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Medien Manuel Möglich: „Es ist schwer, neutral zu bleiben“
Mehr Welt Medien Manuel Möglich: „Es ist schwer, neutral zu bleiben“
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22:35 20.02.2013
Für die Sendung „Wild Germany“ wagt sich Manuel Möglich regelmäßig an den Rand der Gesellschaft, etwa zu Nazis, Pädophilen und Satanisten. Quelle: ZDF
Berlin

Der Mann geht auch dahin, wo’s wehtut. Wo sich diejenigen tummeln, die in der Mitte der Gesellschaft keinen Platz haben. Manuel Möglich betrachtet in seiner Reportagereihe „Wild Germany“ gesellschaftliche Phänomene abseits des Mainstreams. Er besucht Satanisten, Junkies und Nazis. Er lässt sich von Menschen, die sich absichtlich mit HIV infizieren wollen oder die glauben, das Deutsche Reich existiere noch, erzählen, warum sie sind, wie sie sind. Derzeit läuft die vierte Staffel auf ZDFneo. Ein Gespräch über Grenzerfahrungen.

Wie ist das Format „Wild Germany“ überhaupt entstanden?

Die Ursprungsidee kam vom Chefredakteur des Magazins „Vice“ – ein andersartiges Reiseformat über Deutschland. Wir waren an Dingen interessiert, die in den Massenmedien nicht auftauchen, sondern am Rande der Gesellschaft passieren. So hat sich das ergeben. Meistens hatten wir großes Glück, dass wir Leute fanden, die bereit waren, uns ihre Welt zu zeigen. Ich bin teilweise beeindruckt, dass Leute so offen erzählen und uns Vertrauen entgegenbringen.

Die Porträtierten entsprechen oft nicht dem Mainstream. Wie schwierig ist es, mit den Menschen auf Augenhöhe umzugehen, sich auch nicht zu erheben?

Es wäre nichts leichter, als sich bei manchen Themen über die Leute zu erheben und mit dem Finger darauf zu zeigen. Das ist aber wirklich das Letzte, was wir wollen. Das begreifen die Leute zum Glück. Bei den Ultras war es zum Beispiel so, dass wir mehr oder weniger jede Ultragruppe des Landes angeschrieben haben – und von 90 Prozent nicht einmal eine Antwort bekommen. Dann kam Fortuna Düsseldorf. Ich bin im Vorfeld zwei- oder dreimal ohne Kamera nach Düsseldorf gefahren und habe mit den Leuten rumgehangen und Bier getrunken, bis der Punkt erreicht war, dass sie das, was wir planten, in Ordnung fanden, weil wir das eben nicht reißerisch machen wollten.

Wie kommt man denn als Reporter an Satanisten, an Pädophile, an Menschen, die sich absichtlich mit HIV anstecken wollen, „Bug-Chaser“ genannt?

Manchmal redet man mit Psychologen, die unser Format so überzeugend finden, dass sie vorsichtig bei Patienten anfragen, ob sie bereit wären mitzumachen. Oder wir starten ganz naiv in einschlägigen Blogs einen Aufruf. Bei den „Bug-Chasern“ hatte die Redaktion von „Vice“ einen Beitrag geplant, kam aber nicht weiter. Wir haben den Kontakt genutzt.

In der aktuellen Staffel läuft eine Folge über Pädophile. Ein Mann spricht darüber, dass er glaubt, dass manche Jungen das wollten und dass es keinen Unterschied mache, ob Eltern andere Kinder streicheln. Wie war das für Sie?

Das war die krasseste Begegnung. Trotz allem, was ich vorher in der Sendung schon erlebt habe, war das für mich als Privatperson Manuel Möglich das Schlimmste, was der mir überhaupt erzählen könnte. Bei dem Thema hat man eine natürliche Anti-Haltung. Da ist es schwer, neutral zu bleiben. Das ist mir auch nicht ganz gelungen, aber ich finde es okay, als Journalist auch eine Haltung zu haben. Das war das schwierigste und unangenehmste Interview der ganzen Reihe.

Haben Sie vorher mal Ihre Grenze erreicht?

In der Crystal-Meth-Folge sagte ein Kameramann, dass ihm das jetzt gerade zu viel sei. Bei mir war das noch nicht so, aber da hat jeder ein anderes Angstempfinden, das ist in Ordnung. Beim „Bug-Chasing“ nachts in den Darkroom zu gehen, das war komisch. Ich gebe ehrlich zu, dass ich dachte: Ich gehe da rein, mache die Tür zu und komme wieder raus. Die Tür war bloß nicht mehr zu öffnen – man musste eine Runde drehen. Seitdem dachte ich: Alles, was wir machen, passiert wirklich. Wir faken nichts, was sonst heute im Fernsehen gern gemacht wird. Wenn jemand den Mut hat, mir etwas zu erzählen oder zu zeigen, muss ich auch die Eier haben mitzugehen.

Beschweren sich Menschen nach der Ausstrahlung, weil sie vielleicht die Auswirkungen von Interviews zu manchen Themen nicht überschauen?

Eigentlich nicht. Bei der Folge über die Deutsche Reichsregierung und Menschen, die glauben, das Deutsche Reich habe nie aufgehört zu existieren, haben sich später einige Herren bei uns gemeldet. Die waren aber sowieso grundmisstrauisch, weil wir ja auch im „BRD-Apparat“ mit drinstecken. Der Besitzer des Darkrooms in Leipzig war nachträglich unglücklich über die Darstellung. Er empfand die Reportage als schwulenfeindlich. Wenn das Leute denken, tut mir das unfassbar leid.

Wie abstumpfend sind diese Einblicke in die Abgründe menschlichen Lebens?

Ich habe das Gefühl, ich werde eher toleranter. In manchen Punkten habe ich gemerkt, dass jeder eine Barriere im Kopf hat, aber man kann diesen Schritt darüber gehen und offener werden.

Gibt es Themen, die nicht funktionieren? Auch vom ZDF aus?

Das Thema Sodomie wollte ZDFneo als einziges nicht machen. Im Allgemeinen haben wir sehr freie Hand. Das Thema „Sterbehilfe“ wollten wir mit jemandem machen, der am Ende des Films tot ist. Es war uns dann aber doch zu viel – du arbeitest schließlich auf ein Ende hin, bei dem jemand stirbt. Es gibt auch Themen, die bei uns nicht funktionieren würden. Rockerklubs oder Scientology zum Beispiel, da wir da von deren Seite nicht einen Funken Interesse an einer realistischen Darstellung hätten. Wenn du mit den Hells Angels oder Bandidos rumläufst, und die dann nicht bereit sind, auch alle Türen zu öffnen, kann das nur ein PR-Film werden.

Wo sehen Sie „Wild Germany“ in Zukunft? Im ZDF-Hauptprogramm?

Ich glaube, fürs Hauptprogramm des ZDF ist es doch noch zu krass. Wir könnten wahrscheinlich noch Themen für eine gute fünfte, auch sechste Staffel finden. Aber wenn man irgendwann Themen aufgreift, die man früher langweilig fand, dann sollte man auch aufhören.

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