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Medien Im „Wunderbus“ nach Westen
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09:19 27.07.2014
Der Schauspieler Thomas Rühmann spielt den DDR-Anwalt Wolfgang Vogel. Quelle: Maurizio Gambarini (Archiv)
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Die Szenerie ist bedrückend: Gefangene sitzen in einem Bus. Es ist totenstill. Die Anspannung der politischen Häftlinge ist extrem. Plötzlich tritt ein Mann in den Bus, der ihr Schicksal wesentlich beeinflusst hat, und verbietet ihnen nach dem Ende ihrer Fahrt jegliche Äußerungen gegenüber der West-Presse – „im Interesse der anderen“: der Ost-Berliner Rechtsanwalt und DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel. Er gehört zu den bekanntesten und zugleich zwiespältigsten Personen der deutschen Geschichte. Der MDR beleuchtet sein Leben in einem Film mit dem Titel „Wolfgang Vogel – Der DDR-Anwalt mit dem goldenen Mercedes“ (Regie: Pepe Pippig; Autorin: Nina Koshofer). Die Titelrolle spielt Thomas Rühmann (59) – bekannt als Chefarzt in der MDR-Serie „In aller Freundschaft“. „Leute aus meinem Bekanntenkreis hatten auch Kontakt mit ihm“, sagt Rühmann. „Die Szenen aus dem Bus, sagen sie, seien genau so gewesen.“
Der Film ist der Auftakt für fünf neue Folgen der MDR-Reihe „Geschichte Mitteldeutschlands“ in ihrer 16. Staffel. Anhand von Spiel- und Dokumentarszenen, Archivmaterial, Interviews mit Vogel selbst, Zeitzeugen, Politikern wie Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) und Vogels Sohn Manfred werden auch Einblicke ins Privatleben des Anwalts gegeben.

Vogel mischte auch beim Austausch von Agenten mit. Er gehörte laut dem Film zu den wenigen Anwälten mit einem Examen, das in Ost und West zugelassen waren. Seine Frau Eva kam mit der Situation und dem Einfluss der Stasi nicht klar. „Ich halte es nicht mehr aus, die beobachten uns. Lass uns weggehen mit den Kindern“, heißt es in der Dokumentation. Vogel soll ihre Ausreise ermöglicht haben. „Für ihn selbst kam eine Ausreise nicht infrage“, sagt Sohn Manfred über seinen Vater, denn er verfügte in der DDR über Macht und Geld. Altkanzler Schmidt sagt über Vogel, er sei als „zuverlässiger Mensch“ in Erscheinung getreten. Aus seiner Sicht sei es ein „Kunststück“ gewesen, das Vertrauen der Westdeutschen zu gewinnen und das Vertrauen der Ostdeutschen nicht zu verlieren. Laut MDR werden in dem Film erstmals die Anfänge Vogels als späterer Anwalt mit Sonderstellung, zwischen 1953 und Ende der siebziger Jahre, dargestellt.

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Als Anwalt mit besten Beziehungen zur SED-Führung und auch zur Bundesregierung in Bonn verhandelte Vogel seit Anfang der sechziger Jahre über den Freikauf von Tausenden Häftlingen aus DDR-Gefängnissen und die Ausreise von mehr als 250.000 DDR-Bürgern in den Westen.

Als „Vogelkäfig“ bezeichneten Gefangene die Haftanstalt Kaßberg in Chemnitz (Sachsen). Von 1966 bis 1989 war sie das zentrale Abschiebegefängnis der DDR bei Freikäufen. Die Bundesrepublik zahlte mehr als 3,4 Milliarden D-Mark dafür. Im sogenannten „Wunderbus“ ging es dann in den Westen, wie Zeitzeugen in Chemnitz schildern. Bis zur DDR-Grenze habe in dem Bus Stille geherrscht. Als die lang ersehnte Freiheit endlich Wirklichkeit wurde, ertönten West-Schlager aus dem Radio. Wolf-Dietrich Krause, wegen staatsfeindlicher Hetze in der DDR verurteilt, war bei der Voraufführung des Films sichtlich bewegt. Die Anspannung im Bus sei bei seiner Ausreise extrem gewesen. „Und ich hatte Angst, dass es doch nicht klappt.“ Über Vogel wolle er keinen Stab brechen. Er sei dem zwischenzeitlich Verstorbenen für die Ausreise bis heute dankbar. Aber: „Er war kein Samariter. Es war letzten Endes Menschenhandel, aber für uns gab es keine Alternative.“

Petra Buch

Fernsehtipp

„Wolfgang Vogel – Der DDR-Anwalt mit dem goldenen Mercedes“ | MDR. Geschichtsdoku mit Thomas Rühmann. Sonntag, 20.15 Uhr.

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