgeregt wie der Espresso in seiner Tasse. „Nein, im Gegenteil. Das vergangene Jahr war das beste in unserer Geschichte.“ Zahlen dazu gibt es nicht, so halten sie es. Den Brief, der doch auch ein Bittbrief war, habe er seit Langem geplant. Ein nettes Angebot wolle er machen, „verbunden mit der Erinnerung, dass die Leser uns helfen können und nicht glauben, wir würden Millionen scheffeln und auf Ruhekissen liegen“. Dies aber doch: „Mit der Zeitschrift allein hätten wir auf Dauer ein Problem.“

Nikolaus Gelpke, Segler, Meeresbiologe, Taucher, hat „Mare“ vor 14 Jahren gegründet. Den Anstoß und wohl auch eine maßgebliche Summe gab Elisabeth Mann Borgese, energische Streiterin für den Schutz der Meere, Mitbegründerin des Club of Rome und jüngste Tochter des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann. Die Meere sollten eine Lobby bekommen, und die Menschen an ihren Ufern auch.

„Wir haben etwas zu erzählen“, sagt Gelpke, „wir haben die Bilder, und dann nehmen wir uns den Platz.“ So kommt es, dass eine Reportage über sexuellen Missbrauch in Gemeinden an der Beringsee in Alaska 25 Seiten Raum bekommt. Als der renommierte Fotograf Paolo Pellegrin in New York für einen Bildband Motive suchte, blieb er zunächst 70 Tage. Weil er mit den Ergebnissen nicht völlig zufrieden war, durfte er drei Wochen dranhängen. Aber Investitionen in Zeit und Raum wollen finanziert sein, und das Geschäft wird nicht leichter. Der Verlag kämpft mit Anzeigenrückgängen wie nahezu alle Printmedien, obwohl die Leserschaft für hochkarätige Marken eine herausragende Adresse sein müsste. Zwei Drittel haben einen Hochschulabschluss, die Hälfte aller Leserhaushalte kann im Monat mehr als 3500 Euro ausgeben. Es ist eine Bildungselite, die „Mare“ liest. Die verkaufte Auflage liegt bei knapp 26.000 Heften, vor einigen Jahren übertraf man noch deutlich die Marke von 30.000 Exemplaren. Rund 2000 Abonnenten hat „Mare“ in den vergangenen zwei Jahren verloren.

Die dennoch gute Jahresbilanz sei besonders auf Erfolge des Buchverlages zurückzuführen. Belletristik, hochwertig ausgestattet, verkaufe sich sehr gut, sagt Gelpke. Muss im Heft eine Geschichte über Tiefseeforschung illustriert werden, kann man auf eigene Wissenschaftsbücher zurückgreifen. Eine Werbung ganz eigener Art betreibt der NDR mit „Mare TV“: Keine andere Zeitschrift verfügt über eine regelmäßige Sendung in einem öffentlich-rechtlichen Sender. Und: Hochwertige – und teure – Bildbände und Kalender verkauft der Verlag besonders zahlreich an Abonnnenten. Das steigert den Gewinn, weil er die Spanne für den Handel selbst einstreicht.

Vom Juni an wird diese Wertschöpfungskette um ein neues Produkt ergänzt. „Ahoi“ ist ein neues Mare-Heft für Kinder, anspruchsvoll in Text und Gestaltung und mit Themen rund um das Meer. Gelpke hat extra fünf Redakteure eingestellt, der Verlag startet mit einer Auflage von 100.000 Heften. Gelpke glaubt, dass man auch sieben- bis elfjährigen Kindern wichtige Themen und Ästhetik zumuten kann.

Die beste Lösung gegen schmalere Auflagen wäre natürlich, jedes „Mare“-Heft zu einem Verkaufsschlager zu machen. Aber Chefredakteur Gelpke weiß immer noch nicht genau, wie das geht. Die Ausgabe über Robben lief nicht wie erwartet, obwohl ein drollig schauendes Exemplar auf dem Titelbild war. Das Pinguin-Heft dagegen – vergriffen. „Manchmal denke ich, jetzt hab’ ich’s. Beim nächsten Heft geht es dann wieder daneben.“

20.05.2011