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Medien "Le Monde" kämpft ums Überleben und gegen Sarkozys Einmischung
Mehr Welt Medien "Le Monde" kämpft ums Überleben und gegen Sarkozys Einmischung
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10:23 16.06.2010
„Angriff auf die Pressefreiheit“: Eine junge Frau liest „Le Monde“. Das 1944 gegründete französische Blatt hat einen legendären Ruf, leidet wie andere Printmedien aber unter der Flaute auf dem Werbemarkt und sucht einen Investor.
„Angriff auf die Pressefreiheit“: Eine junge Frau liest „Le Monde“. Das 1944 gegründete französische Blatt hat einen legendären Ruf, leidet wie andere Printmedien aber unter der Flaute auf dem Werbemarkt und sucht einen Investor. Quelle: dpa
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Es geht um die Welt, um „Le Monde“, Frankreichs renommierteste Tageszeitung. Und es geht darum, wem die mit einer Auflage von 288 000 Exemplaren nach „Le Figaro“ und der Sportgazette „L’Équipe“ drittgrößte Tageszeitung in Frankreich gehören soll. Einen Machtmenschen wie Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy lässt so etwas nicht kalt. Zumal er, wie Anrufe des Präsidenten in der Chefredaktion bestätigen, sich in dem Blatt nicht immer so wiederfindet, wie er das gerne hätte.

Zwei Konsortien haben bisher angeboten, in die tiefrote Zahlen schreibende Zeitung zu investieren. Und Sarkozy hat deutlich gemacht, welches seiner Meinung nach auf gar keinen Fall den Zuschlag bekommen sollte: das Trio aus dem Internet- und Mobilfunkunternehmer Xavier Niel, dem Kunstmäzenen Pierre Bergé, einst als Lebensgefährte des Modeschöpfers Yves Saint Laurent ins Rampenlicht getreten, und dem Investmentbanker Matthieu Pigasse, Chef des Kreditinstituts Lazard Frères.

Der Staatschef hat Éric Fottorino zu sich zitiert, den Direktor der unter Verlusten, Auflagenschwund und Altschulden leidenden Zeitung, und hat ihm erläutert, wieso die Dreierbande nicht tragbar sei. Niel sei „der Mann von der Peepshow“, soll Sarkozy in Anspielung auf dessen erste unternehmerische Schritte im Telefonsex- und Peepshowgeschäft gesagt haben.

Vermutlich hat er noch mehr gesagt, schließlich dürfte den Staatschef an dem Trio Niel-Bergé-Pigasse noch weitaus mehr stören als nur frühere fragwürdige Geschäfte eines der Mitglieder. Anstoß nehmen könnte Sarkozy etwa daran, dass sich Bergé und Pigasse offen zur sozialistischen Opposition bekennen und Bergé die Genossen auch noch großzügig sponsert. Niel wiederum mag dem Hausherrn des Élysée-Palasts nicht genehm sein, weil er sein Geld in regierungskritische Websites steckt. Wenn zutrifft, was das Konkurrenzblatt „Libération“ schreibt, dann ist Sarkozy die Vorstellung, die drei könnten die Kontrolle über „Le Monde“ übernehmen, so unangenehm, dass er Fottorino sogar mit dem Entzug staatlicher Unterstützung für die Modernisierung der Zeitungsdruckerei gedroht hat.

Sollte sich der Präsident durchsetzen, würde der zweite Bieter das Rennen machen: Claude Perdriel, Verleger des Wochenmagazins „Nouvel Observateur“, unterstützt von France Télécom. Das linksliberale Magazin mag zwar auch nicht ganz nach dem Geschmack des Élysée sein, France Télécom ist es dafür aber umso mehr. Der Staat hält an Frankreichs größter Telefongesellschaft 26 Prozent, France-Télécom-Chef Stéphane Richard gilt als Vertrauter des Staatspräsidenten.

Der Verlag von „Le Monde“ spielt erst einmal auf Zeit. Die Frist zur Abgabe von Angeboten, die vergangenen Freitag hätte auslaufen sollen, wurde bis zum 24. Juni verlängert. Eine Kapitalerhöhung ist unumgänglich. Die Schulden der Zeitung belaufen sich bereits auf fast 100 Millionen Euro. Ohne Finanzspritzen droht schon am 10. Juli die Zahlungsunfähigkeit.
Die Redaktion, die „Le Monde“ bisher zusammen mit anderen Verlagsmitarbeitern und einer Lesergesellschaft kontrolliert, hat sich weitgehend in ihr Schicksal gefügt. Sie ist bereit, die Macht künftig mit einem Investor zu teilen. Aber dass es nun ein Geldgeber von Sarkozys Gnaden sein soll, das geht so manchem Redakteur dann doch zu weit.

Fottorino versucht die Wogen zu glätten. Der Zeitungsdirektor erinnert daran, dass die Staatsmacht schon immer „ein Auge auf ,Le Monde‘ geworfen“ hat. In der Tat hat etwa der sozialistische Präsident François Mitterrand den ihm zugetanen Chef der Großbank PNB einst gebeten, dem aufmüpfigen Blatt keine Kredite mehr zu geben. Was den sozialistischen Abgeordneten Julien Dray am Montag allerdings nicht gehindert hat, Sarkozys Vorstoß als „Angriff auf die Pressefreiheit und eine unerträgliche politische Einmischung“ zu geißeln.

Wobei Sarkozy nicht nur bei „Le Monde“ mitzureden versucht. Der Präsident hat eine Reform durchgesetzt, die seinen Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender mehrt und es ihm ermöglicht, deren Chef zu ernennen. Italienische Verhältnisse in Frankreich? Viele Medienexperten sehen Parallelen zwischen dem Machtgebaren von Silvio Berlusconi und dem seines französischen Kollegen.

Axel Veiel

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