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Medien Lustige Lokalkrimis und tagesaktueller Gottschalk sollen RTL ärgern
Mehr Welt Medien Lustige Lokalkrimis und tagesaktueller Gottschalk sollen RTL ärgern
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19:51 09.11.2011
Hauptkommissar Peter Schulte (Golo Euler) bewundert Staatsanwältin Saskia Henker (Rike Schmid) – nicht nur für ihre Ermittlungskünste. Quelle: ARD
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Die ARD zieht in den Kampf. In den Kampf um Quoten und Geld, gegen die Privaten – und auch gegen sich selbst. Konkret kämpft Das Erste um die 120 Sendeminuten zwischen 18 und 20 Uhr: das Vorabendprogramm. Seit Jahren eine Großbaustelle – nun soll endlich das richtige Rezept gefunden sein, damit die Zuschauer auch vor der 20-Uhr-„Tagesschau“ – zur einzigen Tageszeit also, zu der die ARD mit Werbung richtig Geld verdienen kann – das Erste einschalten.

Zuletzt gelang das aber immer weniger. Im laufenden Jahr 2011 erreichte der ARD-Vorabend mit Sendungen wie „Duell im Ersten“ oder „Wissen vor 8“ desaströse Quoten weit unter zehn Prozent. Bei der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen konnte überhaupt nur „Verbotene Liebe“ die Fünf-Prozent-Hürde knacken. Kurzum: Die Verantwortlichen haben sich oft die Finger verbrannt, vieles verdampfte ohne Folgen, mit der originellen Serie „Türkisch für Anfänger“ fremdelte das Stammpublikum, und ein dauergrinsender Florian Weber konnte Jörg Pilawa als Quizmaster nie ersetzen.

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Nun also eine neue Offensive. Frank Beckmann, ARD-Koordinator für den Vorabend, hat sich dafür drei Wunderwaffen ausgesucht: Regionalkolorit, Spannung und Humor. Vereint werden die drei Elemente in gleich sechs neuen Provinzkrimiserien, die mehr auf kauzige Typen als knifflige Fälle setzen, denn es geht vor allem um eines: Lachen. Ernst wird es erst wieder mit dem „Tagesschau“-Gong.

„Heiter bis tödlich“ lautet denn auch das Motto des Krimi-Sechsers, der seit Ende ­Oktober den 18.50-Uhr-Slot aus seinem ­Quotenloch holen soll. Den Anfang machte dienstags „Nordisch herb“, in der es Kommissarin Nora Neubauer (Loretta Stern) aus Berlin nach Husum verschlägt, wo sie dem nordfriesischen Kollegen Jon Petersen (Frank Vockroth) beim Ermitteln näher kommt als ihr lieb ist. Mittwochs geht’s nach Oberbayern zu den Polizeiobermeistern „Hubert & Staller“ (Christian Tramitz, Helmfried von Lüttichau), deren voralpine Gemütlichkeit vom neuen Vorgesetzten aus Dortmund gestört wird.

Und ab Donnerstag läuft die Serie „Henker & Richter“ aus dem westfälischen Kaff Büdringhausen. Hier, mitten im idyllischen Münsterland, trifft der geruhsame, alteingesessene Richter Klaus Wagenführ (Martin Lindow) auf die zackige, ehrgeizige Staatsanwältin Saskia Henker (Rike Schmid), die sich von Düsseldorf in das verschlafene Nest versetzen ließ, um ihre vertüddelte Oma zu pflegen. Am kleinsten Amtsgericht Westfalens gibt es prompt erstaunlich viele Fälle, bei denen die beiden Beamten sich ordentlich „käbbeln“ (ärgern) dürfen. In der ersten von 16 Folgen setzt ein Feuerteufel Büdringhausens Scheunen, Hütten und Bushaltestellen in Flammen. Ein Täter ist schnell gefasst, doch „wer hier ins Gefängnis muss, das entscheide ich, und zwar in aller Ruhe“, sagt Richter Wagenführ. Diese hinterwäldlerische „Richt“-Geschwindigkeit bringt die Neuprovinzlerin naturgemäß auf die Palme.

Das Prinzip der zunächst drei Serien, mit denen das Erste seinen Krimi-Kanon am Vorabend startet, ist auffallend ähnlich: Frei nach „Mord mit Aussicht“ verschlägt es stets einen Kommissar, Staatsanwalt oder Polizisten von der Großstadt in die Provinz, wo er sich mit treudoofen Dorfdeppen und frisierten Mofas herumärgert, bis ein echtes Verbrechen geschieht. Als Vorbild für die lokalen Schmunzelkrimis diente das „Großstadtrevier“, das montags auch nach 25 Jahren noch solide zehn bis zwölf Prozent Marktanteil erreicht. Aber auch der „Tatort“ gilt laut ARD-Mann Beckmann als großer Bruder: „Wir haben bewiesen, dass wir mit dem ,Tatort‘ eine erfolgreiche Marke entwickeln konnten. Diese Kompetenz wollen wir nun nutzen, um den Vorabend zu erneuern.“ Tatsächlich aber machen etwa „Henker & Richter“ den „Tatort“-Ermittlern Boerne und Thiel im Münsterland keine Konkurrenz.

Den Krimi-Sechser voll machen im Frühjahr „Alles Klara“ aus Quedlinburg am Harz und „München 7“. Außerdem entsteht in der Schwäbischen Alb die Serie „Fuchs und Gans“. Damit hat die Vorabendoffensive der ARD aber kein Ende. Um RTL mit seinem Quotenhit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (über 20 Prozent) endlich mal unter Druck zu setzen, wagt das Erste ein Experiment: Thomas Gottschalk soll ab Januar mit einer halbstündigen, heiteren „Tagesshow“ zwischen der Krimiserie und den 20-Uhr-Nachrichten Quoten bringen. Ähnliches versucht seit Kurzem auch Kai Pflaume freitags mit seiner Rateshow „Drei bei Kai“. Schmunzelnachrichten nach Schmunzelkrimis? Sieg oder Niederlage? Für Gottschalks neuen Sendeplatz ist alles möglich. Prognose: „heiter bis tödlich“.

„Henker & Richter“ | ARD
Neue Lokalkrimiserie
Ab Donnerstag, 18.50 Uhr

Sophie Hilgenstock